Schluss mit der Staatsschuldenphobie – Vorträge von Prof. Helmedag sehr empfehlenswert


Staatsschulden sind ganz schlecht, so hören wir es immer wieder. Deswegen verschuldet Deutschland lieber das Ausland, statt selbst Staatsschulden für seine Geldsparer zu machen. Mit dem Exportüberschuss exportieren wir auch unsere Staatsverschuldung, die wir für unsere Geldsparer eigentlich machen müssten. Dies ging eine Weile ganz gut, aber neuerdings müssen wir die exportierte Staatsverschuldung eben selber „retten“.

Geld weg, Ware weg – dumm, dümmer, Exportüberschüsse.

Nun erreicht diese Problematik immer mehr den Mainstream, nur wird über die Konsequenzen (noch) nicht ernsthaft diskutiert – dabei sind diese glasklar:
Entweder wir sanktionieren das Geld-Sparen der Bürger oder wir machen unseren Frieden mit deutschen Staatsschulden. Einen tollen Vortrag zum Thema macht Prof. Fritz Helmedag von der TU Chemnitz. Ich war im März diesen Jahres bei einem Vortrag in Annaberg „Staatsschulden als permanente Einnahmequelle“ und habe nun einiges inhaltliche dieses Vortrag als Pdf gefunden. Der Mann gehört zu den wenigen Ökonomen, die bei Geldfragen nüchtern logisch = saldenmechanisch denken können und gleichzeitig aber eine hohe rethorische Qualität haben, einfach brillant! Ich hoffe, wir hören in der kommenden Eskalation fehlenden gesamtwirtschaftlichen Denkens noch viel mehr von ihm.

12 Kommentare zu „Schluss mit der Staatsschuldenphobie – Vorträge von Prof. Helmedag sehr empfehlenswert“

  1. @Hajo Zeller – die ökonomischen Begriffe historisch und kulturvergleichend zu relativieren, ist kein Problem. Rein theoretisch können wir zwischen verschiedenen Formen sozialer Beziehungen wählen und nutzen ja auch verschiedene Formen.

    Eigentlich drehen sich alle Kontroversen um Systemalternativen und Utopien genau um diesen Punkt.

    Ich will mal unterscheiden zwischen Familiensolidarität / Reziprozität (Familie, Stamm, Nachbarschaft), Redistribution (Feudalismus, Realsozialismus, größtenteils Staatssektor im Kapitalismus) und Markt (Eigentum, Vertrag, Schuldrecht, Kredit, Geld).

    Wir haben heute ’ne Mischform, in der alle drei Formen existieren, aber der Markt recht fundamentalistisch favorisiert wird. Das sicher auch deshalb, weil er – aber nicht er allein – zu einem guten Teil die Ausdifferenzierung arbeitsteiliger Strukturen (Innovation) ermöglicht und erzwingt, die zu „materiellem Wohlstand“ führt, auf den offensichtlich die wenigsten auch unter denen verzichten wollen, die sich für Systemalternativen stark machen.

    Aber Du hast recht, man kann auch ganz andere Sachen machen als „Markt“ / „Ökonomie“.

  2. >>>Ist eine arbeitsteilig organisierte Bedürfnisbefriedigung immer und zwangsläufig auf Geld und Wert angewiesen?

    und braucht es den bösen Markt? 🙂

    Ich sage JA, weil der Mensch, menschlich = subjektiv bleiben soll.
    Wenn er objektiv wäre, dann gänge es ohne den ganzen Kram, aber warum soll man sich so unmenschliche Menschen wünschen?

    Aber wenn Du doch Antworten auf diese Fragen findest, dann wollen wir dies hier natürlich diskutieren – also, wie weit bist Du?

  3. Beim Lesen der letzten Diskussionsbeiträge fällt mir auf, wie selbstverständlich und voraussetzungslos die Begriffe aus der ökonomische Sphäre benutzt werden (Unternehmer, Arbeitslosigkeit, Vollbeschäftigung, Ressourcen usw. usw.)

    Wenn über grundsätzliche Lösungsansätze für gesellschaftliche Probleme – und die ökonomischen Probleme sind gesellschaftliche Probleme – nachgedacht und diskutiert wird, dann sollte auch Klarheit darüber geschaffen werden, unter welchen Bedingungen, ökonomische Begriffe gelten oder nicht gelten.

    Wo steht eigentlich geschrieben, dass menschliche Bedürfnisse nur mit Waren befriedigt werden können? Ist es wirklich zwingend notwendig, dass Unternehmen die Produkte bereitstellen, die für die Versorgung der Bevölkerung notwendig sind? Ist eine arbeitsteilig organisierte Bedürfnisbefriedigung immer und zwangsläufig auf Geld und Wert angewiesen? (Wobei der Begriff arbeitsteilig noch genauer zu klären wäre) Das sind Fragen, die bei einer grundsätzlichen Diskussion zu stellen und zu diskutieren sind.

    Dann ist auch die Frage erlaubt, ob Zinsen gottgeben oder von Menschen gemacht sind. Ob sie eine Prämie für Konsumverzicht, der Preis für Kapital oder nur eine schlechte Angewohnheit sind.

    Zudem: Viele Menschen sparen Geld, um für das Alter vorzusorgen – Altersvorsorge. Ihnen ist nicht klar, dass ihnen die schönste Altersvorsorge in Geldvermögen nichts nutzt, wenn niemand die Kartoffeln anbaut, das Bier braut oder bereit ist andere Menschen zu betreuen und zu pflegen. Auch eine Altersvorsorge in Sachwerten ist nur bedingt nützlich. In einem Haus kann man wohnen, in einem Windrad eher nicht. Dafür liefert es Strom. Immerhin.

    Fazit: Hin und wieder – wie beim Fußball – den Kopf heben und sich einen Überblick verschaffen. Dann können auch leichter eingefahrene Denk- und Verhaltensmuster aufgebrochen und verändert werden.

  4. Nein, Du verstehst mich da leider gar nicht, lieber @mm. Es geht mir nur um die politische Durchsetzbarkeit. Die zumindest zeitweise erwartbare Staatsschuldentilgung ist nur ein Bonbon für die Staatsschulden- und Inflationsphobiker. Die springen sonst bei der Notenbankfinanzierung der Staatsschulden im Dreieck.

    Ich sehe überhaupt kein Problem in zinslosen Staatsschulden einer Monetative, nur in den Phobikern, die ruinieren damit gerade Europa und den Frieden.

    http://www.tagesspiegel.de/politik/frauen-koennen-geburt-nicht-mehr-bezahlen-arzt-in-griechenland-fehlt-es-an-grundversorgung/7375358.html

  5. Versteh ich es richtig, daß Du das „Problem“, das Du lösen willst, in einer „hohen Verschuldung“ (speziell des Staates) siehst?

    Ich halte das für einen zu isolierten Ansatz.

    M.E. besteht die Aufgabe darin, „das System“ der Geldwirtschaft (Wirtschaft/bürgerliche Gesellschaft und Staat im Kontext der globalisierten Welt) zu verstehen, inclusive der typischen standpunktgebundenen Interessen von Akteursklassen (traditionell: Arbeitnehmer, Unternehmer).

    Um auf dieser Basis ein wirtschaftspolitisches Gesamtkonzept zu entwickeln.

    Gruß
    moneymind

  6. @mm
    theoretisch funktioniert alles was das Geldsparen begrenzt….es muss nur politisch durchsetzbar und auch gut steuerbar sein. Da habe ich bei der Inflation als Mittel Zweifel, schlecht durchsetzbar und steuerbar. Die Inflationsphobie in Folge einer starken (Hyper)infla, bringt auch die Brünings in der Folge…

    Dauerhafte Nullzinserwartungen sind da n.m.E. einfacher, Nullsparzins haben wir ja jetzt schon fast, es geht nur darum ihn bezüglich der Erwartungen festzuschreiben. Die Kreditsteuer kann national oder sogar regional als Makro-Steuerelement schnell und sauber eingesetzt werden.

  7. Um das obige nochmal zu präzisieren: mithilfe von Geld- und Fiskalpolitik eine höhere Inflationsate anzuzielen, u.a. um Geldsparen unattraktiv zu machen, würde zwar c.p. auch zu mehr Wachstum und mehr Beschäftigung führen und damit auch die Verhandlungsposition der Gewerkschaften wieder stärken.

    Es würde aber auch Geld in Relation zu fälligen Forderungen auf entknappen und den gesamtwirtschaftlichen Schuldendruck senken, sprich: das durchschnittliche Verlustrisiko für Einzelunternehmer senken (also auch weniger Pleiten) und damit Dynamik aus dem System nehmen.

    Man sieht also: wenn das wirtschaftspolitische Kernziel eine optimale Auslastung und Nutzung der verfügbaren produktiven Ressourcen ist, dann besteht ein Zielkonflikt zwischen Ressourcenauslastung im Sinne von Vollbeschäftigung und optimaler Ressourcennutzung im Sinne von Verlustrisiko/Schuldendruck, die ja erst zu effizientem Umgang mit Ressourcen und zu permanentem Streben nach kostensenkenden Innovationen führen.

    Ich denke übrigens, daß solche Einsichten in die Widersprüchlichkeit wirtschaftspolitischer Ziele mit dem Stabilitäts- und Wachstumsgesetz von 1967 und dem „magischen Viereck“ wirtschaftspolitischer Ziele schon mal ansatzweise erreicht waren, wenn auch nicht rückbezogen auf den Kern der GeldWirtschaft, die relative Knappheit des Geldes.

    Gruß
    moneymind

  8. Wäre nicht das einfachste Mittel, Geldsparen (Vermögensbildung in Form von Geld, das im Portfolio mit anderen Vermögensformen konkurriert) dysfunktional zu machen, ein höheres Inflationsziel?

    Das würde bedeuten, das monetaristische Ziel der Geldwert/Preisstabilität aufzugeben und zur Keynesianischen Politik der 60er Jahre (Höhepunkt: Stabilitätsgesetz von 1967) zurückzukehren. Es würde vermutlich auch die Arbeitslosigkeit senken und damit die Position der Gewerkschaften wieder stärken.

    Es würde allerdings auch bedeuten, den gesamtwirtschaftlichen Schulden- und damit Leistungsdruck zu senken und ggf. Dynamik aus dem System zu nehmen, oder nicht?

    Gruß
    moneymind

  9. Hi Jörg, Helmedag hat in Hohenheim studiert, da lehren viele Keynesianer – Peter Spahn, Harald Hagemann und andere:

    https://wipol.uni-hohenheim.de/76019
    https://economics.uni-hohenheim.de/profdrharaldhagemann0

    Motto des Lehrstuhls für Wirschaftstheorie ist ein Keynes-Zitat:

    https://economics.uni-hohenheim.de/

    Spahn bietet eine Reihe ganz guter Aufsätze zum Download an:

    https://wipol.uni-hohenheim.de/76030

    Interessant für die Diskussionen hier vielleicht v.a. der Aufsatz

    „Geldwirtschaft – eine theoretische und historische Annäherung“:

    https://wipol.uni-hohenheim.de/fileadmin/einrichtungen/wipol/Publikationen_Spahn/geldwirt.pdf

    Daraus wurde das Buch „From Gold to Euro“, das ich gerade lese.

    Gruß
    moneymind

  10. @JN, bin im Urlaub, deshalb nur kurz

    ist egal in was Du Deine Einnahmeüberschüsse dokumentierst, wichtig wäre es, die private Vorsorge zusätzlich zu besteuern statt zu fördern und dafür die Umlagefinanzierung der Altersvorsorge auszubauen.

  11. Leider beherrscht die logische Erfassung der Probleme nicht die Mehrheit der deutschen Wirtschaftspolitik. Stattdessen funktioniert vieles nach dem Herden-Meinungs-Prinzip – einer gibt die Meinung vor, die anderen plappern einfach nach, da viele leider entweder kein Interesse oder schlichtweg keine Zeit haben, neben all den anderen Lebensverpflichtungen, die alle Ihren Tribut zollen, sich mit der Thematik zu beschäftigen und das politische Spiel zu bewerten.

    Dies wäre jedoch sehr wichtig und notwendig für die nächste fundierte Wahlentscheidung, wenn wir unser Land nicht ökonomisch gemeinsam wg. Unwissenheit gegen die Wand fahren wollen.

    Eins ist mir jedoch noch nicht klar: Sind die genannten Fakten von Herrn Helmedag ein Argument für mehr Investment in die deutsche Lebensversicherung!? (… sofern sie mir ausschließlich deutsche Anleihen damit weiterverkauft)

    Wie verhält sich das Ganze gesehen auf den demographischen Wandel in Deutschland? Bringt uns das nicht doch irgendwann an die soziale Belastungsgrenze, wenn die RentenVersicherung permanent durch Neuverschuldung subventioniert werden muss und die großen Kapitalvermögen sich gekonnt der Besteuerung entziehen?

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