Arbeitsmarktgleichgewicht in Abhängigkeit vom Sozialsystem

Beitrag war original vom 28 Juni 2010
Michael Hönnig

Die neoklassische Theorie der Volkswirtschaftslehre geht davon aus, dass der Arbeitsmarkt wie der Gütermarkt funktioniert und es insbesondere immer genau einen Gleichgewichtszustand gibt. Schon Keynes führte zwar die Nominallohnstarrheit ein, was nach heutiger Interpretation zu Verzögerungen bei der Marktgleichgewichtsfindung führt, und zeigte auf, dass bedingt durch unser Geldsystem eine strukturelle Arbeitslosigkeit entsteht, behielt aber den wesentlichen Zusammenhang zwischen Arbeitsangebot und Arbeitsnachfrage bei. Dieser Artikel zeigt, dass das Vorhandensein eines Gleichgewichtszustands aber abhängig vom Sozialsystem ist und dabei ein bedingungsloses Grundeinkommen den Arbeitsmarkt dem neoklassischen Markt am nächsten bringt.


Der neoklassische Arbeitsmarkt

Zunächst muss erwähnt werden, dass die Begriffe Angebot und Nachfrage bezogen auf den Arbeitsmarkt in der VWL gegenüber der Umgangssprache genau verdreht sind: Arbeitsangebot ist also das Angebot von Arbeitskraft durch die potenziellen Arbeitskräfte, also genau genommen das Arbeitskräfteangebot oder umgangssprachlich die Arbeitsstellennachfrage. Und die Arbeitsnachfrage ist die Nachfrage nach Arbeitskräften durch Arbeitgeber, also genau genommen Arbeitskräftenachfrage oder umgangsprachlich das Arbeitsstellenangebot. Im Folgenden werden die Begriffe aus der VWL verwendet.

Neoklassik wie Keynesianer gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften mit zunehmendem Lohn sinkt. Dies ist auch in sofern logisch, als mit steigendem Lohn immer weniger Unternehmen rentabel sind und sich zudem mit steigendem Lohn sich Automatisierung und damit die Substitution von Arbeitskräften durch Kapital rentiert. Eine genaue Herleitung findet sich z. B. in [Mankiw2008] S. 434ff.

Des Weiteren gehen Neoklassik und Keynesianer davon aus, dass es sich beim Arbeitsangebot genau andersherum verhält, also bei geringem Lohn wenige Menschen bereit wären, ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen, bei hohem Lohn aber viele Menschen dazu bereit wären. Im Bezug auf Alternativen – z. B. Subsistenzwirtschaft oder andere Arbeitsstellen – entspricht das wohl auch der Wirklichkeit. Die wissenschaftliche Herleitung basiert regelmäßig auf der Grenznutzentheorie, hier also den Einkommensverlust aus Freizeit als Opportunitätskosten zu sehen, wie z. B. in [MankiwTaylor2008] S. 444ff. Nur wenige Autoren gehen näher auf sonstige Beweggründe ein, so unterscheiden z. B. [BraunPaschke2005] auf S. 143ff die Arbeitsangebotskurve eines Konsumfreaks (sic!) und eines Freizeitfreaks (sic!).

Im Folgenden soll nun geklärt werden, ob diese Kernannahme der Makroökonomie überhaupt noch stimmt, wenn alle Menschen einer Volkswirtschaft betrachtet werden, Subsistenzwirtschaft ausgeschlossen wird (wie es wohl für die allermeisten Menschen in den Industriestaaten zutrifft) und alle alternativen Arbeitsstellen aggregiert werden. In der Makroökonomie geht es grundsätzlich um aggregierte Werte, d. h., für jede Lohnhöhe sind alle Arbeitsangebots- und Arbeitsnachfragemengen addiert und (in der Skala meiner Diagramme) dann durch die Anzahl der Bedarfsgemeinschaften geteilt. Jeder Teilmarkt hat natürlich sein eigenes Gleichgewicht.

Dargestellt wird dieser Markt üblicherweise so (vergl. [BraunPaschke2005] auf S. 147):
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Dabei ist also – anders als in der Mathematik üblich – die unabhängige Größe (hier die Lohnhöhe) auf der Abszisse (vertikal) und die abhängige Größe (hier die Arbeitsmenge) auf der Ordinate (horizontal) abgebildet. Ich werde das (vor allem aus technischen Gründen) in den folgenden Diagrammen allerdings wieder zurückdrehen:
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Diese Grafik ist so zu lesen: Bei einem Lohnniveau von z. B. 20 € pro Stunde würde die Arbeitskraftnachfrage 25 Arbeitsstunden pro Woche und Standard-Haushalt betragen, diese würden aber je Standard-Haushalt (in beiden eingezeichneten Modellen) ca. 35 Arbeitsstunden pro Woche anbieten. Die Stundenzahl wird ermittelt, indem beim gegebenen Lohnniveau von der Lohnachse senkrecht nach oben gegangen wird, bis die jeweiligen Linien erreicht werden. Von dort geht man waagerecht nach links bis zur Lohnniveau-Achse.

Dabei habe ich neben der Arbeitsnachfragekurve (blau) zum einen die in der neoklassischen Makroökonomie übliche Arbeitsangebotskurve (rot) und zum anderen eine vereinzelt in der Literatur (z. B. in [Fees2004]) anzutreffende komplexere Kurve (gelb) eingezeichnet. Die komplexe Kurve berücksichtigt, dass bei geringem Lohn viel Arbeitseinsatz nötig ist, um den Lebensunterhalt zu gewährleisten, und geht davon aus, dass bei sehr hohen Löhnen das Arbeitsangebot ansteigt. Weder [BraunPaschke2005] noch [MankiwTaylor2008] und [FeldererHomburg2005] erwähnen diese Notwendigkeit, die das Arbeitsangebot aber entscheidend beeinflusst.

Im Schnittpunkt der Nachfragekurve mit der jeweiligen Angebotskurve liegt das Marktgleichgewicht mit einem Gleichgewichtspreis und einer Gleichgewichts(arbeits)menge. In diesem Gleichgewicht kann jeder Mensch seine Arbeitskraft voll im gewünschten Maße einsetzen, der bereit ist, für diesen Lohn (oder weniger) zu arbeiten; und jeder Arbeitgeber, der für diesen Lohn (oder einen höheren) Arbeitsstellen bereitstellt, kann seine Stellen voll besetzen. Schon bei der komplexen Kurve sieht man, dass – je nach konkreter Lage – ggf. kein oder gar mehrere Schnittpunkte existieren können bzw. die Kurven sich über einen längeren Lohnbereich (im Beispiel von 10-15 €) berühren können.

Inwiefern das jeweilige Sozialsystem den konkreten Kurvenverlauf beeinflusst, wird nun betrachtet:

Grundannahmen

Im Folgenden gehe ich von diesen Annahmen aus:

  1. Untersucht wird das durchschnittliche Arbeitskraftangebot eines Standard-Haushalts, bestehend aus 2 Erwachsenen und einem Kind, im Schnitt über die Lebenszeit eines Menschen in Deutschland (oder strukturell vergleichbaren Staaten). Der Fokus liegt dabei auf dem Vergleich der Kurvenverläufe, nicht auf der absoluten Höhe des jeweiligen Arbeitsangebots.
  2. Diese Bedarfsgemeinschaften wirtschaften gemeinsam, was auch bedeuten kann, dass nur einer oder einige der Erwerbsarbeit nachgehen und andere sich z. B. dem Haushalt, der Kindererziehung oder der Ausbildung widmen können und dies auch kurzfristig variierbar ist.
  3. Flexibilität beim Arbeitsangebot entstehe nicht nur durch Erwerbstätigkeit bzw. Nicht-Erwerbstätigkeit einzelner Mitglieder einer Bedarfsgemeinschaft, sondern auch durch längere und kürzere durchschnittliche Wochenarbeitszeit und variable Urlaubszeiten und langfristig durch variable Lebensarbeitszeit.
  4. Um die Grundbedürfnisse der Menschen einer Bedarfsgemeinschaft zu erfüllen, wird ein Mindesteinkommen als nötig angesehen – noch weniger zu arbeiten stellt also keine Alternative dar, weil es den Tod bedeuten würde.
  5. Es wird zudem davon ausgegangen, dass Menschen im Durchschnitt eine Mindestarbeitszeit wünschen, weil sich Menschen aktiv in die Gesellschaft einbringen wollen, Kontakte brauchen etc. Im Einzelfall mag diese Zeit zwischen absoluter Faulheit und völliger Überarbeitung schwanken, aber relevant sind hier nur Durchschnittswerte.
  6. Außerdem wird davon ausgegangen, dass ein steigender Stundenlohn auch zu einem steigenden Monatslohn führt (siehe Berechnungen in [Hoennig2010amb]), also die Arbeitszeit bei steigendem Stundenlohn nicht übermäßig verringert wird.

Anmerkung: Auch wenn es auf die Kurvenverläufe und nicht deren absolute Höhe ankommt, sollen die angegebenen Löhne realistisch sein. Dazu ist zu bedenken, dass auch Ausbildungs- und Rentenalterzeiten im Durchschnitt enthalten sind, die von dem o. g. Standard-Haushalt nicht unbedingt abgedeckt werden. D. h., ein Arbeitskraftangebot von z. B. 20 Stunden bedeutet nicht etwa, dass dieser Mensch während seiner Erwerbsjahre 20 Wochenstunden arbeitet, sondern in diesen deutlich mehr, dafür aber eben auch erwerbsarbeitslose Zeiten bestehen. Auf die Spitzenwerte bei unzureichenden Sozialsystemen kommt man auch historisch in den Jahren der Industrialisierung.

Arbeitsmarkt mit ALG2

In Deutschland können Erwerbslose mindestens Arbeitslosengeld 2 (ALG2, auch Hartz IV genannt) erhalten, wenn Sie nicht arbeitsfähig sind oder zwar dem Arbeitsmarkt zur Verfügung stehen, aber keine Arbeitsstelle haben. Dabei müssen sie ggf. ihre Arbeitskraft für einen sehr geringen Lohn zur Verfügung stellen, um aus dem ALG2-Bezug herauszukommen. Dies kann auch ergänzend zu ALG2 in Form von z. B. sogenannten 1-Euro-Jobs gefordert werden.

Daraus folgen zwei Einflüsse auf das Arbeitsangebot:

  1. Es entsteht ein Mindestarbeitsangebot auch parallel zum ALG2-Bezug unabhängig davon, wie tief die Löhne fallen.
  2. Ein recht hohes Arbeitsangebot bei niedrigen Löhnen knapp oberhalb der ALG2-Grenze, von der einen Seite durch den auf die ALG2-Empfänger ausgeübten Druck, Erwerbsarbeit auch zu niedrigen Preisen aufzunehmen; und von der anderen Seite aus der Angst, in Zukunft auf ALG2 angewiesen zu sein.

In der Schätzung des Arbeitsangebots parallel zum Bezug von ALG2 liegt ein großer Unsicherheitsfaktor, weil zwar die Einkünfte, nicht aber die angebotenen Stunden und Stundenlöhne bekannt sind. Meine Abschätzung beruht dabei auf den Zahlen in [BfA2009], S. 37. Dabei ist zu berücksichtigen, dass es auch Menschen gibt, die aufgrund von Vermögen kein ALG2 beziehen, aber dennoch keine ausreichenden Vermögenseinkünfte haben, d. h., die reine ALG2-Kurve würde im Niedrigstlohnbereich aufgrund der Grundsicherung tiefer liegen.

Dadurch entsteht in etwa der folgende Kurvenverlauf:
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Der genaue Verlauf hängt natürlich von vielen Faktoren ab. Die im Diagramm dargestellten Werte berücksichtigen aber die o.g. Rahmenbedingungen.

Relevant ist, dass es ggf. bis zu drei Schnittpunkte – und damit bis zu drei Marktgleichgewichte gibt, ggf. auch einen Schnittpunkt und eine Stelle, an der sich die Kurven – vielleicht sogar über eine längere Strecke – berühren. Ein solcher Markt ist sehr instabil, was sich ggf. in als ungerecht empfundenen Löhnen ausdrücken kann.

Der Angebotsberg bei einem Stundenlohn von ca. 8-9 € ergibt multipliziert mit der Wochenstundenanzahl in etwa 1400-1500 €, was in dieser Größenordnung auch von [IAB2008] (siehe dort in der Auszählung unter „Mindesthöhe des Nettomonatslohnes“) als Angebotsberg bestätigt wird.

Arbeitsmarkt ohne Sozialsystem

Als Nächstes soll betrachtet werden, wie der Arbeitsmarkt aussähe, wenn es gar kein Sozialsystem gäbe. Für manche mag das nach „neoliberalen“ Wunschvorstellung aussehen, die sich ja immerhin auf die neoklassische Theorie beruft. Hier wird nun relevant, dass – so tief die Löhne auch fallen – die Menschen nun einmal ihre Grundbedürfnisse erfüllen müssen, wenn sie nicht sterben wollen. Und das bedeutet, dass das Arbeitsangebot ggf. so weit ausgedehnt wird, wie es nur möglich ist.

Dadurch entsteht dann in etwa dieser Kurvenverlauf:

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Der genaue Verlauf hängt natürlich auch hier wieder von vielen Faktoren ab. Die im Diagramm dargestellten Werte berücksichtigen aber die o. g. Rahmenbedingungen.

Je nach konkretem Verlauf der Kurven können auch hier wieder mehrere Schnittpunkte und damit mehrere Gleichgewichte entstehen. Mehr noch: Es kann sogar sein, dass es gar keinen Schnittpunkt gibt, also kein Marktgleichgewicht existiert. Die sich in einem solchen System bildenden Löhne haben also mit Marktpreisen wenig zu tun und dürften wohl eher als Machtpreise bezeichnet werden können. Vielleicht muss man sich sogar fragen, ob eine solche Situation überhaupt ein Markt ist, denn dass Angebot und Nachfrage zusammenkommen (was die Definition eines Marktes ist), ist nicht einmal sichergestellt.

Arbeitsmarkt mit BGE

Als Letztes betrachte ich, wie der Arbeitsmarkt aussähe, wenn ein bedingungsloses Grundeinkommen (BGE) eingeführt würde, welches die Grundbedürfnisse abdeckt und ohne jeglichen Arbeitszwang an jeden Bürger gezahlt wird. Hier haben wir nun die Situation, dass jegliche Arbeit für jeden Einzelnen freiwillig ist und Lohn, Arbeitsinhalt und Arbeitsumstände zu den motivierenden Faktoren werden – ganz wie es die Wirtschaftswissenschaften eigentlich voraussetzen.

Spannend ist, welcher Arbeitsangebots-Kurvenverlauf sich nun ergibt:

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Der genaue Verlauf hängt natürlich wiederum von vielen Faktoren ab. Es ist aber zu erwarten, dass zumindest im wichtigsten Bereich – dem Niedriglohnbereich – die Steigung der Kurve exakt so verläuft, wie es der neoklassische Arbeitsmarkt voraussetzt. Ein durch äußere Umstände hervorgerufener Angebotsberg dürfte eher flach ausfallen – falls es ihn überhaupt gibt, zudem wird dieser in höheren Lohnbereichen liegen als bei ALG2 und damit vom sozialen Standpunkt her weniger relevant sein. Sprich: Ob Stundenlöhne durch marktexterne Umstände 2 € oder 12 € betragen, ist vom sozialen Standpunkt her anders zu bewerten, als ob Stundenlöhne durch marktexterne Umstände 20 € oder 30 € betragen.

Resümee

Wenn die Märkte heute nicht richtig funktionieren, muss es nicht immer mehr Regulierung (Mindestlöhne etc.) sein, bis gar nichts mehr vom Marktmechanismus übrig ist und wir durch die Hinterür heimlich eine Planwirtschaft eingeführt haben. Es gibt noch einen anderen Weg: Die Märkte ihrem Ideal anzunähern, damit sie funktionieren können.

Man mag vom BGE halten, was man möchte, aber von den drei hier betrachteten Modellen kommt der Arbeitsmarkt in einem auf einem BGE basierenden Sozialsystem dem neoklassischen Marktideal am nächsten. Die Politik wäre gut beraten, Ideen (z. B. [Werner2008] oder [Straubhaar2008]) rund um ein BGE weiter zu verfolgen; und von den Wirtschaftswissenschaften wünsche ich mir, dass sie das Arbeitsangebot im Niedriglohnbereich realitätsnäher herleiten. Ideen für diesbezügliche Forschungsprojekte sollte dieser Aufsatz ausreichend liefern. Dass die Herleitung der Arbeitsangebotskurve über den Grenznutzen in fast sämtlichen Lehrbüchern gebetsmühlenartig wiederholt wird, obwohl dies den einzelnen Arbeitsanbieter ggf. im wahrsten Sinne des Wortes in den Tod treiben würde, ist jedenfalls deutlich realitätsfremd.

Dass man den einen – die arbeiten – etwas nimmt, um es den anderen – die nicht arbeiten – zu geben, mag für viele Liberale eine grausige Vorstellung sein. In einem Folgeartikel möchte ich daher demnächst darauf eingehen, inwiefern ein BGE durchaus mit liberalen Grundsätzen vereinbar wäre. Auch hier sind nämlich einige Überraschungen verborgen.


Quellenangaben

MankiwTaylor2008: N. Gregory Mankiw und Mark P. Taylor; Grundzüge der Volkswirtschaftslehre (orig.: Economics, 2006); Schäffer -Poeschel; 4. Auflage, 2008

BraunPaschke2005: Sebastian Braun und Dennis Pasche; Makroökonomie anschaulich dargestellt; PD-Verlag Heidenau; 1. Auflage, 2005

Fees2004: Eberhard Feess; Makroökonomie: Bd. 2; Vahlen; 3. Auflage, 2004
(Ein Repetitorium mag eine seltsame Quelle sein, aber in der Tat ist dies eines der wenigen VWL-Bücher, in dem die Arbeitsangebotskurve in ihrer vollen Komplexität erwähnt wird.)

Hoennig2010amb: Michael Hönnig; Berechnungstabelle zum Artikel Arbeitsmarktgleichgewicht in Abhängigkeit vom Sozialsystem (ODF-Spreadsheet Dokument, z.B. mit OpenOffice.org Calc zu öffnen)

FeldererHomburg2005: Bernhard Felderer und Stefan Homburg; Makroökonomik und neue Makroökonomik; Springer Verlag; 9. Auflage, 2005

BfA2009: Bundesagentur für Arbeit (Hrsg.); Monatsbericht Dezember und Jahr 2009

IAB2008: IAB (Hrsg.); Lebenssituation und Soziale Sicherung 2005 (LSS 2005)

Werner2008: Götz W. Werner; Einkommen für alle; Lübbe; 2. Auflage, 2008

Straubhaar2008: Thomas Straubhaar (Hrsg.); Bedingungsloses Grundeinkommen und Solidarisches Bürgergeld – mehr als sozialutopische Konzepte; Hamburg Univ. Press; Version 1.0, 2008

25 Kommentare zu „Arbeitsmarktgleichgewicht in Abhängigkeit vom Sozialsystem“

  1. Ist das BGE nicht etwas entsprechendes zu dem was wir vor der HartzIV -Geschichte hatten und was bewusst von Bertelsmann, Schröder und den Grünen abgeschafft wurde?

  2. Top Ökonom Dennis Snower aus Kiel kritisiert seine Wissenschaft:

    „Ich zweifle an den Grundlagen meiner Disziplin, unserer Wissenschaft ist tatsächlich Quatsch.“

    „Snower kritisiert vor allem die Grundannahmen der Wirtschaftswissenschaft“

    http://www.welt.de/wirtschaft/article109539943/Top-Oekonom-Snower-zweifelt-an-seiner-Wissenschaft.html

    Na endlich, die Grundlagendiskussion! Die Axiome der Wirtschaftswissenschaften gehören überprüft. Auf wackeligen Fundament kann man eben auch nur wackelige Gebäude aufbauen, die derzeit einbrechen.

    Aber auferstanden aus Ruinen… können wir aus dem Schutt ein neues Wirtschaftsmodell konstruieren. Mein Favorit:

    BGE + freie Martwirtschaft

  3. An alle Freunde des BGE: Wie hoch soll denn das BGE ausfallen?

    Bei der Höhe und bei den Randbedingungen gibt es ja signifikante Unterschiede bei den einzelnen Modellen.

  4. Guten Tag, Herr Hönnig,

    kurze Frage … ich halte auch nicht viel von Mindestlöhnen, weil die eigentlich immer auf eine 40-Stunden-Woche berechnet sind und in der Gesamtproblematik „Leben & Arbeit“ zu kurz greifen, außerdem werden aus Mindestlöhnen schnell mal Maximallöhne (warum sollte man auch mehr zahlen?) …
    Nun meine Frage: wäre in einer BGE-Welt nicht das BGE der Mindestlohn – im übertragenen Sinne?
    Danke im Voraus …

  5. Meine Beobachtung des jetzigen sozialen Zustandes in Deutschland: Die, die wenig haben werden gegen die gehetzt die gar nichts haben -und- es bleibt alles irgendwie gleich, nur noch schlechter und noch komplizierter.

    Hier setzt das BGE an:

    (1) Artikel 1 Grundgesetz kann endlich real umgesetzt werden. Menschenwürde muss man sich nicht erst „erarbeiten“.
    (2) Wegfall der langsam explodierenden Bürokratieatombombe im Sozialen Bereich. „Einzelfallgerechtigkeit“ bekommt endlich die korrekte Bedeutung.
    (3) Vorteil des Begriffs “Bedingungsloses Grundeinkommen”: Es lässt sich nicht als Phrase abschwächen oder umdeuten. Bedingungslos bleibt Bedingungslos. „Verhaltensunabhängig“ wäre auch ein denkbarer Begriff.
    (4) Abbau der Steuerbürokratie durch Modell Konsumsteuer. Grundsatz: Steuern müssen nicht erhöht werden, Steuern müssen gezahlt werden. Wegfall von Steuerausnahmen und Subventionen
    (5) Wegfall der Hartz IV Problematik (immer mehr Arbeitslose durch immer mehr Maschinenarbeit). Keine Unterschwellige Diskriminierung von „Arbeitslosen“ mehr (besserer Begriff: „Freigestellte“).
    (6) BGE ist lebenslanges Bafög. Endlich ist Lebenslanges Lernen nicht nur ein politisches Motto, sondern auch praktisch durchführbar.
    (7) Wirtschaften ist ein Für-Andere-Arbeiten. Niemand hat jemals für sich selbst gearbeitet. Kein Friseur, Kein Bäcker, Kein Banker, Kein Lehrer. Alle leisten und arbeiten für andere. Nur das Einkommen bekommen Sie selbst.
    (8) Beginn der gedanklichen Trennung von Arbeit und Einkommen: Menschen streiken nicht für Arbeitsplätze, Menschen streiken für Einkommensplätze.
    (9) Betreungsgeld/Herdprämien-diskussionen haben ein unbürokratisches Ende. Eine Partnerin kann sich vom tyrannischen Partner ohne Existenzangst trennen.
    (10) Menschen können endlich „Nein“ sagen (können, nicht müssen).

    Provozierende Menschenbildfrage: Gönnst du auch dem bösen Nachbarn ein bedingungsloses Grundeinkommen?

  6. @michael

    sorry, das kommt davon, wenn man sofort loslegt und den Rest nicht liest. Ich las zunächst nicht nur „nicht gründlich“ ich las gar nicht. Als ich den Artikel und die Seite in Gänze gelesen hatte, war der Kommentar schon draußen. Wird nicht wieder vorkommen.

    P.s.: Gibt es eigentlich eine Lösch- oder Korrekturtaste für eigene Beiträge?

  7. > Aber das erste Schaubild bildet die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht ab.

    Sie hätten gründlicher lesen sollen. Denn genau um das Problem geht es.

    Das erste Schaubild zeigt die Sicht der Mainstream-Ökonomie. Der Artikel zeigt eben genau auf, was sie schreiben:

    > Aus eigener Anschauung weiß ich, dass zu der Zeit, als ich als Wachmann
    > gearbeitet habe, mein Stundenlohn so gering war, dass ich gezwungen war,
    > mehr Stunden zu arbeiten

    Und desweiteren, wie verschiedene Sozialsysteme dazu führen, dass das erste SChaubild doch richtig wird. Denn nur wenn der Markt so funktioniert, wie die Maisntream-Ökonomen glauben, kann er funktionieren. Bei herrschenden Sozialsystemen funktioniert er aber eben nicht so – ganz wie Sie richtig erkannt haben.

  8. Ich habe den Artikel nur bis zum ersten Schaubild gelesen. Aber das erste Schaubild bildet die gesellschaftliche Wirklichkeit nicht ab. Wenn die Grundannahmen bereits falsch sind, kann das, was anschließend daraus geschlossen wird, nicht mehr richtig sein, oder?

    Hier meine Interpretation des ersten Schaubildes und meine Wahrnehmung in der gesellschaftlichen Wirklichkeit:

    Das Schaubild zeigt, dass wenn die Löhne steigen, die Arbeitnehmer mehr Arbeitszeit nachfragen und wenn die Löhne sinken, die Arbeitnehmer weniger Arbeitszeit nachfragen.

    Aus eigener Anschauung weiß ich, dass zu der Zeit, als ich als Wachmann gearbeitet habe, mein Stundenlohn so gering war, dass ich gezwungen war, mehr Stunden zu arbeiten. Bei 24-Stunden-Schichten, in denen auch die Ruhe- und Schlafzeit bezahlte Arbeitszeit war, kam ich so auf mehr als 300 Stunden im Monat. Die 300 Stunden erbrachten ein halbwegs auskömmliches Einkommen. Es konnte also keine Rede davon sein, dass das geringe Lohnniveau mich zu einer kürzeren Arbeitszeit animierte im Gegenteil (das war Anfang der 90er Jahre; tarifvertraglich und arbeitszeitgesetzlich war das sicherlich weit jenseits des Erlaubten, aber 168 Stunden für weniger als 10 DM ergaben eben wenig bis nichts, 324 Stunden zuzüglich Nacht,- Sonntags- und Feiertagszuschlägen erbrachte nicht selten deutlich mehr als 4500 DM brutto)

    Auch heute beobachte ich in meiner Umgebung, dass einige Menschen zwei oder sogar drei Stellen besetzen, weil sie mit dem Lohn von einer oder zwei Stellen nicht auskommen. Weil die Löhne so niedrig sind, weil Fixkosten gedeckt werden müssen, arbeiten die Menschen so lange bis die Kosten zumindest halbwegs sicher gedeckt sind. Die zeigt meines Erachtens, dass mit dieser Gleichgewichtskurve irgendetwas nicht stimmen kann. Und wenn die Grundannahmen siehe oben!

  9. Flexibilisierung des Arbeitsmarktes

    Das wichtigste Thema ist der Arbeitsmarkt. Durch völlige Deregulierung bzw. vollständige Flexibilisierung des Arbeitsmarktes verschwindet die Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig wird der einzelne Arbeitsplatz sicherer, weil es zu einem Arbeitskräftemangel kommt und die Unternehmen stärker wachsen. Die Dauer der Suche nach einem neuen Arbeitsplatz sinkt drastisch.

    Für Deutschlands Zukunft ist die Arbeitsmarktpolitik fast noch wichtiger als die Steuerpolitik. Unglücklicherweise sind in diesem Feld die Widerstände gegen die vernünftigen Maßnahmen am allergrößten. Das ist noch nicht mal der der Fehler unserer Politiker. Es liegt im wesentlichen daran, dass die meisten Bürger, ängstlich oder nicht informiert sind. Manchen fehlt auch einfach die Fähigkeit, logisch zu denken. Wahrscheinlich spielt psychologisch betrachtet Angst die größte Rolle. Unsere Partei orientiert sich aber nicht an der Angst, sondern am Mut, nicht an der Dummheit, sondern an der Vernunft, nicht an der Lüge sondern an der Wahrheit.

    Unsere Maßnahmen werden kombiniert mit der Steuerpolitik und niedrigeren Sozialabgaben, das heißt niedrigeren Bruttoarbeitskosten, mit absoluter Sicherheit zu einer Arbeitslosigkeit von Null führen. Deshalb werden wir für sie kämpfen. Kämpfen heißt auch um die Köpfe der Menschen kämpfen. Deshalb erklären wir auch, warum diese Maßnahmen so wichtig sind:

    Noch ist der flächendeckende Mindeslohn nicht eingeführt. Aber zum einen bildet das Arbeitslosengeld und die Sozialhilfe faktisch einen Mindestlohn, weil es sich unter diesem Transferlohn gar nicht lohnt zu arbeiten. Zweitens lässt sich am Beispiel des Mindestlohns exemplarisch erklären, worum es in Wirklichkeit bei unserer ganzen Philosophie geht.

    Zurzeit wird überall das Schreckgespenst der Linkspartei an die Wand gemalt. In Wirklichkeit ist nicht diese Partei das Problem, sondern die Einstellung der Menschen. Insgeheim stimmen die meisten Deutschen den linken Ideen zu. 80 Prozent sind beispielsweise für einen Mindestlohn. Das teuflische an den linken Ideen ist, dass sie für schlichte Gemüter auf den ersten Blick vernünftig klingen. „Ein Mensch muss von seiner eigenen Hände Arbeit leben können“, hallt es von den Sozialisten durch die Straßen der Republik. Und die Republik nickt – unisono.

    In dem Satz sind zwei Fehler enthalten. Erstens impliziert er, dass die Menschen nicht von Ihrer Arbeit leben können. Das ist so aber nicht richtig. Ohne die Belastung durch Sozialabgaben und Steuern könnten die Menschen sehr wohl von Ihrer Arbeit leben. Eine Putzfrau in München verlangt beispielsweise zehn Euro pro Stunde. Sie hat keine Ausbildung und kann oft nicht einmal deutsch. Trotzdem käme sie auf 1600 Euro netto im Monat, wenn die Abgaben nicht wären. Wenn also selbst jemand ohne Ausbildung und Sprachkenntnisse soviel verdienen kann, dann kann jeder von seiner Hände Arbeit leben. An anderen Orten ist dieser Satz sicherlich niedriger, aber dafür sind dort auch die Lebenshaltungskosten geringer.

    Artikel weiterlesen: http://www.parteidervernunft.de/flexibilisierung_des_arbeitsmarktes.html

  10. @Wolfgang Waldner

    Das mit den Geld- und Reallöhnen ist mir natürlich bekannt. Aber erwartest du wirklich, das ich in der Einleitung zunächst einmal komplett Keynes Ideen erläutere?

    > Es ist also bei Keynes nicht die Rede von MEHR
    > angebotener Arbeitsleistung, sondern von
    > gleichbleibender Arbeitsleistung trotz sinkender
    > Reallöhne. Was aber auch der Neoklassik widerspricht.

    Wie schon gesagt, ich kann nur anzubieten, bei der nächsten Fassung dieses Artikels, die Formulierung in der Einleitung umzubauen, um hier weniger falsche Eindrücke zu erwecken (die auch nicht beabsichtigt waren), Ich weiß aber noch nicht wie, weil ich auch nicht im ersten Satz den halben Artikel vorwegnehmen möchte.

    > Die von Dir im Artikel angesprochenen “Keynesianer” nun
    > gehen heute aus historischer Erfahrung sicher fast alle
    > davon aus, dass Arbeiter in einer Krise nicht nur in
    > sinkende Löhne, sondern auch in steigende Arbeitszeiten
    > und härtere Bedingungen für den Einzelnen einwilligen
    > müssen.

    Quelle? Und wenn es so ist: Warum spricht das niemand laut aus? Es gibt doch viele Keynesianer, die (anders als ich) durchaus Rang und Namen haben.

    > Zu genau dem Zweck werden die Krisen ja von der
    > Geldpolitik erzeugt.

    Ich glaube nicht an solche Verschwörungen, solange dasselbe Verhalten ganz ohne Verschwörung erklärbar ist.

    > Darum könnte man böswillig eine sinkende
    > “Arbeitsbereitschaft” wegen niedrigerer Löhne behaupten,
    > wie es die Neoliberalen dann auch machen.

    Mit ex post Zahlen (realisiertes Angebot) kann man kaum auf ex ante Zahlen (geplantes Angebot) schließen, von ceris paribus kann schon eh nicht die Rede sein. Davon abgesehen, sinkt doch die (offizielle) Arbeitslosigkeit in Deutschland sogar drastisch (leider habe ich keine Beschäftigungszahlen im Kopf, die vielleicht interessanter wären).

    > Falls Du von Keynes die “Essays in Persuasion” noch
    > nicht kennen solltest, möchte ich Dir diese unbedingt
    > zur Lektüre empfehlen. In denen wird nämlich klar, dass
    > die Weltwirtschaftskrise die Folge einer absichtlichen
    > Deflationspolitik mit dem Goldstandard war.

    Dass die Wirtschaftskrise Folge der Deflationspolitik war, ist mir schon klar. Absichtlich war sie auch, aber nicht um die Arbeiter leiden zu lassen, sondern weil man die wahre Bedeutung von Deflation (positiver Mindestzins) nicht erkannt hat. Man sah nur auf die Preise, statt auch auf die Wirkung für den Zins. Bezüglich der Preise man man sogar Recht gehabt haben, fatal nur, dass im Zusammenhang mit dem gewählten Geldsystem eben der Zinseffekt der stärkere war.

    > Selber habe ich auch ein Buch dazu geschrieben:

    Sehr schön. Leider muss ich sagen, fehlt mir die Zeit, alles zu lesen, was in mein Interessensgebiet fällt. In diesem Jahr sehe ich sogar für kein einziges VWL-Buch mehr Platz – neben Erwerbsarbeit, notwendiger beruflicher Weiterbildung und Familie, müsste ich sonst echt den Schlaf ausfallen lassen.

  11. @Michael

    Keynes hat das nicht ganz so erörtert, wie Du es zitiert haben möchtest. Er hat im zweiten Kapitel der Allgemeinen Theorie Abschnitt III. die Reaktion der Arbeiter und Gewerkschaften auf eine Kürzung der Reallöhne im Vergleich zu einer Kürzung der Geldlöhne diskutiert.

    „Thus it is fortunate that the workers, though unconsciously, are instinctively more reasonable economists than the classical school, inasmuch as they resist reductions of money-wages, which are seldom or never of an all-round character, even though the existing real equivalent of these wages exceeds the marginal disutility of the existing employment; whereas they do not resist reductions of real wages, which are associated with increases in aggregate employment and leave relative money-wages unchanged, unless the reduction proceeds so far as to threaten a reduction of the real wage below the marginal disutility of the existing volume of employment. Every trade union will put up some resistance to a cut in money-wages, however small. But since no trade union would dream of striking on every occasion of a rise in the cost of living, they do not raise the obstacle to any increase in aggregate employment which is attributed to them by the classical school.“
    http://www.marxists.org/reference/subject/economics/keynes/general-theory/ch02.htm

    Nach der Neoklassischen Theorie, in der die Geldlöhne nicht erörtert werden, müsste ein Sinken der Reallöhne zu einem Widertsand der Arbeiter in Form einer Verringerung ihres Arbeitsangebots führen. Keynes spricht natürlich von Streiks und nicht naiv wie die Neoklassiker davon, dass die Arbeiter einfach weniger arbeiten würden. Denn die Arbeiter sind ja immer lohnabhängig und müssen arbeiten, weil sie dazu keine Alternative haben.

    Es ist also bei Keynes nicht die Rede von MEHR angebotener Arbeitsleistung, sondern von gleichbleibender Arbeitsleistung trotz sinkender Reallöhne. Was aber auch der Neoklassik widerspricht.

    Die von Dir im Artikel angesprochenen „Keynesianer“ nun gehen heute aus historischer Erfahrung sicher fast alle davon aus, dass Arbeiter in einer Krise nicht nur in sinkende Löhne, sondern auch in steigende Arbeitszeiten und härtere Bedingungen für den Einzelnen einwilligen müssen.

    Zu genau dem Zweck werden die Krisen ja von der Geldpolitik erzeugt.

    Weil in einer Krise die Lohnsenkung mit der Massenerwerbslosigkeit erzwungen wird, kann man selbstverständlich insgesamt keine steigenden Arbeitsvolumen messen. Darum könnte man böswillig eine sinkende „Arbeitsbereitschaft“ wegen niedrigerer Löhne behaupten, wie es die Neoliberalen dann auch machen.

    Falls Du von Keynes die „Essays in Persuasion“ noch nicht kennen solltest, möchte ich Dir diese unbedingt zur Lektüre empfehlen. In denen wird nämlich klar, dass die Weltwirtschaftskrise die Folge einer absichtlichen Deflationspolitik mit dem Goldstandard war.

    Selber habe ich auch ein Buch dazu geschrieben:

    Warum die Geldpolitik 1929-33 die Weltwirtschaftskrise verursacht hat
    http://www.amazon.de/Warum-Geldpolitik-1929-33-Weltwirtschaftskrise-verursacht/dp/3837093913/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1278790522&sr=1-1

  12. @Wolfgang

    Zunächst schrieb ich „Keynesianer“ nicht Keynes. Aber insbes. im Falle „Keynes“ wäre ich natürlich an einer Quelle interessiert, wo er beschreibt, dass bei geringeren Löhnen MEHR Arbeitsleisung am Markt angeboten wird und dass dies alleine schon die Gleichgewichtsbildung verhindert.

    An der zitierten Stelle wird nämlich nur über diesen Aspekt (certeris paribus) geredet. Sicher gibt es auch noch andere Einflüsse auf die Lohnhöhe. Davon abgesehen, habe ich es genau so an der Hochschule gelernt (wenn auch nicht so prägnant formuliert):

    > dass der wirkliche Keynesianer wie auch schon Keynes
    > die Arbeitsnachfrage als Funktion der Geld- und
    > Finanzpolitik und damit der Konjunktur betrachtet und
    > eben nicht als Funktion der Lohnhöhe, wie es die Unsi
    > absichtlich verfälschend lehren.

    War allerdings keine Universität. Verfälscht wurde zumindest dieser Aspekt in meiner VWL-Vorlesung also nicht.

    Wenn ich den Test mal überarbeite, werde ich auch über eine andere Formulierung dieser Einleitung nachdenken, so dass es nicht so klingt, als hätte Keynes mit der Neoklassik übereingestimmt, was den Arbeitsmarkt betrifft. Wobei ich ehrlich nicht nachvollziehen kann, wie man das da rein lesen kann. Denn geschrieben habe ich nur, das das Gesamtarbeitsangebot bei beiden positiv vom Lohn abhängig ist. Aber wie gesagt: Gerne Quellennachweis, wo Keynes von einer negativen Abhängigkeit schrieb!

    > Bei Keynes findet man zum Beispiel die Erörterung, dass
    > die Arbeiter keinen Einfluss auf die reale Lohnhöhe
    > haben, weil Nominallöhne ausgehandelt werden.

    Was dann aber zu Arbeitslosigkeit führt und damit im Schnitt (Arbeiter+Arbeitslose) doch zu fallenden Löhnen.

  13. @Michael

    Gegen die eigentliche Aussage des Artikels habe ich keine Einwände. Ich habe mich an dieser Gleichsetzung der Keynesianer mit der Neoklassik gestört:

    „Neoklassik, wie Keynesianer gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Arbeitskräften mit zunehmendem Lohn sinkt…

    Des weiteren gehen Neoklassik und Keynesianer davon aus, dass es sich beim Arbeitsangebot genau andersherum verhält, also bei geringem Lohn wenige Menschen bereit wären, ihre Arbeitskraft zur Verfügung zu stellen, bei hohem Lohn aber viele Menschen dazu bereit wären.“

    Dass an den Unis Keynes als Sonderfall der Neoklassik gelehrt wird, ist eben die Verfälschung von Keynes. Für das breite Publikum sollte man schon deutlich machen, dass der wirkliche Keynesianer wie auch schon Keynes die Arbeitsnachfrage als Funktion der Geld- und Finanzpolitik und damit der Konjunktur betrachtet und eben nicht als Funktion der Lohnhöhe, wie es die Unsi absichtlich verfälschend lehren.

    Bei Keynes findet man zum Beispiel die Erörterung, dass die Arbeiter keinen Einfluss auf die reale Lohnhöhe haben, weil Nominallöhne ausgehandelt werden. So dass also selbst ein nominaler Lohnverzicht der Arbeiter zu steigenden Reallöhnen führen kann. Diese Debatte ist um Dimension von dem neoklassischen Unfug des Arbeitsmarktgleichgewichts entfernt.

    Also bitte nicht mehr Keynes und die Neoklassik in einen Topf werfen, ohne ausdrücklich auf den Bastardkeynesianismus des Hicks und seiner „neoklassischen Synthese“, der natürlich an den Unis als der wahre Keynes wider besseres Wissen gelehrt wird, zu verweisen.

    Ansonsten bin ich ganz Eurer Ansicht.

  14. @Wolfgang Waldner:

    Wer setzt die Keynesianer (oder gar Keynes) hinsichtlich des Arbeitsangebots mit den Neoklassikern gleich? Der Artikel schreibt doch ausdrücklich, dass es Unterschiede gibt. Nur eben in dem im Artikel betrachteten Aspekt nicht.

    > Bei hohen Löhnen werden die Arbeiter weniger Arbeit anbieten, weil sie ihre Freizeit höher schätzen, als die Plackerei für Lohn. Umgekehrt müssen die Arbeiter bei sehr niedrigen Löhnen als working poor noch mehr Arbeit anbieten,

    Ja, genau das besagt der Artikel.

    > Die Geschichte mit dem Gleichgewicht ist also nur Käse.

    Äh, ja, genau das besagt der Artikel für den Fall von ALG-2 und für den Fall, dass es kein Sozialsystem gibt. Und der Artikel erklärt auch dass es mit einem BGE eben anders wäre und daher dann überhaupt zu einem Gleichgewicht kommen kann.

    Verstehe ich Sie recht, dass das Kritik am Artikel sein sollte? Sorry, aber dann verstehe ich diese nicht, denn der Artikel besagt genau das. Oder wo genau unterscheidet sich Ihre Aussage?

  15. Ich möchte mich etwas dagegen verwehren, die Keynesianer mit der Neoklassik hinsichtlich des Angebots von Arbeit übereinstimmen zu lassen.

    Ohne das jetzt mit dem Meister Keynes zu belegen, weise ich darauf hin, dass der an den Unis gelehrte „Keynes“ eine gezielte Fälschung ist.

    Nun zum Thema Arbeitsangebot bei niedrigen oder hohen Löhnen. Bei hohen Löhnen werden die Arbeiter weniger Arbeit anbieten, weil sie ihre Freizeit höher schätzen, als die Plackerei für Lohn. Umgekehrt müssen die Arbeiter bei sehr niedrigen Löhnen als working poor noch mehr Arbeit anbieten, das sind die berüchtigten Jobs in den USA, von denen man gleich zwei oder besser noch drei zum Überleben braucht.

    Die Geschichte mit dem Gleichgewicht ist also nur Käse. Arbeitslosigkeit wird zu dem Zweck erzeugt, die Löhne zu drücken und die Arbeiter länger und härter arbeiten zu lassen. Man macht das mit restriktiver Geldpolitik, man steuert das also.

    Der „Markt“ lässt dann durch die Arbeitslosigkeit die Löhne sinken und die Geldpolitik wird irgendwann wieder weniger restriktiv werden, vor allem, wenn der politische Druck steigt. Durch Lohnänderungen ergibt sich keine Vollbeschäftihgung, sondern durch eine expansive geldpolitik.

  16. @Andreas712

    Konzepte zur „Monopolbesteuerung“ würde ich vor allem darin sehen, extrem hohe Einkommen auch sehr hoch zu besteuern – denn diese Einkünfte müssen aus irgendeiner Marktvermachtung stammen.

    lG Jörg

  17. Wenn ein wesentlicher Bestandteil der Finanzierung des BGE aus der Besteuerung der Monopolisten kommen soll, habe ich dazu mal ein paar Fragen:
    Ich kann mir noch nicht so richtig vorstellen, wie das praktisch umzusetzen geht, wenn ich z.B. an die internationalen Verflechtungen von Konzernen denke.
    Oder wie definiert bzw. wichtet man in diesem Zusammenhang Monopole?
    Wie würde man z.B. VW oder ALDI einordnen?
    Wie ist da die Rolle des Kartellamtes zu sehen?
    Vielleicht existieren da ja auch schon Konzepte …

  18. Warum sind Mindestlöhne schädlich?

    Grundsätzlich sind alle menschlichen Interaktionen ein Leistungstausch.

    Leistung als Ergebnis individueller Handlung(Wahrnehmung, Information, Güter, Dienstleistung,Verpflichtung etc.).

    Leistungstausch ermöglicht beiden Tauschern einen Nutzenerwartungsgewinn.
    Der Nutzen besteht in der höheren zukünftigen Handlungsfreude die der Handelnde erwartet.

    Dieser Gewinn wird nur erzielt, wenn beide Leistungseigentümer freiwillig tauschen.

    Dieser Freitauschgewinn auf der Gefühlsebene kann sich bei einem Tauscher auch als Geldertrag zeigen.

    Wichtig ist, das der Leistungstausch beiden Tauschern einen Gewinn, eine Steigerung des Wohlbefindens ermöglicht.

    Ziel sollte damit sein, so viel Leistungstausch wie möglich zu erreichen.

    Liegt der vorgegebene Preis unter dem freiwilligen Preis, wird tendentiell weniger Leistung erbracht und angeboten.

    Wir der Preis oberhalb des freiwilligen Preises angesetzt, wird tendentiell
    weniger Leistung nachgefragt.

    In beiden Fällen wird das Ziel, mehr Leistung zu tauschen verfehlt.

    Angebot und Nachfrage ist niemals getrennt, da jedes Angebot einen Preis hat.

    Aus diesen Überlegungen halte Ich einen Mindestlohn nicht für sinnvoll.

    Dies gilt noch mehr, wo wir durch Hartz iV praktisch einen Mindestlohn haben.

  19. @MNB
    na klar -arbeitslos ist, wessen Marktwert unter dem auch heute flächendeckend vorhandenen „faktischen Mindestlohn“ der bürokratieregel-bedingten Sozialleistungen liegt.

    Und warum soll man in einer Grundeinkommensgesellschaft, wo die soziale Absicherung über das Grundeinkommen erfolgt, überhaupt die abhängige Beschäftigung anstreben?

    Die Ausrichtung auf den persönlichen Marktwert statt auf Bürokratenregeln tut dem Mensch so gut wie der Gesellschaft.

    Und mit Grundeinkommen + Marktwert ist es sozial wie effizient, Arbeitslosigkeit ist auch ok, wenn sie denn freiwillig ist.

    Grundeinkommen und freier Arbeitsmarkt ist das Ende der Zwangs-Arbeitslosigkeit.

  20. Ein Mindestlohn verhindert eine Marktpreisbildung? Heißt das jetzt, der Mindestlohn verhindert eine Marktpreisbildung für Pförtnerlöhne oder ein Mindestlohn für Pförtner verhindert eine Marktpreisbildung bspw. für Gasturbinen?

    Also für mich steht die Aussage Müller-Armacks, daß ein Mindestlohn absolut marktwirtschaftskonform ist.

  21. Ein Mindestlohn ist eine quantitativer Marktregulierung, Arbeitschschutzstandards sind qualitative Marktregulierungen (gegen die ich nichts habe). Quantiative Marktregulierungen aber verhindern die Preisbildung und diese verhindern die Marktpreisbildung und führen damit das Konzept des Marktes ad absurdum.

    Und ja, wenn Mengen oder Preise festgelegt werden, liegt schon mehr Plan- als Marktwirtschaft vor.

    Was hier zudem wieder vermengt wird, ist die Scheinmarktwirtschaft (die wir heute haben) und eine echte Marktwirtschaft (die wir nicht haben).

    > Mein Resümee: da wir also keinen Markt (mehr) haben, sind diese Marktmodelle auch vergebene Liebesmüh.

    Das ist kein Resumee, sondern eine Resignation.

    Nur weil wir an einer Stelle eine quantitative Marktregulierung haben (den faktischen Mindestzins, der hier bei GC2009 an vielen Stellen diskutiert wurde, ist die Lösung des Problems noch lange nicht in weiteren quantiativen Markteingriffen (z.B. Mindestlohn) zu suchen, sondern vor allem zunächst in der Abschaffung des Mindestzinses. Das alleine wird aber auch nicht ausreichen, weil dadurch der Arbeitsmarkt immer noch allenfalls zufällig ein Gleichgewicht findet.

  22. Ich häng mich mal nur am Resumee auf und nicht an den zu zahlreichen Grundannahmen.

    Der Mindestlohn hat nichts mit Planwirtschaft zu tun. Siehe Müller-Armacks „Wirtschaftslenkung und Marktwirtschaft“. Kein Eingriff in die Preisbildung. Wie auch? Und sind Arbeitsschutzstandards dann auch Planwirtschaft? 😉

    Außerdem verpaßt der Autor mMn, die neoklassischen Freunde unserer Tage am Zipfel zu packen: der Abschaffung der Marktwirtschaft trotz des permanenten im-Munde-führens. Der Markt wird idealisiert (und genau deshalb sind die Modelle auch alle für den Lokus) als freier Austausch von Gütern zwischen vielen Marktteilnehmern mit vergleichbaren Möglichkeiten und vergleichbarem Wissenstand betrachtet.

    Ich rede noch nicht einmal von der Zersplitterung der Gewerkschaften und daher dem Ungleichgewicht zuungunsten der AN-Seite. Gerade in der Krise sehen wir, daß ein Dutzend Banken sowohl den Finanzmarkt als auch die Rohstoffmärkte beherrschen (Deutsche Bank als weltgrößter Zuckerhändler. Große Unternehmen wie GM in Staatsbesitz und daher ebenso wie diverse Banken mit Bankrott-Attest.). Oder HFT vs. Daytrader. Oder das Energie-Oliopol in D. Jedenfalls reduziert sich in rasantem Tempo die Anzahl leistungsfähiger Marktteilnehmer.

    Mein Resümee: da wir also keinen Markt (mehr) haben, sind diese Marktmodelle auch vergebene Liebesmüh.

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