Wie man Gesell’s Friedens-Idee ohne das unbeliebte „Schwundgeld“ umsetzt


Silvio Gesell hatte eine für die akuten Problemlagen hochaktuelle Vision, wie wir ohne geldbedingte Krisen und Kriege leben können.  Weiterhin würde unzweifelhaft der Wohlstand der realen Leistungserbringer steigen, wenn Spar-Zinsen verschwinden und die Sachwertrendite in einem „Meer von Kapital ersäuft“.

Jede Idee braucht aber auch ein Mittel zum Zweck, bei Gesell war es eine Gebühr für Bargeldhaltung, welches bei fehlendem Eigenbedarf den zinslosen Verleih dieses Bargelddings jederzeit sicherstellen würde. Das Gesell-Geld hat dazu einen nominalen Schwund weshalb es auch „Schwundgeld“ genannt wird.

Anhänger dieser Idee mögen mir die Verwendung dieses heute von ihnen gemiedenen Begriffs verzeihen, aber er bringt so wunderschön das Problem auf den Punkt. Jenseits aller wohl auch bestehenden technischen Umsetzungsprobleme  sind Abgaben auf Geld eine emotionale Belastung. Dies, weil unsanktionierte Geldhaltung für viele Menschen das Ende der Angst verspricht. Schwundgeld ist für die meisten Menschen deshalb schlicht indiskutabel, löst  Denkblockaden aus Angst und Wut aus. Dies macht eine eigentlich „gesunde Idee“ (Keynes) seit über 100 Jahren so erfolglos, dass nur einige (oft emotional gebremste Asperger-)Menschen sie vertreten.

Es ist also das Mittel zum Zweck (Schwundgeld) das Problem und nicht die Idee selbst. Deshalb ist es sinnvoll zu überlegen, wie man mit anderen Mitteln zum gleichen Ziel kommt. Und genau dies ist möglich, wenn man die Zahlungsmittelschöpfung der Geschäfts-banken verstanden hat. Bei Gesell’s Idee geht es ja darum, dass die Geldhorter nicht die Zahlungsmittelweiterleitung durch Kredit blockieren. Zahlungsmittel ERZEUGT aber eine Geschäftsbank, in dem Sie eine Forderung gegen  einen Kreditnehmer zu einer höher besicherten Forderung gegen sich selbst macht. Der Buchungssatz der Geschäfts-Bank dazu ist:

Forderung gegen Kreditnehmer an Sichtguthaben (Forderung gegen sich selbst)

Kommt da ein Geld-Sparer drin vor?  NEIN!

Braucht man also seine Einzahlung zur Kreditvergabe? Nur BEDINGT!

Wenn man also Bedingungen herstellen kann, dass Banken für die Kreditvergabe garantiert keine Einzahlung brauchen, kann man sich für die Sparzinsabschaffung das unbeliebte Schwundbargeld sparen?

JA, dies ist der entscheidende Punkt!

Unter welchen Bedingungen brauchen aber Banken Einzahler und Geldsparer für ihre Kreditvergabe? Unter welchen Bedingungen zahlen Geschäftsbanken deshalb auch Sparzinsen?

Sparzinsen zahlen Geschäftsbanken, da sowohl durch Barauszahlung auch als durch Überweisung zu anderen Banken Zentralbankgeld abfließt. Zentralbankgeld ist aber auch nur eine Forderung gegen eben diese Zentralbank, welche die Geschäftsbanken durch Verpfändung ihrer Aktiva/Kreditforderungen erhalten. Wenn man jetzt also Bedingungen schafft, dass:

a. die Aktiva (vom Kreditnehmer besicherte Kreditforderungen) der Geschäftsbank prinzipiell alle in zentralbankfähiger Qualität sein müssen. (Was zur Vermeidung der Vergesellschaftung von Verlusten eh dringend nötig ist)

b. von der Zentralbank dann diese Aktiva aber jederzeit zinslos und bedingungslos zur Zentralbankgeldschöpfung angekauft werden.

c. eine Kreditsteuer der Zentralbank nur die Kreditvergabe bei Übernachfrage begrenzt

werden Geschäftsbanken nie wieder Sparzinsen zahlen müssen und aus Kostengründen auch nicht zahlen.

Zusätzlich sollte man noch:

d. Staaten zinslos von der Notenbank direkt finanzieren (zinsloser Ankauf Forderungen gegen Steuerzahler) um den risikolosen Zins aus Staatsanleihen abzuschaffen

Was Gesell mit dem Schwundbargeld erreichen wollte, lässt sich also auch mit einer geänderten Regulierung und Refinanzierung der Geschäftsbanken und Staatshaushalte erreichen. Leider hat mein ausführliches Werk dazu bisher kaum einer verstanden, hoffe es nun mit diesem Artikel noch einmal besser und kürzer erläutert zu haben. Natürlich freue ich mich über Eure Nachfragen und eine kritische Diskussion dazu.

16 Kommentare zu „Wie man Gesell’s Friedens-Idee ohne das unbeliebte „Schwundgeld“ umsetzt“

  1. Ich für mein Teil spreche nicht nur von „Schwundgeld“, sondern sogar explizit von Sterbendem Geld. Das ist natürlich nicht sexy, bringt die Sache aber auf den Punkt: Alles, was eine Form hat, vergeht irgendwann wieder. Alles. Auch das Geld.
    Und wenn unser „Immer mehr“-Geld theoretisch unbegrenzt wachsen soll, zeigt die Praxis, dass es eben doch immer wieder kracht & auch dieses Geld sich periodisch in Luft auflöst.
    Solange das Sterben an sich ein Tabu in unserer Gesellschaft bleibt, wird es auch im Geldsystem immer wieder krachen. Deshalb gehe ich dieses Tabu an, damit wir hoffentlich bald ein Geldsystem einführen können, das das Sterben sozusagen schon „einpreist“.
    Siehe auch meinen Beitrag über die drei großen Tabus Sex, Geld und Tod.

  2. @moneymind

    >>>“wieviel” soll “zuviel” private Geldvermögensbildung / Staatsverschuldung sein?

    Zuviel ist private Geldvermögensbildung, wenn sie den Kreditbedarf freiwilliger und kreditwürdiger Schuldner übersteigt. Wenn die Allgemeinheit, warum auch immer, den Staat via „Schuldenbremsen“ da rausnimmt, ist es eben der Kreditbedarf der privaten freiwilligen und kreditwürdigen Privatschuldner.

  3. Warum hätte Gesell Sparzinsen abschaffen wollen? Es geht doch vielmehr darum die Kreditzinsen abzuschaffen! Aber das ist fast schon irrelevant im Licht der bisherigen Erfahrungen mit Gesells Ideen.

    Die Täter wehren sich gegen Veränderungen (so weit leicht zu verstehen) und die Opfer wehren sich fast noch heftiger gegen Veränderungen (ich fand die Rheingoldanekdoten immer super, die sammelleidenschaft früher auf dem Finanzcrash-Forum veröffentlichte). Das ist die Bilanz von ungefähr hundert Jahren seit den Veröffentlichungen Gesells.

    Trotzdem gibt es Veränderungen. Die Lebensumstände der Griechen und der Spanier ändern sich zur Zeit drastisch, weil sich das System gerade selbst gegen die Wand fährt. Gesell veröffentlichte auch auf Spanisch, aber sogar während der heutigen Situation in Spanien führt das nicht dazu, daß er dort bekannter würde oder daß man ihn ernster nähme.

    Also die bisherigen Konzepte (zur Umsetzung) haben keinen Erfolg. Gebühren werden von Banken schon lange erhoben. Das ändert also erst recht nichts. In der Politik sind sich alle einig, daß negative Zinsen unbedingt verhindert werden müßten. Das ist verständlich, nachdem bereits Silvio Gesell selbst eine Steigerung des Interesses an demokratischer Mitbestimmung in einer Freiwirtschaft vorhersagte.

    Heute ist es etwas schwieriger Silvio Gesell zu verstehen, weil inzwischen ein paar Dinge am Geldsystem geändert wurden. Gesell erklärte nicht nur wie das Geldsystem verbessert werden könnte, sondern auch, daß Regierungen ihre Macht auch für willkürliche Verschlimmerungen nutzen könnten. Den Teil haben die Mächtigen sehr wohl verstanden. Die Warenpreisstatistik wurde beispielsweise von Gesell erfunden. Wenn man so alte Werke liest, dann muß man sich dabei immer vor Augen halten, daß solche Dinge damals nicht existierten. Sogar etwas machtpolitisch so neutrales wie die Warenpreisstatistik wurde sehr viel schlechter umgesetzt (Statistikämter der Bundesländer lassen Stichproben nehmen, Produkte sind willkürlich, werden manchmal ausgetauscht, Daten werden ans Bundesamt weitergeleitet und dort wird erst gerechnet) als von Gesell vorgeschlagen (Daten würden dann vollständig vorliegen und zusammen mit der Umsatzsteuer von den Unternehmen erfaßt). Die Entmonetarisierung des Goldes und Silbers wurde zwar durchgeführt, ist aber bei vielen Leuten, einschließlich Unternehmern, noch nicht angekommen. Statt einer Koppelung an die Warenpreisstatistik, die Gesell sich eigentlich zu genau diesem Zweck ausgedacht (und das sogar noch vor dem Schwundgeld) hatte, stehen nun jedem Guthaben etwas höhere Schulden (Tilgung + Zinsen) gegenüber. Nur auf eine Zentralbank oder eine Geschäftsbank einzuwirken koppelt die Geldmenge nicht an die Warenmenge.

    Also, insgesamt wollte ich vor allem sagen, daß neue Konzepte her müssen. Alles der Obrigkeit zu überantworten (wie es Gesell anfangs wollte, bevor er damals schon einsehen mußte, daß es so niemals funktionieren kann), ist ganz sicher kein neues Konzept. Eine Freiwirtschaft würde jede Obrigkeit vernichten. Genau deswegen ist sie von oben nicht durchsetzbar. Der obere Teil der Gesellschaft hat die freiwirtschaftlichen Ideen sehr wohl verstanden. Daher der Widerstand von oben. Daher ist es noch schwieriger, etwas von unten durchzusetzen. Übrigens empfiehlt es sich auch sehr, in dem Zusammenhang David Graebers Werk zu lesen!

    Am warnenden Beispiel des Bedingungslosen, das angeblich seit mindestens fünfhundert Jahren schon Befürworter haben soll (so äußerte das zumindest eine Politikerin der Linken), können wir sehen, daß es nur in sehr kleinen Schritten vorangehen kann. Falls überhaupt.

    Mein Vorschlag wäre darum, zunächst mal mit einer Warenpreisstatistik von unten anzufangen. Wer Netzseiten betreibt, für den sollte es kein Problem sein, entsprechende Daten in Empfang zu nehmen. Das geht sogar ohne jeden Hinweis auf ökonomische oder ähnlich schwierige oder umstrittene Themen. Falls wir uns zusätzlich noch auf eine gemeinsame Datenbank einigen könnten, dann sollte die Datenmenge schnell anwachsen. Je mehr die von den Konsumenten auf diese Weise selbst erstellte Preisstatistik (neben den Warenpreisen sollte man auch versuchen, die Einkommen zu erfassen) von offizjellen Angaben abweicht, desto mehr Netzseitenbetreiber dürften sich bei der Datenerfassung anschließen. Es dürfte so auch weiteres Interesse an wirtschaftlichen Fragestellungen geweckt werden.

    Später könnte man beispielsweise Planspiele machen, ähnlich den Börsenplanspielen.
    Ranma (乱馬)

  4. Schön dass Du hier mal wieder schreibst, lieber moneymind.

    Ich bin nur leider kurz vor Abflug in meinen dieses Jahre sehr späten Jahresurlaub.

    Deshalb nur kurz – ich würde Dir weitgehend zustimmen, nur hat der negative Realzins halt ein Wahrnehmungsproblem. Da aktuell die Staatsverschuldung nach allgemeiner Auffassung in vielen Ländern immer noch zu hoch ist, wird trotz negativer Realzinsen noch zuviel private Geldvermögensbildung getrieben. Da alternative Investitionsentscheidungen aber gar nicht vom aktuellen Real-Zins sondern vom ERWARTETEN abhängen, wären dauerhafte (Nominal)Nullzinserwartungen n.m.E. der richtige Weg für „Angstländer“.

    Was man zusätzlich mit dem Realzins machen muss, hängt vom Investitionsangstlevel der Menschen ab.

    1. Hi Jörg,

      „wieviel“ soll „zuviel“ private Geldvermögensbildung / Staatsverschuldung sein? Zuviel wofür, im Vergleich wozu? In der Summe sind sie doch sowieso gleich Null. Geht es nicht vielmehr auch darum, WER die privaten Geldvermögen eigentlich genau hält, wieviel jeweils, und wozu?

      Und geht es nicht letztendlich um realwirtschaftliche Aktivität (Investitionen, Beschäftigung, Bildungslevel etc.) und halbwegs „gerechte“ Güterverteilung – und darum, wie man das in einer Geldwirtschaft, in der Geld nunmal eins der wichtigsten Steuerungsmittel darstellt, optimiert?

      Eben über Geldpolitik – UND Fiskalpolitik, die eben in einer Geldwirtschaft immer auch eine geldpolitische Bedeutung hat und NICHT nur redistributiv wirkt.

      So gesehen müßte man bei der Formulierung der wirtschaftspolitischen Zielvorstellungen tatsächlich erstmal den „Geldschleier“ beiseiteschieben, um dann Geld bzw. Geldpolitik bwußt (als „Steuerungsmittel“) zu nutzen, um realwirtschaftliche Ziele zu erreichen.

      Hab übrigens gerade das Buch von Ulrike Herrmann „Der Sieg des Kapitals“ bestellt (Tip von den Geldpiraten). Sehr sympathische und engagierte Frau mit Banklehre, die sehr vernünftige Sachen sagt 🙂

      Gruß + schönen Urlaub!

  5. Leben wir nicht bereits in einer gesetzlich vorgeschriebenen Schwundgeldwirtschaft ?

    Hallo Jörg,

    wenn ich Gesell recht verstehe, war seine Grundidee – allgemein gesprochen – die, Geldhaltung dadurch unattraktiv zu machen, daß man sie mit Vermögensverlusten verbindet.

    Er stellte sich das so vor, daß man dem Geld eben Schwundmarken aufklebte oder Entwertungsstempel aufdrückte.

    Du willst nun durch andere Maßnahmen dasselbe Ziel erreichen: die Vermögenshaltung in Form von Geldguthaben gegenüber der Vermögenshaltung in Form von Sachwerten unattraktiv machen.

    Sicherlich wären verschiedene Maßnahmen denkbar, ein solches Ziel zu erreichen, beispielsweise ein Besteuerung von Geldvermögenshaltung ab einer bestimmten, die normalen Kassenhaltungsbedürfnisse übersteigenden Summe.

    Gibt es aber nicht immer schon dort, wo die Inflationsrate über dem Sparzins liegt, ohnehin schon solche Vermögensverluste bei der Geldhaltung? Die Sparzinsen liegen derzeit knapp über 1%, die Zielinflationsrate der EZB bei 2%.

    Ist nicht der Hintergrund eines Inflationsziels als gesamtwirtschaftliches Ziel (Teil des „magischen Vierecks“) nicht ein ganz ähnliches wie das von Gesell formulierte, nämlich die Attraktivität der Geldhaltung zu senken, damit deflationäre Depressionen zu vermeiden und dafür eine gewisse Geldentwertung in Kauf zu nehmen, nicht ganz einfach sowieso längst – und auf viel elegantere Weise als bei Gesell angedacht – Teil des Standardarsenals der Geldpolitik?

    Über die Höhe der angezielten Infla müßte man dann neu diskutieren – das Infla-Ziel der EZB ist mit 2% das niedrigste Inflaziel einer Zentralbank.

    Das Mißverständnis bestünde dann nur in dem gegenwärtigen Glauben, allein die Zentralbank habe sich um die Einhaltung des Infla-Ziels zu kümmern, während der Staat ohne Rücksicht auf irgendwelche Infla-Ziele einfach wie ein Einzelbetrieb konsolidieren könne, soviel er wolle.

    Da müßte man offensichtlich dem Staat bzw. den Politikern seine / ihre gesamtwirtschaftliche Rolle und geldpolitische Mitverantwortung erst wieder klarmachen.

    Gruß
    moneymind.

  6. @Benedikt
    genau, könnte passieren ,ist aber für Deutschland ein weiter Weg wenn man gleichzeitig wie vorgeschlagen die Exportüberschüsse sanktioniert. Die Kreditsteuer tilgt dann die Staatsverschuldung für die staatlichen Kaufüberschüsse in zeiten, in dem Nullsparzins immer noch zu hoch war und der Staat deswegen im Defizit.

    Entscheidenter Vorteil ist die Eigenkapitalisierung der Wirtschaft als Krisenfestigkeit und der Vermeidung der Vergesellschaftung privatwirtschaftlicher Verluste.

    Selbstinvestitionswirtschaft = Selbsthaftungswirtschaft

  7. @Jörg
    du wirst aber nicht drumherum kommen, dass du in deinem falle dann die „kreditsteuer“ bei steigender inflation anhebst, was nichts anderes bedeutet als eine de facto leitzinserhöhung.

  8. Ich glaube nicht, dass das Problem nicht verstanden wird, zumindest wenn ich für mich selbst spreche. Eher sind die Lösungen oft für die Mehrheit so indiskutabel.

    Du zitierst auf neir.de ja auch Issing der es in seinem Buch perfekt beschreibt ohne sich jetzt bei dem Negativzins-Bedarf in den PIIGS auch nur im entferntesten daran erinnern zu können.

    Für die kurzzeitige fehlende Markträumung z.B. aufgrund externer Schocks bei Nullzins gibt es ja zusätzlich die Möglichkeit des Staatsdefizits, dass sich bei privaten Ausgabeüberschüssen später tatsächlich von allein tilgt und bei zinsloser Staatsfinanzierung auch völlig schmerzlos ist.

    Wenn Nominalabgaben auf Geldhaltung halt indiskutabel sind, geht deswegen die Welt nicht unter.

  9. Zu 1) Ich spreche mich doch gar nicht für einen negativen Nominalzins aus. Ich rede von derTatsache, dass es negative Gleichgewichtszinsen gibt. Das sind reale (inflationsbereinigte) ex-post Renditen aus Geldkredit (zum Vergleich: Realzinsen inflationsbereinigt und ex-ante). Bei rein kontenbasierten Geld würden allerdings automatisch negative Nominalzinsen entstehen (es gäbe bei negativem Gleichgewichtszins ja keine Fluchtmöglichkeit ins Bargeld mehr), aber rein kontenbasiertes Geld ist EINE Lösungmöglichkeit von vielen (die auch Nachteile hat).

    Zu 2) Angenommen das Problem, Gebühren ohne große Umstände auf Bargeld zu erheben, wäre gelöst. Dann könnte der Nominalzins bis zu eben diesem Gebührensatz abfallen. Warum sollte jemand höhere Zinsen fordern können, wenn solange der Gleichgewichtszins tiefer liegt? Womit könnte er die Kreditnehmer „erpressen“? Er kann dann ja gerne Bargeld horten, zahlt dann aber doch automatisch sogar die volle Gebühr! Wobei das wie gesagt ein Lösungsansatz ist, ich diskutiere nicht gerne Lösungen, wenn das Problem noch gar nicht verstanden wurde.

    Zu 3) Sparzinsen von Null reichen eben gar nicht in jeder Situation, ich hatte Beispiele dazu schon mehrfach genannt (z.B. stetig abfallende Weltbevölkerung oder kapitalextensive Produktions-Innovationen). Auch gibt es keine gewohnheitsmäßigen Preiserhöhungen, bzw. du müsstest zunächst nachweisen, dass es solche gibt, Behauptungen reichen nicht. Gewohnheitsmäßig hieß also ohne dass die Liquidität weiter als die Produktionskapazität ausgedehnt wird. Zudem kann man Inflation eben nicht einfach machen, ohne gewaltige Nebeneffekte zu erzeugen.

    Lösungsdiskussionen, solange das Problem nicht verstanden ist, führen immer wieder nur dazu, warum die Lösung das Problem nicht löst, was dann wieder kaum jemand versteht, weil eben kaum jemand das Problem wirklich verstanden hat. Alle versuchen immer nur irgendwelche Symptome zu lösen, die neue Symptome schaffen.

  10. @benedikt
    Sachwertflucht ist Sinn der Übung – Inflation bei Asset-Preisen nennt man Wertzuwachs, was schöneres gibt es gar nicht, wenn es UNGEHEBELT ist. Also Verluste nicht sozialisiert werden können wie in Japan.

    Es gibt keine Sachwertblasen aus reinem Eigenkapital. Das sind dann reine Wertsteigerungen im Sinne der „im Kapital ersaufenden Rendite“ Gesells.

  11. @Michael
    wir haben keinen Dissens zum Thema nominaler Negativzins – nur:

    1. ist er offensichtlich indiskutabel – wenn es überhaut Diskussion gibt, unterhält man sich mit Bäuchen und nicht mit Köpfen. Merkt man an den irrationalen Argumentationsmustern.

    2.bestreite ich aber, dass sich ein nominaler Negativer Gleichgewichtszins auf Bankkonten durch Schwundbargeld einstellt. Vielmehr bleibt er n.m.E. ohne (wieder indiskutable) Guthabensteuer bei Null stehen.

    3. Ist die Dimension des durch Sachwerte aufzunehmenden Sparvolumens nicht mehr so gigantisch, wenn Sparzinsen auch in der Erwartung null sind. Ein leichte Inflation, also negative REALZINSEN die sich aus gewohnheitsmäßigen Preiserhöhungen einer krisenbefreiten VW speist, reicht da n.m.E. völlig aus

  12. Zu Benedikts Antwort: Inflation wäre in diesem Fall ja gut (nicht aber wenn sie sich auftaut, und dann plötzlich kommt). Auch wäre es gerade gut, wenn nicht in Geld, sondern in Realanlagen (insbes. Aktien und Aktienfonds) gespart würde, denn diese haben das Problem nicht, keine negative Gleichgewichtsrendite abbilden zu können.

    Ich wiederhole mich: Solange nicht verstanden wird, dass positive Rendite auch global und makroökonomisch gar nicht immer möglich ist, es also Zeiträume negativer Gleichgewichtsrenditen gibt (und dass dies NICHT Stillstand bedeutet – bzw. allenfalls im derzeitigen Geldsystem), solange kann auch keine Lösung wirklich verstanden werden.

  13. Wir können Gesell nicht mehr fragen, was genau er meinte, wenn wir ihn mit Modellen moderner Makroökonomie konfrontierten, denn er ist leider lange schon tod. Somit ging es bei seiner Idee vielleicht darum, dass die Geldhorter nicht die Zahlungsmittelweiterleitung durch Kredit blockieren. Darum aber geht es gar nicht! Seine Lösung, eine Gebühr auf Geldhaltung, so unattraktiv sie ist, löst aber das eigentliche Problem.

    Das eigentliche Problem ist aber meiner Überzeugung nach, dass der Gleichgewichtszins (der Zinssatz, die dem Kredit-Angebot und Nachfrage ausgeglichen sind) nullfristigen Kredites (Zentralbankgeld) mindestens zeitweise tief negativ sein kann, bei schrumpender Weltbervölkerung sogar langfristig deutlich negativ sein kann (wird wissenschaftlich als „sharpy negative interet rate“ kontrovers diskutiert), was unser Geldsystem aber nicht abbilden kann.

    Kann der Realzins dann nicht so tief negativ werden, entspricht dies einer Preisgarantie für den Transfer von Liquidiät aus der Gegenwart in die Zukunft (Kreditvergabe), mit allen Konseqzenzen eines staatlichen Mindestpreises: Gibt es nicht genug Nachfrage zu diesem überhöhten Preis, so muss der Staat die Überschüsse abkaufen (in diesem Fall: sich verschulden). Dies geschieht entweder direkt (Keynesianismus) oder indirekt, indem der Staat (bzw. einige Staten) zwecks Verhinderung einer Weltwirtschaftskrise die Schulden insolventer Banken oder anderer Staaten übernimmt. Genau genommen hatten diese Banken Kredit (Einlagen) nachgefragt, zu einem höheren Zins als sie eigentlich leiten konnten. (Die Spekukationen, um die überhöhten Zinsen dennoch zahlen zu können, kamen meiner Überzeugung nach erst als Folge – wobei der Gesamtzusammenhang noch etwas komplexer ist – bitte das aber ggf. in einer separaten Diskussion.)

    Genau dieses eigentliche Problem kann die im Artikel vorgestellte Lösung aber nur dann, wenn die Inflation erzeugen würde. Das mag so sein, wird aber im Lösungsvorschlag nicht nachgewiesen. Und wenn es so ist, wäre Bargeld eben wieder ein sicherer Kaufkraftshort – was die Menschen hassen, aber leider notwendig ist, wie der Tod.

    Dass Lösungen nicht am eigentlichen Kernproblem vorbei gehen, ist mein Hauptgrund dafür, dass ich ungerne Lösungen diskutiere – geschweige denn selbst vorschlage oder gar präferiere. Mir ist es wichtig, dass zunächst das eigentliche Problem verstanden und von Symptomen abgegrenzt wird. Die Liquiditätsprobleme der Banken sind somit Symptome. Hier anzusetzen, halte ich für riskant.

    Wünsche noch ein schönes Wochenende,
    … Michael

  14. Hi Jörg,
    wenn du den Sparzins auf Null absenkst unterbleibt die Fristentransformation. Bei steigenden Inflationserwartungen wird man nun den Effekt haben, dass sich die Sparer Anlagemöglichkeiten auf den Vermögensmärkten suchen die einen besseren (ggf. negativen) Realzins abwerfen als auf dem bloßen Girokonto.
    Wie bewertest du diese ständig drohende Inflationsgefahr, zumal Preissteigerungen auf den Vermögensmärkten auf mittlere Sicht auch auf die Verbraucherpreise durchschlagen.

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