Sparen ist doch immer gut, oder nicht?


Gastbeitrag von Michael Hönnig

In jeder Diskussion um die Wirtschaftslage der EU und Deutschlands ist es zu hören: Wir müssen sparen. Oder auch: Die (PIIGS) müssen sparen. Bei vielen Menschen kommt das auch gut an, ist doch Sparen auch für Privathaushalte der einzige Weg zum Wohlstand. Dass es für Staaten nicht gelten sollte, ist schwer verständlich. Wo liegen also die Unterschiede?

[Vorab: In diesem Artikel soll „sparen“ als „weniger ausgeben als zuvor“ definiert sein. Das ist zwar noch nicht wirklich sparen im eigentlichen Sinne, sondern eher „einsparen“ (weglassen von Ausgaben), aber passt am ehesten zu der Wortbedeutung, wenn „sparen“ auf Staaten angewendet wird.]

Spart ein Privathaushalt, dann hat dies nur geringe Auswirkungen auf seine Einnahmen. Allenfalls könnte eine zu lange ausbleibende Weiterbildung die berufliche Situation verschlechtern. Weiterbildungsausgaben haben jedoch in den meisten privaten Haushalten eher geringe Anteile, so dass es viel größere Sparpotentiale gibt, z.B. Urlaubsreisen und andere Vergnügungen. Spart ein Privathaushalt, so kann er also tatsächlich Vermögen aufbauen oder Schulden abbauen.

Auch Unternehmen können sparen. Hier ist dies schon kritischer zu sehen, denn wenn Unternehmen an Investitionen sparen, sind sie bald nicht mehr konkurrenzfähig und ihre Einnahmen werden wegbrechen. Daher sparen Unternehmen in nicht rentablen Unternehmensbereichen, indem diese stillgelegt oder verkauft werden. Als Entscheidungsbasis kann dafür eine Portfolioanalyse dienen. Unternehmen können dadurch erreichen, dass ihre Einnahmen nur wenig abnehmen, ihre laufenden Ausgaben (z.B. Ersatzinvestitionen) aber stark abnehmen, sie können sparen. Nebenbei kann es dabei allerdings zu Entlassungen und damit zu erhöhter Arbeitslosigkeit kommen, was aber nicht das Problem des Unternehmens, sondern der Gesellschaft ist.

Kommen wir zum Staat (oder auch zu Staatenbünden oder gar der gesamten Welt). Handelt ein Staat wie das Unternehmen im vorherigen Absatz, ist er selbst von der Arbeitslosigkeit betroffen, also werden seine Ausgaben (Arbeitslosenhilfe) steigen. Arbeitslose können zudem weniger konsumieren, die Konsumausgaben werden fallen, und damit die Einnahmen der Unternehmen. Dies wiederum führt dazu, dass weniger Unternehmen rentabel sind und weitere Betriebe stillgelegt werden müssen oder Kurzarbeit einführen müssen – alles führt wieder zu weniger Einnahmen oder Mehrausgaben des Staates. Eine verringerte Staatsausgabe wird also zwangsweise dazu führen, dass die Einnahmen noch stärker fallen, als an Ausgaben gespart wurde. Dies kennen die Wirtschaftswissenschaften als Multiplikatoreffekt – der funktioniert im positiven wie im negativen.

Können Staaten also nun folge dessen niemals ihre Schulden abbauen? Ich meine: Doch, sie können, aber im derzeitigen (Geld-) System nur in Wachstumsphasen, denn dann können die durch staatliche Investitionskürzungen freigesetzten Arbeitskräfte in der freien Wirtschaft eingesetzt werden. Das funktioniert aber nur dann, wenn das Wachstum deutlich ist. Ich schätze dieses Mindestwachstum auf deutlich über 3%, was z.B. wofür z.B. die in den Wirtschaftswissenschaften bekannte Okunschwelle ein Indiz wäre.

Vielen wird dies bekannt vorkommen, das ist der eigentliche Keynesianismus: Der Staat erhöht in der Rezession seine Investitionen, um aus der Krise zu kommen, und verringert zum Ausgleich seine Investitionen im Boom. Doch warum funktioniert dies nicht? Die Antwort ist einfach: Unser Wirtschaftswachstum schwankt nicht um 3%, sondern lag im Schnitt in den letzten Jahrzehnten immer deutlich darunter! Der Staat musste somit zwangsweise immer weiter Schulden aufbauen. Jeder Versuch zu sparen, hätte umso mehr die Sozialausgaben erhöht und/oder die Binnennachfrage und damit die Steuereinnahmen wegbrechen lassen. Bei nachhaltiger Politik UND einem um ca. 3% schwankendes Wirtschaftswachstum hätte es funktionieren können (allerdings auch dann vermutlich noch mit einer Umverteilung von der Arbeit zum Kapital – was aber in einem anderen Artikel behandelt wird).

Ein wesentlicher Faktor dabei ist die Rentabilität von Unternehmen. Zur Zeit gelten Unternehmen nur mit Renditen von deutlich ca. 3% oberhalb der sicheren Rendite (als diese galten bis vor kurzen Staatsanleihen, nehmen wir jetzt mal Bargeld) als rentabel, immerhin muss auch eine Risikoprämie mit eingerechnet werden. Unternehmen mit geringeren Renditen werden über kurz oder lang stillgelegt oder gehen in die Insolvenz, die dazu gehörigen Arbeitsplätze fallen weg. Handelt es sich um normale Konkurrenzsituationen, können andere Unternehmen die Arbeitskräfte übernehmen. Handelt es sich aber um eine verringerte gesamtwirtschaftlich Nachfrage, entsteht Arbeitslosigkeit.

Unternehmensrenditen können also langfristig nur deutlich oberhalb der Rendite auf Bargeld liegen. Bei geringer Inflation von z.B. 1% müssen es also immer noch mindestens real ca. 2% sein. Positive Renditen sind aber nur bei Wirtschaftswachstum möglich – und zwar beim quantitativ monetärem! Jegliche Idee von qualitativem Wachstum i.S.v Lebensqualität oder Glück, hilft hier leider gar nicht – so schön es wäre, solches zu gewinnen. Einzig hilft die Änderung des Geldsystems, so dass gerade in der Rezession (üblicherweise Zeiten niedriger Inflationsraten) das Bargeld deutlich negative Renditen hat, sprich: deutlich negativ verzinst ist.

3 Kommentare zu „Sparen ist doch immer gut, oder nicht?“

  1. apropo Buch Michael – ist Dein Buch fertig?

    und zum BGE – ich erkenne ganz unterschiedliche Ziele, die einen möchten den (Käufer)markt im Arbeitsmarkt aufheben, die anderen möchten den (Käufer)Markt im Arbeitsmarkt in ungestörte Funktion bringen – dazu zählen wir Beide.

    da muss es ja zwangsläufig Missverständnisse und Ablehnung solch verschiedener BGE-Freunde untereinander geben…

  2. Zum Thema, dass ich mich noch nicht mit dem BGE und seinen Wirkungen auseinandergesetzt hätte: http://www.global-change-2009.com/blog/arbeitsmarktgleichgewicht-in-abhangigkeit-vom-sozialsystem/2010/06/

    Als Arbeitslos im volskwirtschaftlichen Sinne zählen diejenigen, die Erwerbseinkünfte haben wollen, aber keine passende Arbeitsstelle finden. Die wird es auch unter BGE geben. Ein Problem wird bei BGE allerdings sein, die Größe dieser Bevölkerungsgrupe zu messen, da es unter BGE nicht notwendig wäre, sich als solche zu melden; für ALG nicht und für Vermittlung so wie so nicht.

    Gibt es über die sogenannte natürliche Arbeitslosigkeit (vor allem friktionelle) Menschen, die ihre Arbeitskraft anbieten, aber keine passende Arbeitsstelle finden, ist dies ein Indikator dafür, dass es freie Kapazitäten gibt. Diese wiederum sind ein Indikator für ein zu hohes Zinsniveau. Wie gesagt: Es geht nur um unfreiwillige Arbeitslosigkeit.

    Zudem ist es schwierig, mehrere Systemkritiken gleichzeitig abzuhandeln, weil man dann vom Hundertsten ins Tausendste kommt und keinen Blog-Artikel, sondern ein ganzes Buch braucht.

  3. Mir gefallen dies Passagen nicht:
    „die durch staatliche Investitionskürzungen freigesetzten Arbeitskräfte in der freien Wirtschaft eingesetzt werden.“ oder „gehen in die Insolvenz, die dazu gehörigen Arbeitsplätze fallen weg.“ oder „um eine verringerte gesamtwirtschaftlich Nachfrage, entsteht Arbeitslosigkeit.“

    Warum? Weil hier tendenziell durchklingt das Arbeitslosigkeit ein Problem darstellt. Wer sich einmal im Leben ausreichend intensiv mit den Grundgedanken des Bedingungslosen Grundeinkommens auseinandergesetzt hat, kann Sprüche wie „Wir müssen die Arbeitslosigkeit bekämpfen“ in ihrer logischen Falschheit erkennen.

    Grundsätzlich guter Artikel zum Thema des Begriffs „Sparen“ aber die Einflechtung des Begriff „Arbeitslosigkeit“ in diesem Sinne gefällt mir nicht. Mir scheint der Autor hat sich mit dem BGE noch nicht ausreichend genug auseinandergesetzt. Es gibt mit BGE höchstens „Freigestellte“ aber keinen Problemfall „Arbeitsloser“ den der Staat bekämpfen muss. Der Staat ist sowieso der schlechteste Arbeitslosenvermittler den man sich vorstellen kann.

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