Der allgemeingültige Zusammenhang von Staatsschulden und privatem Geldvermögen

Es gibt in der Volkswirtschaftslehre wenig allgemeingültige Aussagen, also Aussagen, die der Fachmann nur als absolut richtig und zutreffend bezeichnen kann. Das liegt daran, dass die meisten volkswirtschaftlichen Aussagen Vermutungen über menschliches Verhalten enthalten. Menschliches Handeln ist zwar aus der Beobachtung erfassbar, aber trotzdem nie mit Sicherheit für die Zukunft vorhersagbar. Absolute Gültigkeit können wir deshalb nur denjenigen volkswirtschaftlichen Aussagen zugestehen, die keine Variablen menschlichen Handelns beinhalten. Erstaunlicherweise gehören in diese Kategorie gerade die Verschuldungsprobleme, die mit allgemeingültigen Aussagen weitgehend erklärt, vorhergesagt und gelöst werden können.

Kauf = Verkauf, Kaufüberschuss = Verkaufsüberschuss
Wie wir im Vorbeitrag gesehen haben, ist Verschuldung von Wirtschaftern wie z. B. dem Staat ein Kaufüberschuss. Da zu jedem Kaufakt immer ein Verkaufsakt gehört, ist unabhängig von menschlichen Handlungsoptionen dieser Kaufüberschuss immer gleich dem Verkaufsüberschuss vom Rest der Welt. Wir haben hier also so einen allgemeingültigen Zusammenhang, der weitere allgemeingültige Schlüsse zulässt.

Einnahme = Ausgabe, Einnahmeüberschuss = Ausgabeüberschuss
Wobei wir hier jede Art von Einkommen als Verkauf definieren, welches ja an der Einkommensquelle ein Kauf der erbrachten Leistung ist. Wolfgang Stützel verwendet vorzugsweise den Begriff der Einnahmeüberschüsse bzw. Ausgabeüberschüsse, welcher z. B. bei einem Rentnereinkommen klarer ist. Nun wird der Geldvermögensvorgang „Einnahmen“ gern mit dem Zahlungsmittelvorgang „Einzahlungen“ verwechselt, weswegen ich hier die Kaufbegriffe vorziehe. Es ist aber eindeutig das Gleiche gemeint: Verkaufsüberschuss meint Einnahmeüberschuss, Kaufüberschuss meint Ausgabeüberschuss.

Globalsätze – allgemeingültig, trivial, aber paradox
Dabei ist es wichtig zu betrachten, ob wir Aussagen für einzelne Haushalte (oder einzelne Gruppen) oder die Summe aller Haushalte treffen. Die Zusammenhänge für die Summe aller Haushalte wollen wir Globalsatz nennen, die Zusammenhänge für einzelne Haushalte Partialsatz. Die Zusammenhänge für die Summe aller Haushalte (Globalsätze) widersprechen hierbei völlig den Zusammenhängen für Einzelhaushalte (Partialsatz). Die Zusammenhänge für die Summe aller Haushalte sind deshalb scheinbare Paradoxien – sie widersprechen dem Bild, das sich der Betrachter eines Einzelhaushalts auch von den globalen Zusammenhängen macht.

Partialsatz für Einzelhaushalte oder Gruppen davon
Je geringer die Ausgaben, desto größer der Verkaufsüberschuss, also die Geldvermögensbildung/Entschuldung. Ein Einzelhaushalt wird also durch Ausgabekürzungen entschuldet oder baut positives Geldvermögen auf.

Globalsatz für die Summe aller Haushalte
Ein Ausgaberückgang führt stets zu einem Einnahmerückgang und nie zu einem Verkaufsüberschuss. Eine Geldvermögensbildung oder Entschuldung für die Summe aller Haushalte ist also allein durch Ausgabenkürzungen nicht zu erreichen.

Es gibt außerdem noch den Satz zur „Größenmechanik“, der die eigentlichen Beziehungen zwischen den Haushalten (oder Gruppen davon) und der Komplementärgruppe (dem „Rest der Welt“) beschreibt, und auf diese Beziehungen kommt es eigentlich an, wenn wir die Probleme der sogenannten Schuldenkrise lösen wollen:

Größenmechanik
Vielmehr führt ein Ausgaberückgang einer Gruppe nur dann zu einem Verkaufsüberschuss, wenn die Komplementärgruppe einen Kaufüberschuss vor- oder hinnimmt. Andererseits kommt es bei jeder Gruppe auch ohne einen Ausgabenrückgang stets zu einem Verkaufsüberschuss, wenn die Komplementärgruppe einen solchen Kaufüberschuss vornimmt.

Was bedeutet diese Größenmechanik nun auf die Staatsverschuldung übertragen?
Das unablässige globale Wachstum staatlicher Kaufüberschüsse (Staatsschulden) ist nur durch das Stoppen der privaten Verkaufsüberschüsse, also der privaten Geldvermögensbildung beherrschbar. Punkt.

Die Neigung der privaten Wirtschafter zu Verkaufsüberschüssen/Geldvermögensbildung ist also das Grundproblem der Staatsverschuldung. Selbst ein extrem ausgabefreudiger Staat könnte keine Kaufüberschüsse/Schulden machen, wenn der „Rest der Welt“ keine Geldvermögensbildung zumindest passiv dulden würde. Es ist also allgemeingültig richtig, dass die globale Staatsverschuldung durch private Verkaufsüberschüsse/Geldvermögensbildung bedingt ist. Auf diese allgemeingültige Aussage sollten die Diskussionen und Lösungsansätze für die Staatsschuldenkrise = Privatguthabenkrise aufbauen. Auch wenn wir für weitere Betrachtungen nicht umhinkommen, den Bereich der trivial-arithmetischen Beziehungen zu verlassen, so wird doch hier ein korrektes Fundament gelegt.

Der Käufermarkt und der Niedrigzins erlauben hinreichend logische Aussagen
Wir wollen nicht in Abrede stellen, dass diese private Geldvermögensbildung bezüglich eines extrem ausgabefreudigen Staates eine Hyperinflation verhindern kann. Die von den privaten Verkaufsüberschüssen erzwungene Staatsverschuldung kann also eine positive Wirkung haben. Denn wenn eine hohe zusätzliche Staatsnachfrage zusammen mit der Nachfrage der Einkommen für eine totale Knappheit des Angebots sorgt, würde diese Hyperinflation wohl drohen.

Umgekehrt kann man dies der privaten Geldvermögensbildung aber nicht zugute halten, wenn es offensichtlich kaum solche Knappheiten gibt. Solange wir einen Käufermarkt haben, die Unternehmen also noch Geld für Werbung ausgeben, die Regale so hoch gefüllt sind wie die Zinsen niedrig, es noch viele Arbeitslose und unausgelastete Kapazitäten gibt.

Ist private Geldvermögensbildung heute asozial?
Wenn bei global wachsenden Staatsschulden über den Käufermarkt Konsens besteht, ist die private Geldvermögensbildung dann als sozial schädliches Verhalten einzuordnen, wenn die Staatsverschuldung im kollektiven Konsens als großes gesellschaftliches Problem eingeordnet wird.

Deutschland exportiert seine Staatsschuldenkrise
Bei solchen Betrachtungen ist aber unbedingt auch die Wirkung der Exportsalden zu würdigen. So verlagert Deutschland die Folgen seiner privaten Verkaufsüberschüsse über diese Exportüberschüsse in die Haushalte der Importüberschussländer. Eine relativ hohe Auslastung deutscher Kapazitäten ist also keineswegs ein Freispruch für die deutschen privaten Verkaufsüberschüsse. Diese sind wesentlich verantwortlich für die Eskalation der Krise in Europa. Ein Blick in die volkswirtschaftliche Buchhaltung Deutschlands zeigt die katastrophal hohen Überschüsse an privaten Verkaufsüberschüssen – wir werden uns diesem Problem 2012 stellen müssen.

Zur eigentlichen Quelle der Ausführungen

Der Originalsatz zur Größenmechanik von Wolfgang Stützel steht ganz oben auf Seite 74 der „Volkswirtschaftlichen Saldenmechanik“:

Größenmechanik:
Es besteht keinerlei Korrelation zwischen Sparen im Sinne eines Ausgaberückgangs und Sparen im Sinne eines Einnahmeüberschusses.
Vielmehr führt ein Ausgaberückgang einer Gruppe nur dann zu einem Einnahmeüberschuss, wenn die Komplementärgruppe einen Ausgabeüberschuss vor- oder hinnimmt. Anderseits kommt es bei jeder Gruppe auch ohne Ausgaberückgang stets zu einem Einnahmeüberschuss, wenn die Komplementärgruppe einen solchen Ausgabeüberschuss vornimmt.

22 Kommentare zu „Der allgemeingültige Zusammenhang von Staatsschulden und privatem Geldvermögen“

  1. was nützt es hier Kommentare zu hinterlassen, wenn die Beiträge wieder entfernt werden? Alles seit Januar 2012 ist verschwunden!

  2. Hallo Jörg,

    die Summe von Staatsschulden und den Geldvermögensüberschüssen der Privaten ist immer Null, völlig richtig.

    Sich das klarzumachen, eröffnet neue Einsichten und Perspektiven.

    Da nun aber die Staatsschulden die Steuerschulden der Bürger darstellen, summiert sich das Ganze auf zu Null – die monetären Guthaben der Bürger sind ebenso wie die Staatsschulden eine pure Illusion.

    Wozu also das ganze? Die ganze Wirtschaft beruht auf der Vorstellung, daß Gewinne möglich sind. Individuell trifft das ja auch zu, nur eben nicht gesamtwirtschaftlich. Einer Wirtschaft geht es aber gut, wenn sie Gewinne erwartet und dafür investiert und arbeitet. Also dienen die Staatsschulden letztlich nur dazu, den Bürgern die Illusion möglicher monetärer Gewinne zu ermöglichen und sie so dazu zu bringen, in dieser Erwartung innovativ zu sein und zu arbeiten.

    Sobald man nun eine gesamtwirtschaftliche Perspektive einnimmt, sieht man aber, daß die Schulden des Staats die Geldvermögensüberschüsse der Bürger zu Null reduzieren. Daher ja das große Gezeter und Gejammer über die hohen Staatschulden.

    Der Staat hält nun die Illusion der Bürger dadurch aufrecht, daß er permanent Konsolidierungsversprechungen macht. Auch dieses Versprechen aber basiert wiederum auf einer verkürzten Einzelbetrachtung: zwar können einzelne Staaten sowohl private Geldvermögensüberschüsse und Staatsschulden in geringerer Höhe oder in Höhe von Null erreichen, aber eben nur auf Kosten anderer Staaten (daher Dein korrekter Hinweis auf die Exportsalden), da ja insgesamt – wenn man alle Staaten betrachtet – wiederum der Globalsatz gilt: Summe aller Staatsschulden = Summe aller privaten Geldvermögensüberschüsse.

    In gewissem Sinn basiert also die gesamte Wirtschaft auf eine Illusion (nennen wir sie mal die monetäre „win-win-Illusion“).

    Der Witz an der Sache ist aber ja nun der: die monetären Profite sind zwar aufs ganze gesehen eine Illusion, da sie sich gesamtwirtschaftlich mit den Schulden zu null aufaddieren. Keine Illusion dagegen sind die innovativen Produkte, die in der Erwartung der möglichen Erwirtschaftung INDIVIDUELLER Geldvermögensüberschüsse entstanden sind.

    „Der Staat“ steuert also letztlich über seine Politik in erster Linie die Erwartungen der Wi-Subjekte.

    Ein wirtschaftlich erfolgreicher Staat in einem System konkurrierender Nationalstaaten kann sogar die Konsolidierungsillusion aufrechterhalten. In einem einzigen Weltstaat dagegen wäre der notwendige Zusammenhang privater Vermögensüberschüsse und staatlicher Schulden (privater Steuerschulden) viel offensichtlicher und kaum unter den Teppich zu kehren.

    Die Saldenmechanik liefert mit ihrer Unterscheidung von Partialsätzen und Globalsätzen auf jeden Fall einen unverzichtbaren Beitrag zu jeder ernstzunehmenden Geld- und Wirtschaftstheorie.

    Die neuen Einsichten und vielleicht sogar Strategien, die sich daraus möglicherweise gewinnen lassen oder auch nicht, müssen aber wohl erst noch genauer ausgeleuchtet werden, meine ich.

    Viele Grüße!

    moneymind

  3. Geldvermögen der privaten Haushalte in der BRD etwa 5 Billionen Euro. Staatsverschuldung in der BRD etwa 2 Billionen Euro.

    Differenz: 3 Billionen Euro

    Frage: Wie erklärt sich die Differenz? Sind das alles ausländische Staatsschulden? Oder Schulden der Unternehmen? Oder welcher Zusammenhang besteht?

    1. @Hajo

      es sind eben NICHT 5Billionen private Geldvermögen sonder nur 5Billionen Geldforderungen, davon sind die privaten Verbindlichkeiten abzuziehen! Aus dem Kopf weis ich von ca. ca. 2,5 Billionen längerfristigen Privat-Krediten in den Statistiken der Bundesbank. Dazu kommen private Kredite und Exportsalden.

      Passt schon, wenn die Definitionen von Geldvermögen beachtet werden, also die Verbindlichliten saldiert.

  4. http://www.global-change-2009.com/blog/geld-kauf-und-bezahlung/2012/01/

    Staatsschulden = Private Geldvermögen = Saldo aus privaten Forderungen und Verbindlichkeiten sowohl gegenüber Banken als auch Dritten.

    bedeutet, die Staatsschulden steigen, wenn die Privaten Verbindlichkeiten abbauen oder Forderungen aufbauen oder beides

    und natürlich umgekehrt,

    Also ich spreche vom Verkaufsüberschuss-Saldo aller privaten Wirtschafter = Kaufsüberschuss aller Staaten wenn ich über private Geldvermögen spreche. Da Kauf=Verkauf, Kaufüberschuss = Verkaufsüberschuss ist es eine Identität.

  5. Zun besseren Verständnis – wie ist Ihre Aussage „Staatsschulden = private Geldvermögen“ eigentlich genau gemeint Hr. Buschbeck? Variante 1: „alle Staatsschulden = alle privaten Geldvermögen“ oder vielleicht „alle Privatschulden + alle Staatsschulden = alle privaten Geldvermögen“?

  6. Ausufernde Verschuldung wird durch zwei Faktoren beschleunigt. Zum einem durch die Zinseszins-Problematik im Geldsystem – ein exponentieller Verlauf. Zum anderen durch ein falsch gelerntes Problem-Lösungs-Prinzip, was ebenfalls exponentiell verläuft und zu vermehrter Komplexität führt. Ersteres wird durch Zweiteres zudem befördert.

    Mehrheitlich gelernte “Gegenmaßnahmen” zur Aufrechterhaltung der Systemstrukturen allgemein: Mehr Arbeitsaufwand für immer weniger Lebensqualität, mehr Energieeinsatz und damit verbundene Umweltthematiken, mehr Druck in den Hierarchien, Gegendruck und Burnout, gesteigerter Ressourceneinsatz in einem begrenzten System und – wie breits angerissen- mehr Geldmittel und somit mehr Schulden, Zinsen und Zinseszinsen (bei Schaffung von Geld aus dem Nichts).

  7. auch allerbeste Wünsche

    Haha, lest doch bitte noch mal die Definition von Geldvermögen im Vor-Beitrag. In der Robinsonade sinkt das Guthaben/Zahlungsmittelbestand nicht das Geldvermögen!

    kleiner Tipp, bei Kredittilgung sinken die Verbindlichkeiten. 🙂

  8. „…die privaten Geldvermögen steigen durch die Kredittilgungen.”

    Leuchtet mir nicht ein. Bei der Robinsonade sank das Geldvermögen mit der Kredittilgung.

    Zudem: ist es nicht so, dass durch Kredittilgung das geschaffene Geld wieder verschwindet?

  9. Hi Jörg,

    „…die privaten Geldvermögen steigen durch die Kredittilgungen.“

    Durch Kredittilgungen steigen die Geldvermögen, wo hab ich denn jetzt schon wieder nicht aufgepasst? 🙂

    Frohes Neues dir und Famillie

  10. @KL

    natürlich völlig richtig, Bill Clinton hat doch sogar mal Haushaltsüberschüsse produziert(Wie die BRD in den 50ern), als die Privatverschuldung richtig lief.

    UND – Es ist so trivial

    Staatsschuldenwachstum = inländisches Geldvermögenswachstum bereinigt um die Exportsalden.

    Aber das Private Geldvermögenswachstum ist das Saldo aus Privaten Geldvermögenswachstum und privatem Schuldenwachstum.

    Deswegen sehe ich ja dort auch die Anwort auf die WARUM-Frage. Meist wird das private Subprime- Schuldenwachstum ja als Versehen oder Politikerversagen dargestellt -NEIN, es war Wirtschaftspolitik = Verschuldungspolitik!

    Im übrigen explodiert aber genau deshalb die Staatsverschuldung, wenn der Staat durch Sparversuche die Konjunktur abwürgt. Die Privatverschuldung bricht ein und die privaten Geldvermögen steigen durch die Kredittilgungen.

  11. Zeigt nicht die subprime-Krise, daß man es eine Weile ohne den Staat schafft ? Also daß die Haushalte sich bei Banken verschulden, um Ausgabeüberschüsse durchhalten zu können, die den Unternehmen Einnahmeüberschüsse bescheren.
    Dann läge wohl eine Facette der Trivialität darin, daß man irgendwann bemerkt, daß die Kredite der Banken an die Haushalte eigentlich ungedeckt sind, woraufhin die Banken mit einer Panikinszenierung den Staat dazu bringen, ihre Kredite zu garantieren – im äußersten Fall, selbst als Kreditgeber in die Kontrakte einzutreten, so daß schließlich die Haushalte z. B. Hypothekendarlehen vom Staat haben ?
    Ich frage hier nicht rhetorisch, ich suche Versicherung über die unglaubliche Trivialität des ganzen Arrangements, das so katastrophale Folgen für das Leben von Menschen hat.

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