Die Kredittilgungen und das wirtschaftliche Gleichgewicht

Ein tendenzielles wirtschaftliches Gleichgewicht (monetäre Neutralität) besteht in einer Periode, wenn die Pläne, Geldvermögen aufzubauen, mit den Plänen, Geldvermögen abzubauen, übereinstimmen.

Dies dürfte auch den meisten Fachleuten klar sein. Was aber oft vergessen wird: Kredittilgungen sind aus Vorperioden festgelegter Geldvermögensaufbau der Kreditnehmer. Und daraus ergibt sich nun wieder die Dimension des Neuverschuldungsbedarfs.

Bedarf an freiwilliger Neuverschuldung für wirtschaftliches Gleichgewicht = Geldsparpläne + private Kredittilgungen

Die Zahlen für die privaten Kredittilgungen in Deutschland werden statistisch nicht sauber erfasst, dies allein zeigt uns, dass das Problem gar nicht gesehen wird. Aus Auskünften von Bankvorständen und Abschätzungen von erfassten Daten zum Kreditgeschäft müssen wir von ca. 300 Mrd. € = 12 % des BIP ausgehen. Dazu kommen 2010 ca. 212 Mrd. € privater Geldvermögensaufbau laut den Finanzierungssalden der Bundesbankstatistik.

Bedarf an freiwilliger Neuverschuldung für tendenzielles wirtschaftliches Gleichgewicht =
rund 200 Mrd. € Geldsparpläne + 300 Mrd. € private Kredittilgungen

Wir brauchen also in Summe in etwa 500 Mrd. € / 20 % BIP freiwilligen Geldvermögensabbau für wirtschaftliches Gleichgewicht. Ein Bedarf an Verschuldung, den wir ohne das Ausland und Staatsschulden längst nicht mehr inländisch mit Privatverschuldung abdecken können.

Werden diese „freiwilligen Neuschuldner“ nicht mehr gefunden, investieren die Unternehmer unfreiwillig in ihren Lagerbestand. Danach streichen Sie die Investitionen und damit ihren eigenen freiwilligen Geldvermögensabbau, als nächster Schritt kommt der Arbeitsplatzabbau oder die Insolvenz. Die Kettenreaktion der Unternachfrage kommt zusätzlich auch über nun einsetzendes Angstsparen der Nichtunternehmer in Gang.

Genau diese Vorgänge werden wir als großen Crash der nächsten Jahre global erleben – wenn denn nicht noch ein Wunder passiert und wir lieber neue Konzepte für eine makro-ökonomische Feinsteuerung und eine Begrenzung der privaten Einnahmeüberschüsse/Geldvermögen installieren.

Lasst uns bitte dringend darüber reden!

Nachtrag Juli 2015 aufgrund einer korrekten Anregung von Hajo Zeller:
Mein ständiges Lied ist es ja, dass sich Geldvermögen nur bei realwirtschaftlichen Kaufsalden ändern. Deshalb sind Formulierungen in diesem Beitrag natürlich missverständlich. Die Kredittilgungsbuchung selbst ist keine Geldvermögens-erhöhung, sondern erzwingt zur regelmäßig nötigen Liquiditätskonstanz eben vorher den Verkaufsüberschuss.

20 Kommentare zu „Die Kredittilgungen und das wirtschaftliche Gleichgewicht“

  1. Frage:

    Wie ist eigentlich das Kaufen und Verkaufen bei Staaten einzuordnen?

    Beim Kaufen ist es für mich klar. Wenn der Staat einen Dienstwagen für den Minbisterpräsidenten kauft oder Beamten beschäftigt und Arbeitskräfte kauft, dann vollzieht er einen Kaufakt.

    Aber was „verkauft“ er? Es gehört ja nicht gerade zu den originären Aufgaben von Staaten, öffentliche Einrichtungen zu verkaufen, um Forderungen zu generieren.

    Ist das Eintreiben von Steuern ein adäquates Pendant zum Verkauf?

    Und eine weitere Frage: Wie ist das Zahlen von Transferleistungen in diesem Zusammenhang einzuordnen?

    1. Ja genau – beim Staat werden die ansonsten, schon wegen ihrer Abgrenzung zur Zahlungsmitteloperation, so schönen Begriffe Kaufüberschuss/Verkaufsüberschuss auf einmal etwas hinterfragungswürdig. Dort ist man geneigt, eher vom Einnahmeüberschuss/Ausgabeüberschuss zu sprechen, was man aber eben schnell fehlschlüssig mit Einzahlungsüberschuss/Auszahlungsüberschuss verwechselt.

      Der Staat verkauf tatsächlich Steuer, denn für diese muss ja auch jemand leisten ohne aus seinem Einkommen komplett nachfragen zu können. Auch hier ist alles einfach und logisch, aber recht ungewohnt zu denken.

  2. Die Kredittilgung „an sich“ bewirkt ja noch keine Änderung des Geldvermögens. Die Zahlungsmittel eines Wirtschaftssubjektes werden weniger und in derselben Höhe verschwinden die Forderungen an das Wirtschaftssubjekt

    Um jedoch an die Zahlungsmittel heranzukommen, muss ich einen Verkaufsüberschuss realisieren. Und dieser Verkaufsüberschuss erzwingt einen Kaufüberschuss eines anderen Wirtschaftsobjektes.

    Und jetzt wird verständlich, warum Kredittilgungen von Wirtschftssubjekten in dieser Welt zwingend logisch die Neuverschuldung anderer Wirtschaftssubjekte in dieser Welt nach sich zieht.

    1. genau – Sie haben es verstanden – was andere als „wirre Gedanken eines Nichtfachmanns“ abstempeln:

      Anschließend aber holt der Autor (der offensichtlich nicht vom Fach ist) zum großen Rundumschlag aus. Unter „Saldenmechanik und Konjunkturtheorie“ findet sich ein Sammelsurium unbelegter wirrer Gedanken, etwa:

      Vertragliche Kredittilgungen der Privaten sind mit der Annahme der Liquiditätskonstanz ein aus Vorperioden fixierter Geldvermögensaufbau mit heute sehr großen Beträgen, welcher eine enorme Fallhöhe und Fallgeschwindigkeit bei stockender Neuverschuldung fixiert.

      http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Saldenmechanik

      Ich habe also über die „Liquiditätskonstanz“ ihren Einwand eingebaut, als gelernter Elektriker kann man so was schon auch. 🙂

  3. Ob nicht die Hoffnung, man könne zu einem ‚Sachwertsparen‘ kommen, verfrüht ist ?
    Ich sehe nicht, wie wir von der Geldfixierung loskommen. Nun ja, vielleicht mit der Unterminierung des Geldsparens, so daß Geld auf seine Mittlerfunktion zurückgestutzt wird.

    (Alles etwas erratisch, gewiß. Hoffe, mal ausgeruht darauf zurückkommen zu können.)

  4. @Kl

    >>Vor einigen Tagen hatte ich bei wiesaussieht.de die Frage in die Runde geworfen, wie überhaupt ein Wirtschaftssystem, in dem alle Gewinn machen wollen, funktioniert.

    Danke

    es ist n.m.E. doch recht einfach:

    In dem Gewinn nicht mehr als Geldhaltung definiert wird, sondern eben wieder investiert und das Sachervermögen daraus bilanziert und eventuell auch für die Liquidität verbrieft wird.

    Warum soll ich Geld halten, wenn es den noch nicht mal künftig Erträge erwarten lässt, wie in meinem Monetative Konzept vorgeschlagen?

    Für mich als bilanzierenden Unternehmer ist Gewinn eh nicht Geld – so ticken eher Nichtunternehmer.

    Wenn es nicht gelingt, die Präferenz der Geldhaltung zu brechen, ja dann muss man die Staatsschulden akzeptieren und zinslos stellen, so what – einfach ignorieren. Wenn dann doch mal mehr private Ausgabeüberschüsse kommen, verschwinden die von ganz allein, zumindest wenn wir die Exportsalden begrenzen, was eh das Gebot der Stunde ist.

    lG Jörg

    1. und beim Sachwertsparen und nur ds , ist eben auch ein gesamtgesellschaftlicher Gewinn möglich, nachdem Du ja gefragt hast.

      Sachvermögenswachstum > Abschreibungen = Gewinn/gesamtgesellschaftliches Vermögenswachstum.

      Im Vergleich privates Geldsparen ohne unternehmerischen Kreditbedarf = Staatsschuldenwachstum.

      Gewinn/gesamtgesellschaftliches Vermögenswachstum = Null, Zero ,gar nischt

  5. Vor einigen Tagen hatte ich bei wiesaussieht.de die Frage in die Runde geworfen, wie überhaupt ein Wirtschaftssystem, in dem alle Gewinn machen wollen, funktioniert. Das heißt, eines, bei dem alle Akteure mehr einnehmen als ausgeben wollen.
    Die Frage geht mir seit längerer Zeit nach – denn die nächstliegende Vermutung ist für mich, daß eben mit dem einfachen, in der Frage als Voraussetzung benannten Umstand die Notwendigkeit impliziert ist, Geld von außen ins System einzubringen. Andernfalls könnten nicht alle gleichzeitig mehr einnehmen als ausgeben. Un diese Vermutung hätte ich gern einmal überprüft.
    Ich bin leider zur Zeit nicht frei, diese Frage genau zu plazieren und dann hartnäckg zu verfolgen, aber ich streue sie hier noch einmal, vielleicht entzündet sich daran etwas, das (nicht nur) meinem Verständnis aufhilft.
    Die zweite Vermutung, die mir dann, trivialerweise, naheliegt, ist, daß a) Kredit und b) seit etwa 1933 keynesianische Investitionsprogramme die erprobten Mittel sind, diesen Geldzufluß von außerhalb des gegebenen Kreislaufs zu organisieren. Keynes‘ „Sozialisierung der Investition“ scheint dann die Antizipation zu sein, daß (b) im Laufe der Zeit (a) ersetzen wird. Und das führte – mit einer ‚Monetative‘, vermute ich – zur Erhaltung des Systems der Gewinnerzielung, aber bei Ausschaltung der Verschuldung, denn die Monetative würde das Geld ‚drucken‘, das sie Angestellten bzw. Entrepreneurs in den Investitionsprogrammen zahlte, ohne es als Schuld zu verbuchen. Das Steuerungsmittel wäre dann wohl die Inflationsmessung. Man müßte die staatliche beförderte Investition (staatliche Nachfrageprogramme oder Kreditgeschenke an Entrepreneurs) auf Dauer stellen, dann hätte man einen laufenden Strom, den man auch drosseln könnte, soald die Inflation ein bestimmmtes Maß überschreitet.
    Mit diesem Szenario würde mir auch erklärlich, warum die Behinderung einer solchen vernünftigen Lösung bisher so erfolgreich ist: es wäre ein System, in dem nicht mehr privates Gutdünken und raubritterliche Durchsetzungsfähigkeit die Größe des Profits bestimmte, sondern die staatliche Regelung der Gesamtgröße der volkswirtschaftlichen Investition, nach makroökonomischen Kenngrößen.

    Ist das realistisch ?

  6. @RainerD

    Bekanntermaßen ist die Definition von exakten Begriffen die Vorausetzung erfolgreicher Diskussionen, insofern volle Zustimmung.

    Ich sehe, dass ein Großteil der Probleme im volkswirtschaftlichen Verständnis hier zu hause ist. Man denke hier nur an die oft nicht klar definierte Verwendung solcher Begriffe wie „Geld“, „Sparen“ oder „Investition“.

    Nun ist der Begriff „Private“ für mich auch eine private Körperschaft, soweit er nicht ausdrücklich auf natürliche Personen beschränkt ist. Da ich aber die Bankenkörperschaften nicht includiert habe, ist eine Klarstellung schon auch aus diesem Grund erforderlich.

    Also zur Klarstellung nun dies nochmals ausdrücklich betont, Private meint natürliche Personen und private Körperschaften aus dem nichtfinanziellen Bereich – also die privaten Nichtbanken

    Für diesen Gruppe von Privaten ist es typisch, Investitions- und Konsumenten-Kredite mit festen Tilgungsraten abzuschließen, wobei dies zu einer ex_ante fixierten Geldvermögenserhöhung in der Tilgungs-Periode führt, wenn nicht dazu Liquidität abgebaut wird. Die Aussage muss also zusätzlich unter den Vorbehalt der Liquiditätskonstanz der Wirtschafter gestellt werden. Betrachtungen, welchen aber n.m.E. eher eine problemverschlimmernde als problemrelativierende Seite zugesprochen werden kann. Im Krisenfall werden eher noch KK-Kreditlinien eingeschränkt bzw. der Versuch unternommen, zusätzliche Liquidtätsreserven zu bilden.

  7. @Jörg Buschbeck

    oben wird von privaten Kedittilgungen gesprochen, also bin ich davon ausgegangen, dass Kredit von privaten Haushalten gemeint sind.
    Kredit an Nichtbanken schließen ja gewerbliche Kredite ein.
    Was ist jetzt oben gemeint ?
    Kredit an Nichtbanken oder private Haushalte ?
    Wenn keine suaberen Begriffe
    (sauber definierte Begriffe) in der Diskussion verwendet werden, dann können wir lange diskutieren.
    Der eine meint dies der andere meint das.

  8. „Die Zahlen für die privaten Kredittilgungen in Deutschland werden statistisch nicht sauber erfasst, dies allein zeigt uns, dass das Problem gar nicht gesehen wird. Aus Auskünften von Bankvorständen und Abschätzungen von erfassten Daten zum Kreditgeschäft müssen wir von mindestens 300 Mrd. € = 12 % des BIP ausgehen“

    Ich halte die 300 Mrd für übertrieben.
    Wenn ich davon ausgehe dass von den ca. 1.500 Mio. privater Kredite ca 70% Wohnbaudarlehen sind mit einer durchschnittlichen Laufzeit von 30 Jahren, der Rest Konsumentenkredite mit 4 Jahren Laufzeit dann komm ich auf max. 150 Mrd. also die Hälfte.
    Das ändert natürlich nichts an der Grundausssage.

  9. @ReinerD

    Ja und Nein 🙂

    Die 212 Mrd.€ sind ein Saldo, wäre der Null, bräuchten wir eben nur die ca. 300 Mrd.€ Kredittilgungen als Neuschuldner, da er 212Mrd.€ beträgt sind es > 500Mrd.€.

    Zu den Kredittilgungen gibt es leider keine exakte Buba-Statistik, was n.m.E. beweist, dass das Problem nicht gesehen wird…

  10. @Jörg Buschbeck

    „Dazu kommen 2010 ca. 212 Mrd. € privater Geldvermögensaufbau laut den Finanzierungssalden der Bundesbankstatistik.“
    Eine kleine Frage zum Verständnis:
    Beinhaltet der private Geldvermögensaufbau von EUR 212 nicht auch die Kredittilgungen ?

    Sind die Kredittilgungen nicht auch Geldvermögensaufbau ?

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