Willkommen in der Arena!


Von Erika Reglin-Hormann

In der BGE-Debatte gibt es zwei Hauptschauplätze. Erstens: wie soll es bezahlt werden? Zweitens: Wer wird dann überhaupt noch arbeiten wollen? Darüber wird sich heiß diskutiert. Menschen, die für ein BGE sind, versuchen, Aufklärungsarbeit zu betreiben. Auch im Internet. Und so kämpft man um das gute Menschenbild. Und will erklären, dass ein BGE entgegen aller Unkenrufe zu finanzieren ist. Was macht das Ganze so aufreibend?

Wo immer ein BGE diskutiert wird, kann man etwas beobachten: je mehr sich dagegen ausgesprochen wird, umso mehr ist festzustellen, dass sich die BGE-Wehrhaften zu allererst als Opfer empfinden.

Das wird dann entweder indirekt verpackt, indem man über „Hartz IV-ler“ eine pseudo-empathische oder offensiv feindliche Haltung einnimmt, indem man diese oder jene Gruppe von Menschen als ungerechtfertigt in Machtpositionen befindlich darstellt oder indem man sich selbst gegen eine nicht arbeitende Schicht von Menschen abgrenzt. So lange man Arbeit hat. Wie schnell sich die Perspektive verschieben kann, scheint ein Gedanke zu sein, den man gemünzt auf den heutigen Tag, nicht einmal zuende denken kann.

In alldem ist eines zu erkennen: Der Kampf des Menschen gegen sich selbst.

Führt man das Argument der Konsumsteuer an, das im Vergleich zum Einkommensteuermodell gerechter ist, da es keine Personen besteuert, sondern Dinge, könnte man meinen, damit das Problem gelöst zu haben. Doch selbst hier wird sich erneut auf den Menschen bezogen und rasch findet man wieder neue Opfer. Diejenigen, die „arm“ seien oder allein eine Existenz bestritten, wären insofern benachteiligt, als dass sie mit einem konsumsteuerfinanzierten BGE auch die „Reichen“ mitfinanzierten. Die einen fürchten, dass mit Grundeinkommen erst recht der Niedriglohnsektor ausgebaut würde, die anderen fürchten, dass bürgerschaftliches Engagement in den privaten Sektor abrutscht – und bezeichnen das als Gefahr. Gefürchtet wird sich viel.

Jemand, der verstanden hat, worum es geht, hört auf, sich zu fürchten und beginnt, zu verstehen, dass es vollkommen egal ist, wer wie viel besitzt oder woraus sich ein BGE finanziert – Hauptsache alle erhalten es unter denselben Voraussetzungen und es wird intelligent umgesetzt. Die Ungerechtigkeit wird nur dort aggressiv diskutiert, wo sie vom heutigen Standpunkt aus wahrgenommen wird.

Die Argumente werden auf den Acker des derzeitigen Status Quo gestreut.

Schwer vorstellbar, dass es um ein Feld geht, das noch nie bestellt worden ist. Gänzlich anders muss man anfangen zu denken, um sich vorstellen zu können, dass völlig neue Paradigmen entstünden, welche Prognosen oder Rückschlüsse auf menschliches Verhalten nach jetzigem Stand unzutreffend werden ließen. Mit einem Grundeinkommen wäre die Gerechtigkeitsdebatte endlich vom Acker.

Offensichtlich kommen wir nur sehr mühsam aus der Opfer-Debatte raus. Zuerst geht es um Habenwollen und Nichthabenkönnen. Die Gründe dafür sind vielschichtig und werden ebenso engagiert diskutiert. Diejenigen, die sich machtlos fühlen, schielen darauf, wie mächtig die anderen werden könnten, gäbe es ein Grundeinkommen. Wer würde wen wie versuchen, zu übervorteilen? Wo liegen die Tücken, welche Fallen gilt es, nicht zu übersehen? In der Schwämme solcher Misstrauensargumente ist es nicht ganz leicht, die wirklich kritischen Argumente herauszufiltern. Sie sind nicht leicht zu finden.

Diese anstrengende, negative und oft kleinkarierte Denkweise lässt nicht zu, dass man sich über die Dinge stellt. Weil man nicht auf die Idee kommt, dass ein Grundeinkommen in seiner Wirkung die Haben-Wollen-Müssen Denkweise aufzulösen imstande wäre.

Welches Szenario käme den BGE-Gegnern entgegen?

Wie kann man sie herausholen aus dem Streitgespräch, bei dem es um Neid oder Gönnerhaftigkeit geht? Die Gegenerschaft findet sich vor allem in der Mittelschicht. Weil die Gemeinsamkeit darin liegt, sich als Opfer zu fühlen. Ein Grundschullehrer fühlt sich genauso gefährdet wie ein Zahnarzt, eine Angestellte im öffentlichen Dienst genauso wie der Grafikdesigner. Die Mittelschicht ist der Stuhl zwischen den anderen. Die unter ihnen scheinen auf sie überzugreifen, die über ihnen sie auszubeuten. Beiden ist man feindlich gesonnen. Weder dem Arbeitslosen gönnt man eine bestimmte Art von Haben, als demjenigen, der etwas hat, das man selbst nicht hat.

Das Interessante ist, das man mit beiden Schichten so gut wie nichts zu tun hat und die Diskussionen in deren Abwesenheit führt. Die Medien wollen es besser machen und laden sich Leute von der Straße ein – ihnen gegenüber im krassen Gegensatz die Superreichen. Und schon ist die Arena eröffnet. Der Mittelschichtler, das Publikum, darf sich dann ein Urteil erlauben. An wem wird man ein gutes Haar lassen? Muss man da raten? Und dem zum Trotz begreift sich der Mittelschichtler als Opfer, als habe man ihn selbst in die Arena geschickt.

Mama, wieso ist der Himmel blau?

Eine Bewegung ist immer nur so stark, wie sich die Menschen, die dahinter stehen, mit ihr gemein machen können. Zurzeit sieht es so aus, als sei die Gegenbewegung, nämlich die der Nein-Sager und Offensivfragensteller, noch in der Überzahl. Alle, die das Grundeinkommen in seiner Tiefe „verstanden“ haben, sehen sich immer wieder Argumenten gegenüber, die sich gebetsmühlenartig wiederholen und so sehr man sie auch ernst nimmt und wiederlegt, kommt man sich doch so vor, wie die Mutter mit dem Kind, das permanent nach einer göttlichen Antwort verlangt.

Was einen zu dem Gedanken führt, das viele der gestellten Fragen zwar menschlich sind, doch genauso eine reichlich bequeme Haltung offenbaren. Die Bequemlichkeit liegt darin, Fragen zu stellen und auf alles eine Antwort haben zu wollen. Manchem geht es gar nicht darum, das Thema zu vertiefen, sondern um das Gewinnenlassen seiner Ängste. Man ist darauf aus, den Befragten zu überführen, in die Ecke zu drängen und ihm vielleicht endlich die Schnapsidee von einem Grundeinkommen ausgetrieben zu haben. Hier wird nur rethorisch gefragt.

Andere, die zwar nicht abgeneigt sind, formulieren ebenfalls auf jede gegebene Antwort eine neue Frage. Soweit so gut. Es kann aber nicht allein darum gehen, all diesen Fragenstellern fertig präsentierte Antworten zu offerieren. Es muss darum gehen, zu erfahren, was denn die eigene Idee ist von einer Zukunft, die doch gerne genauso oder ähnlich zu sein hat, wie man es gewöhnt ist. Es muss darum gehen, diese Fragensteller endlich zum eigenen Denken zu bewegen. Der Irrtum der Fragensteller ist häufig der, aus sich selbst herauszutreten und andauernd über „andere“ zu sprechen. Selten bezieht so ein Fragensteller etwas auf sich selbst. Dabei bräuchte er doch nur seinen ganz persönlichen Alltag zu betrachten und ihn mal einer kritischen Bewertung zu unterziehen. Aus der Anonymität heraus, in die Intimität hinein.

Patient: Herr Doktor, bin ich krank? Arzt: Was denken Sie?

In der Psychotherapie hat man das längst erkannt. Der Patient, der mit einem Problem zu seinem Therapeutenn geht, wird sich in die unbequeme Lage versetzt fühlen, auf seine drängenden Fragen keine fertig vorgekauten Antworten zu erhalten. Er mag sich darüber ärgern, dass ihm kein Kit überreicht wird, das ihn zu einem erfolgreichen, mitfühlenden, reflektierten Menschen macht. Die Dinge, die ihm unerklärlich und schwierig scheinen, sind genau die, auf die er selbst stoßen muss. Überzeugung und innere Stärke findet sich nur im Selbst. Indem wir uns freischwimmen aus der Oberflächlichkeit des kindlichen Fragenstellers, indem wir anerkennen, dass der Therapeut nicht Gott ist, sondern nur einer, der die richtigen Gegenfragen zu stellen weiß.

Viele der Grundeinkommensseiten im Netz haben einen FAQ-Katalog, um Fragen zu begegnen. Tatsächlich darf irgendwann auch gesagt werden, dass wer ein echtes Interesse an Veränderung hat und daran, die Dinge zu verbessern, der von sich behauptet, ihm läge am Wohl der Menschen, an dem der Kinder, die nach uns die Welt betreten, an einem menschenwürdigen Miteinander, den darf man getrost auffordern, sich aus der gemütlich passiven Fragerposition herauszubewegen.

Fakt ist, dass es mehr Menschen als einem lieb ist, gibt, die sich mit kurzen schnellen Antworten zufrieden geben. In dem Bestreben, sich eben auch eine Meinung zu bilden und diese dann nach Möglichkeit im Mitredenwollen zu verbreiten. Fakt ist, dass es vielen Menschen schlicht zu anstrengend ist, sich durch Literatur zu wälzen. Der eilige Konsument liest ein bisschen quer und denkt, damit sei es genug. Statt sich des eigenen Informationsdefizits bewusst zu sein, geht es nur darum, seine kindischen Ängste loszuwerden und auch noch den Segen zu kriegen, mit Weltuntergangsszenarien ein „richtig so!“ einzuheimsen.

Ist es nicht seltsam, dass jemand, der mit einer resignativen oder feindlichen Haltung hausieren geht, Zustimmung erhalten möchte? Was soll man sagen: Du hast Recht? Lasst uns die Hände in den Schoß legen, tun können wir ja doch nichts?

Es ist eine Krankheit unserer Zeit, ein Auswuchs unseres Systems, dass die sich darin befindlichen Menschen zu passiv orientierten Informationsstaubsauern entwickelt haben. In den Diskussionsforen will man sich als Experte ausweisen. Mit welcher Überzeugungskraft das so Aufgesaugte wieder herausgeblasen wird, das möchte man „stark“ nennen. So schnell wie die Leute gekommen sind, gehen sie auch wieder. Mancher auf nimmer Wiedersehen. Schnell hat er aber vorher noch sein Menschenbild auf die anderen losgelassen oder verheerende Aussagen getätigt. Und damit nichts weiter bewirkt, als die bestehenden Vorurteile weiter zu anzufüttern. Was kümmert ihn das? Heute Grundeinkommen, morgen Atomkraft, übermorgen die Fußballweltmeisterschaft. Zu allem gibt es was zu sagen – Next!

Wer solche und ähnliche Erfahrungen gemacht hat, dem bleibt auf den Weg zu geben, dass man sich aus der Antwortgeberposition herausschälen darf. Wer wirklich an Antworten interessiert ist, sollte doch mal intensiv drei bis sechs verschiedene Bücher lesen und sich seine Fragen pro-aktiv beantworten.

Ein Grundeinkommen ist kein Thema für einen Actionfilm, keinen billigen Werbespot, keine Bild-Schlagzeile, die man sich mal eben nebenbei einverleiben und morgen wieder vergessen kann. Wen es einmal gepackt hat, wer sich auf die gewagten Vorstellungen von Freiheit einlassen will, kann nicht anders, als seinen Mitmenschen davon zu erzählen.

Das Schöne ist, dass man BGE-Befürwortern keine üblen Intentionen unterstellen kann. Das macht sie wenig angreifbar. Es wird keine Lobby, keine Partei, keine Institution, keine gesellschaftliche Schicht, weder arm noch reich, vertreten.

Der einzige, der sich hier vertreten findet ist: der Mensch.

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Ein Gedanke zu „Willkommen in der Arena!“

  1. Hallo Frau Reglin-Hormann,

    Sie sind auf einem guten Weg – die Probleme fast jedes Reformansatzes liegen in der Psyche der „Mittelschicht“.

    Wenn wir diese Probleme sauber erkennen lernen – werden wir Sie auch lösen lernen. Dank und Grüße JB

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