Versuchsobjekt Mensch

von Erika Reglin-Hormann

Wie wirkt ein bedingungsloses Grundeinkommen auf das Verhalten des Menschen?

Bei uns in Deutschland ist man schnell bei der Hand, ein BGE als Ursache für ein künftiges Abhängen in der sozialen Hängematte zu prognostizieren. Anscheinend glaubt man, große Bevölkerungsteile hätten dann nichts Besseres zu tun, als sich auf dem Geld auszuruhen und frech jede Arbeit zu verweigern. Nebenbei gefragt: Wo kommt so so eine Verweigerungshaltung eigentlich her?

Hierzu greifen die Medien gern auf öffentlichkeitswirksame Beispiele der deutschen Arbeitslosenszene zurück: Henrico Frank und Arno Dübel; der eine gilt als der berühmteste, der andere als der frechste Arbeitslose. Zuhause vor den Bildschirmen bildet sich eine entrüstete Menge, die nicht fassen kann, was bei uns im Land los ist. Und solchen Leuten auch noch ein Grundeinkommen schenken? Nein, Danke, sagen da viele.

Nur: Sich selbst um etwas zu bringen, weil man es anderen nicht gönnt: das ist schon etwas seltsam.

Dass beide Herren auch nichts anderes sind, als Futter für die Einschaltquoten, möglicherweise mit Honorar geködert, um im Fernsehen als stereotype Nichtsnutze aufzutreten, ist der eigentliche Skandal. Es ist schwer, sich gegen diese Art der Meinungsmache zu wehren. Stattdessen blickt man – irgendwie auch genüsslich – auf diese schändlichen Beispiele deutschen Versagens und fragt sich, wer sich sonst noch am System gesund schmarotzt. Willkommen bei “Running Man”.

Es geht auch anders. Das zeigt man leider nicht in der Hauptsendezeit. Nämlich wieder mal nicht bei uns, sondern fernab. Nämlich in Ländern wie Namibia, Sambia oder Brasilien. Dort geht es den Leuten tatsächlich so schlecht, dass sie keine Zeit haben, sich auf dem heimischen Sofa über andere zu empören. Dringende Hilfe ist geboten und so wurden Feldversuche gestartet, um zu sehen, wie die Menschen sich verhalten, wenn man ihnen statt Lebensmittel, Medikamente und Kleidung einfach genügend Geld auszahlt, damit sie eigenständig haushalten können. Die Befürchtung, diese elenden Menschen würden sich von dem Geld Alkohol kaufen oder es einfach sinnlos verprassen, hat sich nicht bewahrheitet. Tatsächlich erzielten die Versuche erfreuliche Ergebnisse.

Dazu schrieb die taz: Aktuelle Praxisbeispiele zu Feldversuchen zum Grundeinkommen z. B. in Namibia zeigen sehr positive Wirkungen: Der Prozentsatz mangelernährter Kinder ist demnach von 42 auf 17 Prozent gefallen. Die Zahl der Eltern, die Schulgeld bezahlen, hat sich verdoppelt: Statt bisher 40 brechen nur noch fünf Prozent der Kinder die Schule ab. Auch Gesundheit steht ganz oben auf der Prioritätenliste: Die Zahl derjenigen, die vier Dollar für einen Arztbesuch auf den Tisch legten, hat sich seit Januar verfünffacht. Das für die Nachhaltigkeit des Projekts vielleicht wichtigste Ergebnis: Mit ihrer Arbeit ist es den Bewohnern gelungen, ein Gesamteinkommen zu erzielen, das über der Summe des ausgezahlten Grundeinkommens liegt. Die Kriminalität in und um Otjivero ging unterdessen um 20 Prozent zurück”.

Was kann man daraus schlussfolgern? Dass es unserer Bundesrepublik noch nicht schlecht genug geht? Brauchen wir etwa nambische Verhältnisse, um unser Menschenbild zurechtrücken zu können? Setzt ein Einsehen zu mehr Eigenverantwortung erst dann ein, wenn es an den ganz persönlichen Kragen geht? Jammern auf hohem Niveau, das zeichnet uns schon irgendwie aus. Dabei wissen wir doch, dass dieses Niveau Gefahr läuft, zusehends in die Tiefe zu driften.

Nun ist es nicht so, dass jeder automatisch glaubt, was in der Zeitung steht. Etwas mehr Substanz, um die Aussagen zu untermauern, braucht es schon. Weitere Beispiele lassen sich heranziehen.

So etwas ähnliches wie ein Grundeinkommen gibt es in Alaska. Dort wurde in den Siebziger Jahren per Volksentscheid erreicht, dass jeder Bürger des Landes über einen staatlich eingerichteten Fond aus den Erdöl-Erlösen eine jährliche Summe erhält. Die Auszahlung erfolgt bedingungslos an alle. Es handelt sich hier jedoch nicht um einen die Existenz sichernden Geldbetrag, er liegt bei etwa 1150 Euro. Immerhin, eine Maßnahme, die sich bei uns niemand vorstellen kann. Geld vom Staat. Einfach so. Ohne Steuererklärung, ohne Einreichung der Geburtsurkunde, ohne Kopien der Bankauszüge, ohne die Beweisführung, man habe das auch tatsächlich “verdient”.

Auch in Brasilien ist im Jahr 2004 ein Grundeinkommen von der Regierung beschlossen worden. Man verankerte das Gesetz sogar in der Verfassung. Das Grundeinkommen, so der Plan, soll in mehreren Stufen umgesetzt werden. Derzeit ist es nicht bedingungslos, sondern den ärmsten Bevölkerungsteilen vorbehalten. Die Auszahlung des Grundeinkommens ist an die Teilnahme von Alphabetisierungsprogrammen, Gesundheitsprogrammen und Bildungsprogrammen für Kinder gebunden. Das Ziel dürfte klar sein: Es geht um die Vermeidung von Armut.

Besonders spannend ist, dass in den Vereinigten Staaten von Amerika und auch Kanada bereits in den siebziger Jahren des 20. Jahrhunderts mehrere Versuche unternommen worden sind, ein Grundeinkommen zu testen. Solcherlei Informationen findet man, wenn man gezielt nach ihnen sucht oder sich einschlägige Literatur einverleibt (Philippe VanParjis und Yannick Vanderborght / “Ein Grundeinkommen für alle?”).

Das Buch beschreibt diverse Feldversuche. Darunter auch das Experiment “Mincome”:  bei dem erhielten die Bewohner von Dauphin (Kanada) rund drei Jahre lang – von 1974 bis 1977 – eine individuelle jährliche Summe, die gegenwärtig einem Wert von etwa 5.500 US-Dollar entspricht. Das Projekt fand ein jähes Ende, die Ergebnisse der Studie wurden lediglich in Teilen veröffentlicht. So viel ist bekannt: Ein nur geringer Rückgang der Arbeitsbereitschaft konnte dabei festgestellt werden. Auch hier: nichts zu entdecken von einer zur Trägheit mutierten Masse.

Professorin Dr. Evelyn Forget, von der Universität in Manitoba, bemüht sich derzeit, das Sozialprojekt wieder in den Fokus der amerikanischen Öffentlichkeit zu rücken. Mit ihrer Untersuchung “Town with no poverty” greift sie die Ergebnisse der damaligen Studie auf. Deutsche Webseiten zu diesem Thema sind zumindest bei einer ersten oberflächlichen Suchmaschinenrecherche schwer zu finden.

Bevor man jedoch wieder auf Verschwörungstheorie-Ideen kommt, ist dazu zu sagen, dass beide Länder, sowohl die USA als auch Kanada seinerzeit entschieden, dass ein Grundeinkommen schlicht von der Mehrheit im Lande nicht gewollt worden wäre. Ob das nun gestimmt haben mochte oder nicht. Und tatsächlich ist das gut vorstellbar. Vergleicht man die Amerikaner mit uns Deutschen, so ist die Identifikation weitaus höher als mit den Menschen in Afrika.

Was geschieht in der Bundesrepublik Deutschland?

Laut Medienberichten sind in Brandenburg und Stuttgart zwei Feldversuche zur Idee von dm-Gründer Götz Werner geplant. Je 100 Menschen sollen monatlich 800 Euro erhalten. Das Projekt geht auf die Initiative von Helga Breuninger, von der Stuttgarter Breuniger Stiftung zurück. Es ist auf zwei Jahre begrenzt. Wann genau damit gestartet werden soll, ist noch unklar.

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