Inflation ist schlecht, fallende Preise wären doch besser, oder?

Gastbeitrag Michael Hönnig

Gerade in Deutschland ist die Angst vor Inflation sehr verbreitet. Für breite Schichten der Bevölkerung bedeutet Inflation steigende Preise ohne dass die Löhne damit mithalten. Wenn schon die Löhne nicht steigen, dann wünscht Otto Normalverbraucher sich lieber fallende Preise.

Für Ökonomen ist Inflation jedoch zunächst einmal ein steigendes Preisniveau, und dazu gehören alle Preise, auch die Preise für Arbeit, also die Löhne. In den letzten ca. 20 Jahren steigen allerdings die Löhne faktisch nicht im Gleichtakt mit den Verbraucherpreisen, sondern langsamer. Praktisch bedeutet dies Reallohneinbußen. Inflation bedeutet außerdem auch, dass der Realzins des Bargeldes negativ ist, auch die immer darüber liegenden Anlagezinsen müssen damit nicht mehr unbedingt positiv sein, zumindest nicht real gesehen. Nullwachstum oder auch eine kurzfristig schrumpfende Wirtschaft wäre damit durch den Zins grundsätzlich abbildbar.

Das Gegenteil von Inflation wäre Deflation: Für Ökonomen bedeutet dies ein fallendes Preisniveau, das außerdem immense Risiken einer großen Wirtschaftskrise birgt, wie die Geschichte um 1930 in Europa, den USA und vielen anderen Ländern gezeigt hat und wie es auch heutzutage gängige Lehrmeinung ist. Deflation bedeutet aber auch, dass der Realzins des Bargeldes positiv ist und die immer darüber liegenden realen Anlagezinsen damit auf jeden Fall größer sind. Nullwachstum, ja sogar schwaches Wirtschaftswachstum geschweige denn schrumpfende Wirtschaftsleistung wären bei Deflation vom Zins nicht abbildbar! Die Krise müsste sich unweigerlich verstärken.

Mir ist durchaus bewusst, dass der typische Deutsche an dieser Stelle vor Wut auf mich kocht: Was könnte an fallenden Preisen denn schlecht sein? Nun, die Preise, die in der Deflation am schnellsten fallen sind Löhne – zum Großteil drastisch, nämlich durch massiv zunehmende Arbeitslosigkeit. Da nützt es dann wenig, dass die Verbraucherpreise auch fallen – wenn auch langsamer. Was macht die Menschen – und gerade die Deutschen – eigentlich glauben, dass bei Inflation die Verbraucherpreise schneller steigen als die Löhne, bei Deflation aber die Löhne nicht schneller fallen könnten als die Verbraucherpreise fallen?

Was macht Deflation nun so gefährlich? Es fängt damit an, dass bei Deflation langfristig festgelegte Preise zunächst nicht fallen, auch wenn alle anderen Preise fallen. Dazu gehören auch Kreditzinsen für bestehende Kredite. Wenn Unternehmen nun aber weiterhin hohe Zinsen zahlen müssen, jedoch nur noch zu geringeren Preisen absetzen können, klopft die Insolvenz praktisch schon an die Tür. Nun könnte man sagen: Dann übernimmt eben die Konkurrenz die arbeitslos gewordenen Arbeitnehmer. Doch auch diese müssten ihr Wachstum mit Krediten finanzieren und wenn schon Bargeld real gesehen positiv verzinst wird, sind Kreditzinsen noch höher. Gesamtwirtschaftlich ist bei Deflation aber keine positive Realkapitalrendite möglich, also auf Dauer auch keine positiven Zinsen. Es wird systembedingt immer weitere Insolvenzen geben müssen und damit immer mehr Arbeitslose.

Ist nun also Inflation doch der bessere Weg, auch wenn der typische Deutsche sich davor fürchtet? Nicht so ganz und auch nicht immer. Bei geringem Wirtschaftswachstum ist moderate Inflation jedenfalls definitiv besser als noch so moderate Deflation. Aber bei der Inflation kommt es nicht nur auf ihre Höhe an, sondern auch darauf, wie sie gemacht wird bzw. wo auf welche Preise sie zuerst wirkt. Heute bekommen die Geschäftsbanken günstige Kredite von der Zentralbank, daher dauert es lange bis die Inflation auch die Löhne erreicht. Und sie kommt dort auch niemals komplett an, weil Teile der erweiterten Geldmenge auf dem Wege dorthin gar nicht verkonsumiert, sondern gespart werden. Doch andere Wege des Inflations-Machens sind denkbar, wenn auch nicht mehr Bestandteil dieses Artikels.

4 Kommentare zu „Inflation ist schlecht, fallende Preise wären doch besser, oder?“

  1. Wenn ich richtig informiert bin, ist das Ziel der EZB eine Inflationsrate von knapp unter 2% im Euroraum. Das hat die EZB in der Vergangenheit auch hinbekommen. Im Durchschnitt.

    Leider ist eine durchschnittliche Inflationsrate von knapp 2% nicht sehr aussagekräftig. In der Bundesrepublik lag die Inflationsrate in aller Regel unter diesem Durchschnitt. In den südeuropäischen Ländern zum Teil deutlich darüber.

    Diese unterschiedlichen Inflationsraten sind sind ebenfalls ein Grund für die bundesdeutschen Handelsbilanzüberschüsse mit unseren europäischen Partnern oder besser gesagt Opfern.

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