Volle Beschäftigung voraus!


Von Erika Reglin-Hormann, 28. März 2010

Die Vollbeschäftigung – das Schlagwort der Politik in diesem Jahrtausend

Unser Land beherbergt 82 Millionen Bundesbürger. Die Zahl der Vollbeschäftigten – also derer, die in einem sozialversicherungspflichigen Beschäftigungsverhältnis stehen – liegt bei rund 27 Millionen. Zweiundachtzig minus siebenundzwanzig macht fünfundfünfzig. 55 Millionen Menschen in diesem Land existieren also jenseits der definierten Vollbeschäftigung.

Wie machen die das? Rund 5 Millionen Menschen gehen einer geringfügig entlohnten Beschäftigung nach. Etwa 3,5 Millionen Menschen sind arbeitslos gemeldet. Bleiben immer noch 46,5 Millionen Menschen

Wer sind all diese Leute?
Es sind beispielsweise Selbstständige, die mit einer Zahl von rund 4,5 Millionen Tätiger zu Buche schlagen. Einen großen Anteil machen die Alten aus, sie stellen etwa 20 % der Bevölkerung, also rund 16,4 Millionen, die das 65. Lebensjahr vollendet haben. Bleiben noch etwa 25,6 Millionen Menschen, die hier noch keinen Platz gefunden haben. Dies müssen also unsere Kinder sein. Diejenigen mitgerechnet, die sich noch in Schul- oder Berufsausbildung befinden (also minderjährige und volljährige Kinder gleichermaßen). Hierzu muss man wohl auch die Personen hinzuzählen, die als „unbezahlt mithelfende Familienangehörige“ bezeichnet werden und sich keiner der genannten Kategorien zuordnen lassen. Der Rest ist Statistik.

Das Statistische Bundesamt erklärt in einer Pressemitteilung vom 18. November 2009: „Heute leben in Deutschland etwa 82 Millionen Menschen, 2060 werden es voraussichtlich nur noch 65 bis 70 Millionen sein. Daneben kommt es zu erheblichen Veränderungen in der Altersstruktur der Bevölkerung. Heute sind 20% der Bevölkerung 65 Jahre oder älter. Bereits in den kommenden beiden Jahrzehnten wird der Anteil älterer Menschen deutlich steigen. „Im Jahr 2060 wird dann jeder Dritte mindestens 65 Lebensjahre durchlebt haben – jeder Siebente wird sogar 80 Jahre oder älter sein“ sagte der Präsident des Statistischen Bundesamtes (Destatis), Roderich Egeler, im Rahmen einer Pressekonferenz zur 12. koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung.“

Wer es bis jetzt immer noch nicht wusste, dem erhellt sich der Geist:
Einem Land, das auf den gesetzlichen Sicherungssystemen wie unserem aufgebaut ist und in dem die Bundespolitik glaubt, dass vom Reden darüber selbige „Arbeitsplätze geschaffen“ werden könnten, die ein System bedienen, dass sich selbst nicht mehr finanzieren kann, diesem Land muss geholfen werden.

Hurra, ich bin arbeitslos!

Eines ist bei der Betrachtung dieser Zahlen und Prognosen deutlich: Die Arbeitskraft Mensch greift hier nicht mehr. Der Arbeitsmarkt – so wie er momentan ist – wird zum Feind des Menschen. Während die Produktivität steigt.  Mit steigender Produktivität reduzieren sich ja aber nicht die (nicht konsumorientierten) Bedürfnisse der Menschen. Sie sind nach wie vor existent.

Was aber tun diese Leute, die bei der Bank, im Supermarkt, in den Produktionsstätten, in öffentlichen Einrichtungen und so weiter nicht mehr gebraucht werden? Wie sieht die landläufige Reaktion auf Rationalisierung aus? Statt sich zu freuen, dass gewisse, oft auch lästige Arbeiten nun von Maschinen erledigt werden, ist man stattdessen betrübt. Und ängstlich. Statt zu akzeptieren, dass an dem Alten (was ja nicht per se gut gewesen sein muss) nicht mehr festzuhalten ist und sich neuen Aufgaben zuzuwenden, hat man die öffentliche Berechtigung, sich selbst zu bemitleiden. Oder gegen die Arbeitsplatzvernichter auf die Straße zu gehen. Vielleicht sollte man inne halten und sich fragen, wogegen man da eigentlich demonstriert. Und ob man sich nicht instrumentalisieren lässt.

Ein Grundeinkommen würde an dieser Stelle einrasten. Verliert jemand seinen Arbeitsplatz, weil seine menschliche Arbeitskraft durch eine Maschine ersetzt worden ist oder weil das Unternehmen schlecht gewirtschaftet hat oder – in üblen Fällen – seine Mitarbeiter übervorteilte, darf man sich selbst die Frage stellen: Warum sollte man an einem Arbeitsplatz festhalten wollen, wenn der technische Fortschritt ihn überholte oder aber die Unternehmensführung nicht mit den eigenen Wertvorstellungen einherging? Wie attraktiv erscheint ein solcher Platz dann noch? Geistige Flexibilität sollte man da schon manchmal mitbringen.

Vielen der so arbeitslos Gewordenen wird jedoch suggeriert, sie müssten sich unbedingt einen neuen sozialversicherungspflichtigen Job suchen, weiterhin in das marode System einbezahlen und sich fragwürdige Anwartschaften auf eine Rente sichern. Manche übernehmen die Suggestion gar selbst.

Jeder sieht auf der anderen Seite aber auch, dass menschliche Arbeitskraft an allen Ecken und Enden dringend gebraucht wird. Ganz besonders in der so genannten Daseinsvor- und fürsorge. Womit Tätigkeiten gemeint sind, die eine erzieherische oder soziale Komponente beinhalten. In der Erziehung, in der Pflege, in der Bildung. Und darüber hinaus: in der Kultur und in der Forschung und Entwicklung.

Nimmt man nun also die gestiegene Produktion, nimmt man die Güter, die erzeugt und konsumiert werden, dann muss man eigentlich zu dem Schluss kommen, dass jeder Einzelne in unserem Land unbeschwert satt und zufrieden sein könnte.

Kinder, hier ist das Paradies!

Ihr dürft es zwar sehen und anfassen, aber ihr dürft nicht hinein!

Wie kann man außerdem einem Fünfjährigen erzählen, dass man „Geld verdienen müsse“, wo es doch in den Geschäften vor Warenofferten nur so strotzt? Wie kann ein Kind, das in einer solchen Umgebung aufwächst, nicht automatisch schlussfolgern, dass an der Aussage seiner Eltern „man habe nicht genug Geld“ etwas faul sein muss? Wie kann es angehen, dass man sich um Miete, Nahrung und Existenzielles Sorgen machen muss, wenn doch um einen herum scheinbar paradiesische Verhältnisse herrschen? Kann das einer unseren Kindern erklären? Warum zahlt man für den Bus, wenn man doch bereits Steuern für den Ausbau der Straßen berappt hat? Wieso sind öffentliche Verkehrsmittel nicht kostenlos? Kinder stellen sich diese Fragen. Wir Erwachsenen wissen es aber immer besser. Und vererben fleißig unsere Resignation vor der Obrigkeit.

Jeder halbwegs denkende und fühlende Mensch erkennt, wo es an Kräften mangelt. Angefangen bei der eigenen Familie. Dass man im Zusammenhang mit einem Grundeinkommen und dem dadurch möglichen sozialem Engagement davon spricht, dieses laufe Gefahr, ins Private zu rutschen, ist mehr als merkwürdig. Was, wenn nicht das Kümmern um die nächsten Angehörigen, ist noch privater? Gibt es irgend etwas, das diesen Grad an Privatheit übertrifft?

Ein Schrumpfen des Marktes im Bereich der öffentlichen Daseinsvorsorge würde vielleicht dazu beitragen, dass sich der daran gekoppelte Markt der Pharmaindustrie, die im Bereich der Heil- und Hilfsmittel mit der Inkontinenz alter Menschen hübsche Gewinne machen, ein wenig reduzierte. Stattdessen könnte man den alten Menschen dabei helfen, allein die Toilette aufzusuchen oder länger körperlich und geistig fit zu bleiben. Denn menschliche Zuwendung und Nähe: für so etwas ist in diesem Markt kaum Zeit.

Die Forschung ist längst zu dem Ergebnis gelangt, dass die Lebensqualität von alten Menschen dadurch erhalten bleibt, dass sie sich der Gemeinschaft zugehörig fühlen, einen Sinn in ihrer Existenz sehen. Auch ohne die Forschung dafür heranzuziehen, enthüllt diese Aussage jedem guten Beobachter ihre eigene Wahrheit. Schon seit Jahrtausenden.

Sich im Alter noch gewisse Interessen zu bewahren und neugierig zu bleiben, hilft dabei, das Altsein und Altwerden besser zu akzeptieren. Regelmäßige Speisung und Körperhygiene hingegen – davon werden nicht mal die Tiere im Zoo glücklich.

Kann den die Lösung wirklich lauten, so einen künstlichen Markt aufrecht erhalten zu wollen, ihn gar zu vergrößern, damit die prognostizierten Alten auch in Zukunft von „irgendwem“ versorgt werden – nur nicht zuhause? Sicher gibt es Beispiele, bei denen es anders und besser läuft. Ganz sicher gibt es Angestellte in Heimen, die sich sehr engagiert ihren Schützlingen widmen. Diese Menschen sollten das weiterhin mit mehr Zeit und Intensität tun dürfen. Und die Angestellten einer sozialen Einrichtung, die ihren Job nicht ertragen oder gar hassen, sollten endlich nach Hause gehen und etwas anderes machen dürfen.

Wenn ein Grundeinkommen zur langfristigen Folge hätte, dass wir als Menschen erkennen, dass wir zum Leben eigentlich gar nicht so viel (Geld) brauchen, wie wir es uns zurzeit noch so heftig wünschen, wäre das ein Schritt in die richtige Richtung. Was wir brauchen, ist das Gefühl, einer Gemeinschaft etwas zu geben und etwas dafür zurückzubekommen. So etwas nennt man gegenseitige Wert-Schätzung.

Möglicherweise würde sich eine Ökonomie des Überflusses in eine Gesellschaft des optimalen Konsums entwickeln, wie es Erich Fromm einmal formuliert hat. Ein „Zuverdienst“ zu einem Grundeinkommen ist völlig in Ordnung – ein Niedriglohnsektor ist nichts, was man weiterhin verteufeln bräuchte. Zumal das ein jeder selbst bestimmen könnte.

Menschen haben ganz unterschiedlich Bedürfnisse wenn es um ihre Lebensgestaltung geht. Genehmigen wir uns doch die Freiheit, zu entscheiden, wie sie aussehen.

Anzupacken gib es genug. Fangen wir doch endlich damit an!

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