Wohlstand auf dem Lebenskonto – Übelstand im Kopf

von Erika Reglin-Hormann

Zwei bis drei Jahrzehnte im Job – was sagen solche Leute zum Grundeinkommen?

Eine sehr subjektive Erfahrung kann man dort machen, wo Künstler, Dozenten, Berater oder sonstwie relativ bescheidenem Erwerb Nachgehende auf Artgenossen treffen, die ebenfalls selbstständig sind.

Während der Kunstmaler oder wenig bekannte Schriftsteller – allein schon historisch – daran gewöhnt ist, mit seiner Art der Arbeit nicht unbedingt finanzielle Riesensprünge machen zu können, müssen sich beispielsweise Ärzte mit eigener Praxis erst noch an den Gedanken gewöhnen, dass ihr Berufsstand kein Garant mehr für bedingungslosen Wohlstand ist. Mancher ist seit zwanzig oder dreißig Jahren im Geschäft und muss seiner Einkommenskurve beim stetigen Herabsinken zuschauen. Schwer, das hinzunehmen und das Beste aus der Situation zu machen. Noch schwerer, andere aus der Verantwortung zu entlassen.

Wenig zufrieden scheint es zu machen, wenn man neben der Berufsausübung beispielsweise noch über eine Immobilie verfügt, in der man entweder selbst residiert oder andere wohnen lässt und somit die Verpflichtung eines Vermieters auf sich nimmt. Glücklich scheint man auch nicht mit der Tatsache zu sein, dass man die wichtigsten Fernreisen bereits unternommen, einen halbwegs vernünftigen Personenkraftwagen in der hauseigenen Garage oder zumindest auf dem Parkstreifen stehen hat, die Kinder – soweit vorhanden – in vernünftige Schulen schicken und sich eine wöchentliche Putzkraft leisten kann.  Man nutzt zwar guten Gewissens schön ausgebaute Straßen, wo man den Zweitwagen bei Sonnenschein mit heruntergelassenem Verdeck spazieren fahren kann und pflegt die Beziehungen, indem man Sonntags zum Grillen in den Garten seines Stadthauses einlädt. Doch mit Schöntaten und guten Reden muss man trotzdem nicht unbedingt Aufmerksamkeit erregen.

Tatsache ist, dass die heute Enddreißiger bis Endvierziger – solche mit gutem Bildungsstand und nunmehr auf zwei  bis drei Jahrzehnte Beruferfahrung zurückblickend – eine reiche Vergangenheit haben. Die Schlagzeilen waren zwar auch schon in den Achtzigern nicht weniger schwarz als heute, die Verhältnisse hingegen waren es nicht unbedingt.

Viele machten interessante Karrieren,

erschlossen sich den Computer,  sahen die Dot.com-Blase sowohl aufgehen als auch platzen. Andere wurden Lehrer, Anwalt oder Biologe. Während die eigenen Eltern noch Campingreisen nach Spanien oder Italien machten, ging man selbst dazu über, Kulturreisen in die weitaus kostspieligere Toskana zu machen und nach Übersee auszuschwärmen – in alle Himmelsrichtungen. Und das bei Flugpreisen, die mit denen von heute nicht zu vergleichen sind. Man ging auf Rock-Konzerte oder auf die Love-Parade, beruflich jetteten nicht wenige an einem Tag von Hamburg nach Düsseldorf und zurück, nur, um an einem zweistündigen Meeting Teil zu nehmen, in der Medienbranche leistete man sich luxuriöse Mitarbeiter-Incentives aus den fetten Etats der Werbung treibenden Markenartikler.

Mitte Zwanzig gab man noch alles für den Job, brannte lichterloh für neue Ideen, lernte, wie man Konzepte schreibt und Strategien entwickelt. In den Marketingabteilungen der Unternehmen wurden extra Stellen hierfür eingerichtet. Es war eine schöne Zeit – Saus und Braus, das war kein Fremdwort, sondern Realität im Leben von ganz vielen ganz normalen Menschen. Irgendwann wurde man dann vollends erwachsen, der Euro kam und während man bei der Ölkrise in den 70ern noch in der Pubertät oder in der Schule steckte, schoben sich die folgenden Krisen einem so nach und nach ins Bewusstsein oder wurden einem mehr oder weniger medial aufgedrückt.

Um das klar zu stellen: Am Lebenskonstrukt ist hier absolut nichts auszusetzen. Die Zeiten waren nicht immer rosig aber im Großen und Ganzen durfte man zufrieden sein. Nur, dass an dieser Zufriedenheit permanent gekratzt wurde – beispielsweise durch die Bekanntgabe der sich verändernden Alterspyramide, immerhin kennen wir die jetzt seit rund 25 Jahren und immer noch schwebt sie über uns wie ein böses Omen. Mit der Zeit gewöhnte man sich an die üblen Schlagzeilen, stumpfte ein wenig dabei ab und versuchte, im Job einigermaßen erfolgreich zu sein. Manche hatten das Glück, bei ihrer Sinnsuche Nachwuchs zu zeugen und sich so einer neuen Lebensaufgabe zuzuwenden. Denn das Partymachen kann schließlich nicht auf ewig weitergehen und langsam aber sicher wurde man sich als Mittdreißiger darüber im Klaren, dass die Clubbing-Szene anderen vorbehalten ist.

Das Leben dieser Generation ist völlig in Ordnung. Aber trotzdem stimmt was nicht. Was ist bloß los mit diesen so vom Leben Begünstigten? Denn eines wird klar: Der Wohlstand war auch eine gewisse Selbstverständlichkeit. Den man so lange genießen konnte, wie er gedauert hat. Für manchen dauert er noch an, für viele jedoch ist es nicht nur theoretisch so, dass man den Gürtel enger schnallt. Zumal:  jünger wird man auch nicht. Verständlich, dass man vielen Dingen eine Träne nachweint. Irgendwann sollte doch aber so etwas wie Pragmatismus einsetzen. Doch etwas anderes setzt ein.

Der Übergriff. Auf solche Menschen, die einen etwas anderen Lebensstil betreiben und es darüber hinaus tatsächlich in Betracht ziehen, den Obdachlosen und dem Ausschuss der Gesellschaft ein Recht auf Teilhabe einräumen zu wollen. Alles, was sich den Wohlstand so “schwer” erarbeitet hat, geht auf die Barrikaden. Es muss was damit zu tun haben, dass die Arbeit nicht wirklich Spaß gemacht hat.

Während der eher am Rande des Existenzminimus kratzende Lebenskünstler es ziemlich gut finden dürfte, endlich ein Grundeinkommen als Netz und doppelten Boden unter sich und der stets winkenden Abgründigkeit des sozialen Desasters einziehen zu können und der dabei den angehaltenen Atem ausstieße, gerät man dort, wo man sich mit unzuverlässigen Mietern und der sinkenden Einkommenskurve herumärgern muss, noch ziemlich außer sich.

Als Vertreter einer Grundeinkommensidee sieht man sich hier – manchmal schneller als einem lieb ist – einem Sturm der Entrüstung gegenüber, der einen in Versuchung kommen lässt, mit dem Finger auf sich selbst zu zeigen und dabei ein fragendes Gesicht zu machen. Es ist nicht leicht, verachtende Äußerungen über die weniger Wohlanständigen der Gesellschaft hinzunehmen und es nicht als Angriff zu werten, wenn sich radikal geäußert wird.

Bewusstsein ja – aber nur so lange, wie es das Konto aushält

Man sollte annehmen, dass das Bewusstsein, das man immerhin auch im Rahmen der Medienberichte augesogen hat, irgend etwas Gutes mit einem gemacht hat. Trauer um das Waldsterben, Atomkraftgegnerschaft, bereitwilliges Akzeptieren der Auto-Katalysatoren und so weiter.

Dennoch begegnet man im öffentlichen Raum mindestens drei von zehn Personen, die scheinbar alles vergessen haben, was an Bewusstsein vorhanden sein sollte. Wohl gebildeten Akademikern, Menschen, die immerhin noch eine Arbeit haben, manche von ihnen mit Zweitwagen und dennoch: Ein Gezeter, dass es in den Ohren schmerzt. Und Schuldige an allen Ecken. Mal ist es der Sozialschmarotzer, mal ist es der Großunternehmer. Selten passiert es, dass einer sich seine Nase im Spiegel anschaut und sich fragt: Was kann ich tun? Wie kann ich helfen? Wo packe ich mit an, um meine Angst zu überwinden und mich sinnvoll einzubringen?

Schade um die schöne Energie, die sich in einer verbalen Verschwendung äußert und nichts außer Weltschmerz hinterlässt. Vergeudete Zeit, die man damit verbrachte, anderen diesen Kummer aufs Auge zu drücken und sich darüber zu wundern, dass der so Angesprochene keine Zustimmung heuchelte, sondern mit einem Lösungsansatz aufwartete.

Schön wäre, wenn die vielen mit so unterschiedlichen Begabungen und Fähigkeiten stattdessen weniger aufgebracht sich einfach mal gegenseitig in Ruhe zuhörten, Zeit nähmen, fragen ließen, was sie selbst unternehmen könnten und man am Ende einer Begegnung nach Hause ginge – um eine Telefonnummer, eine Ahnung und möglicherweise einen Plan reicher.

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2 Kommentare zu „Wohlstand auf dem Lebenskonto – Übelstand im Kopf“

  1. Sehr guter Beitrag und die Analyse trifft voll umfänglich zu!

    Also ich sehe das so, das bei vielen noch gar nicht das Bewusstsein vorhanden ist das wir in einer anderen Epoche schon angekommen sind, viele leben danach das Sie ihr Leben dem Markt unterordnen in der ganzen Konsequenz! Einfach am Bahnhof die Menschen beobachten wenn der Zug sich verspätet und man somit nicht pünktlich im Büro ankommt 😉 Da werden die eben noch so Entspannten ganz hektisch Handys gezückt und rumtelefoniert bis die Schwarte kracht, man rennt hin und her wie ein Haufen nervöser Hühner, die Gesichter angespannt wie seinerzeit der Neandertaler auf der Flucht vor einem Raubtier…

    Alles wird der Marktgesellschaft untergeordnet die eigenen Kinder müssen funktionieren und zur Not gibt es halt die chemischen Ruhigsteller, der Druck wächst und wächst und man stopft denen das geballte Wissen in immer kürzeren Lernzyklen rein, wie war das noch alle 7 Jahre verdoppelt sich das Wissen der Menschheit…

    Wie lange gingen unsere Vorfahren im Mittelalter in die Schule ?

    Nachdenkliche Grüße der rudi

  2. „Und Schuldige an allen Ecken. Mal ist es der Sozialschmarotzer, mal ist es der Großunternehmer. Selten passiert es, dass einer sich seine Nase im Spiegel anschaut und sich fragt: Was kann ich tun?“

    Richtig, Frau Reglin-Hormann, genauso ist es – die „Jagt nach den Schuldigen“ raubt alle positive Energie.

    Viele Grüße und Dank für Ihre tollen Beiträge hier.
    Jörg Buschbeck

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