Die Religion der Guthaben mit Freud und Strobl verstehen – die analerotische Finanzkrise

Der folgende Beitrag ist für mich DER BEITRAG auf dem leider abgeschalteten Weissgarnix-Blog. Er liefert mir eine Erklärung, weshalb es die so dringend nötige Guthabenkritik so schwer hat. Guthaben kompensieren wie eine echte Religion Urängste um die eigene Vergänglichkeit, Guthabenkritik wird von den Hortern deshalb wohl oft als Angriff auf die eigene physische Existenz empfunden.

Ich empfehle übrigens das Buch von Thomas Strobl – ohne Schulden läuft nichts

Die anal-erotische Finanzkrise

von weissgarnix am 13. Dezember 2008

Keynes haben wir gehört, Marx haben wir zu Wort kommen lassen, es ist an der Zeit ein drittes intellektuelles Großkaliber aus dem Stall zu holen, um der Finanzkrise auf die Schliche zu kommen. Der Bursche, um den es heute geht, ist allerdings kein Ökonom und kein Freizeitphilosoph, sondern einer, der im wahrsten Sinne des Wortes ins Innerste der Dinge vorgedrungen ist. Ihr ahnt es bereits, liebe Freunde: die Rede ist von Sigmund Freud.

Dass Freud in einem keynesianischen Blog mal zu Wort kommen würde, ist dabei kein Zufall. Keynes selbst war stark von Freud beeinflußt, ja man kann sagen, dass zwei zentrale Elemente seiner “General Theory”, nämlich die “Konsumneigung” und die “Liquiditätspräferenz” mehr oder weniger direkt aus Freud’scher Feder stammen. Keynes engster Freundeskreis in der “Bloomsbury”-Gruppe bestand aus den Spitzen der aufkommenden Freudianischen Bewegung anfang der 1920er Jahre, wechselseitige Beeinflussung daher nicht weiter verwunderlich. Von Freud selbst wiederum wird behauptet, dass Keynes’ Versailles-Kritik “The Economic Consequences of the Peace” enormen Eindruck auf ihn gemacht hat, insbesondere die darin enthaltenen Charakterstudien diverser Akteure, allen voran von US Präsident Wilson.


Freud hatte eine gewisse Affinität zur Wirtschaft, Kenner werden zustimmen, dass seine Sprache durchsetzt ist mit Metaphern und Analogien aus dem Wirtschaftsleben. Den “Traum” schildert er etwa als “Unternehmer”, der ohne einen ”Kapitalisten”, der ihn finanziert, keine Wirkung entfalten könnte, und in der Tiefenpsychologie fiele die Rolle des Kapitalisten einem bestimmten Wunsch oder Drang zu, der sich tief im Unterbewußtsein verbirgt.

Soweit es nun “Geld” betrifft, und alles, was der Mensch so treibt, um es zu erlangen, so erfaßten sowohl Freud sowie später sein Schüler Ferenczi recht früh den “fäkalen” Charakter von Geld in allerlei umgangsprachlichen Redewendungen, etwa in “die Gans, die goldene Eier legt” oder “der Esel, der Dukaten scheisst“. In der heutigen Umgangssprache auch des öfteren gehört “Ich scheiss dich zu mit meinem Geld” oder “kleine/große Geschäfte verrichten“.

Von dort war es für Freud kein großer Sprung zur Theorie eines “besonders ordentlichen, verbissenen, geschäftstüchtigen und geizigen” Menschenschlags, der in seiner Kindheit überdurchschnittlich lange gebraucht hätte, die infantile Inkontinenz zu überwinden. Insbesondere das Bedürfnis zur “Hortung” sei auf eine frühkindliche Entwicklungsstörung zurückzuführen, die man als “anal-erotisch” bezeichnet. Ferenczi ging 1914 sogar darüberhinaus und schrieb über die Geldhortung im System des Kapitalismus: “Der Charakter des Kapitalismus, der nicht alleine auf den praktischen Nutzen abstellt, sondern auch libidinöse und irrationale Züge aufweist, wird in der anal-erotischen Phase betrogen: das Kind findet Befriedigung darin, in sich selbst zu horten.” Das Bedürfnis, Geld um seiner selbst Willen anzusammeln, statt im Güterkreislauf für die Dinge auszugeben, die das Leben lebenswert machen, stellt nach Ferenczi daher ein wichtiges, irrationales Element des Kapitalismus dar, das sich aus einem nicht überwundenen anal-erotischen Egoismus speist.

Ansichten wie diese, die entschieden im Kontrast zur damals vorherrschenden, durch und durch “rationalen” Walrasianischen Schule der Neoklassischen Ökonomie standen, verarbeitete Keynes bereits in seinem “A Treatise on Money” und noch wesentlich stärker in der “General Theory”. Die sogenannte “Liquiditätsprämie des Geldes”, die in der Keynes’schen Theorie eine tragende Rolle spielt, und die Keynes wörtlich mit einer “Annehmlichkeit” umschreibt, die sich aus dem bloßen Besitz von Geld ergäbe, ist im Prinzip nichts anderes als die Manifestation dieser Irrationalität. So schreibt er etwa:

“Die Liebe für das Geld an sich, die Akkumulation von Gold, Münzen, Noten oder anderen Formen liquiden Reichtums ist irrational. Aber dennoch ist diese Neigung von fundamentaler Bedeutung für das Funktionieren des Kapitalismus.”

Gleichwohl fand er diesen Zustand frustrierend:

“Dass die Welt, nach mehreren Tausend Jahren stetiger, individueller Ersparnis noch immer so arm ist, wie im akkumulierten Kapitalstock zum Ausdruck gebracht, läßt sich in meinen Augen weder durch die Sorglosigkeit der Menschheit oder durch die Zestörung in Kriegen erklären, sondern nur durch die hohen Liquiditätsprämien, die in früheren Epochen mit Grund und Boden verbunden wurden und die jetzt auf dem Geld selbst liegen.”

Liest man bei Freud und Ferenczi ein wenig weiter, dann ist die anal-erotische Phase zurückzuführen auf eine unbewußte, infantile Angst vor dem Tod. Und das wiederum verleihe dem Streben nach Geld nur des Geldes wegen, und insbesondere seiner Hortung etwas “morbides”. Die Sage des antiken König Midas läßt sich aus tiefenpsychologischer Sicht demnach so deuten, dass er, der bekanntlich alles zu Gold werden lassen wollte, was er berührte, eine infantile, unbewältigte Angst vor dem Tod hatte. Jedoch ist es genau diese Angst vor der eigenen Vergänglichkeit, die schließlich zu seinem jähen Ableben führt. Keynes dazu:

“Midas stirbt auf einem Berg von Gold, der Rentier ertrinkt in Liquidität.”

Infantilität ist also gewissermaßen eine Angst vor dem Tod, vor der unbestimmten Zukunft. Und was gäbe es für einen besseren Schutz vor einer ungewissen Zukunft, als Geld? Dem entgegnet Keynes, mit einem seiner berühmtesten Zitate:

“Langfristig sind wir alle tot!”

Der Tod kommt demnach unausweichlich, er ist fester Bestandteil der Zukunft jedes Einzelnen, bzw. das natürliche Ende dieser Zukunft.

Das Streben nach Geldvermögen, aus keinem anderen Motiv als dem des Schutzes vor dem Ungewissen, ist deshalb gleichbedeutend mit der Verleugnung seiner eigenen Zukunft. Sich am Besitz von Geld per se zu erfreuen, anstatt mit seiner Hilfe das eigene Leben umso lebenswerter zu gestalten, heisst, wie König Midas, aus der Furcht vor dem eigenen Tode vorzeitig zu sterben.

Und nicht nur das, Midas, der Horter, tötet nicht nur sich selbst, sondern auch die Gesellschaft um ihn herum, indem er ihr die Zirkulation seines Goldes verweigert. “Der Horter pervertiert jeglichen gesellschaftlichen Austausch, indem er das Geld zurückhält, das die in ihm verkörperten Beziehungen belebt”, schreibt Keynes. Und daher sei die “sanfte Euthanasie des Rentiers” ein fundamentaler Aspekt der gesellschaftlichen Daseinsvorsorge, gewissermaßen eine Frage der Öffentlichen Sicherheit. Und in diesem Punkt zieht Keynes, via Sigmund Freud denn auch eine große Schleife zu Karl Marx.

Aber bei dem waren wir ja schon.

4 Kommentare zu „Die Religion der Guthaben mit Freud und Strobl verstehen – die analerotische Finanzkrise“

  1. Zur Zeit lese ich Dirk Müllers Buch Crashkurs, welches ich sehr empfehle. Im Anschluss werde ich mir Strobls Werk bestellen.

    Wieso wurde der Blog von Thomas Strobl geschlossen?

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