Das Verschwinden der Nettoinvestition -systemisch oder demografisch?

Die Nettoinvestition ist eine entscheidende Systemgröße im Kapitalismus. Addiert mit dem Unternehmerkonsum und abzüglich der Geldvermögensbildung der übrigen Sektoren bildet sie den gesamtwirtschaftlichen ordentlichen Gewinn aller Unternehmen. Ohne Gewinnaussichten werden die Unternehmer aber das Wirtschaften nicht vorfinanzieren wollen und können. Eine kapitalistische Wirtschaft ohne  gesamtwirtschaftliche Gewinnaussichten des Unternehmenssektors kommt in eine selbstverstärkende Krise. Die Investitionsausgaben werden gestrichen, was die Gewinnaussichten in den Folgeperioden noch stärker reduziert.  Dies gilt insbesondere, wenn bei erreichtem Nullzins keine Zinssenkungen und damit keine Veränderung der Investitionsneigung der Unternehmer  sowie der Neigung zur Geldvermögensbildung der restlichen Sektoren mehr möglich ist. Besonders gefährlich, wenn man sich vor der aufziehenden Flut auch noch zusätzlich  die Hände mit Staatsschuldenbremsen  bindet.


Nun ist die deutsche Nettoinvestition über die Jahrzehnte stark gesunken – von 17% BIP  in 1970 auf heute um die Nulllinie pendelnd. In einer Diskussion mit dem geschätzten Herrn Felsberger kam es nun zum Dissens, ob es sich hierbei um einen endogenen Prozess aus kumulierten Abschreibung oder um ein demografisches Problem handelt.

Zum Beweis der systemischen Entwicklung hätte ich neben der Empirie ein einfaches Rechenbeispiel  anzubieten. Eine kapitalistische Wirtschaft startet nach dem Krieg mit zerstörtem Kapitalstock und zerstörter Währung bei Null. Wir gehen zur Vereinfachung von einer linearen Abschreibungsdauer aller Anlagegüter von 10 Jahren und einer nominal konstanten Investition aus. Im ersten Jahr wird zu 100 investiert – und zu 10 abgeschrieben – die Nettoinvestition ist dann logischerweise 90% der Bruttoinvestition. Im zweiten Jahre werden nun aber schon 20 von 100 abgeschrieben, die Abschreibung auf die Investition zu 100 aus Jahr 1 und Jahr2 – wir landen bei 80% Nettoinvestition der Bruttoinvestitionen. Und im Jahr 10? Rechnen Sie es selbst nach – die Nettoinvestition ist verschwunden!

Natürlich sind die Investitionen aber jährlich nominal gewachsen. Deshalb hat es eben nicht nur 10 Jahre gebraucht, bis wir an diesen kritischen Punkt gekommen sind, den Deutschland heute scheinbar nur noch mittels unhaltbarer Exportüberschüsse = Defizite des Auslandes beherrschen kann.  Diese führen durch ihre absurde Höhe von über 200Mrd.€/a ja per Saldo zu einem Defizit der Geldvermögensbildung  der übrigen Sektoren, was einen Gewinn des Unternehmenssektors auch ohne Nettoinvestition ermöglicht. Nur werden wir in einem zunehmend deflationären globalen Umfeld den Exportüberschusskrieg nicht so weiter führen können, ohne selbst in einer geeigneten Form angegriffen zu werden.

Sie können aber beruhigt sein, es gibt auch eine friedliche Lösung für einen Kapitalismus ohne Nettoinvestition, ausgeglichenen Exportsalden und mit Staatsschuldenbremse. Die Guthabenbremse ist die Alternative zur klassisch unfriedlichen Lösung des Problems.

10 Kommentare zu „Das Verschwinden der Nettoinvestition -systemisch oder demografisch?“

  1. Wenn ich das Ganze „philosophisch“ betrachten müßte, würde ich es so sagen: Marx war von seiner Entdeckung in einer „neuen Welt“ zu leben, die er „Das Kapital“ nannte, so begeistert, dass ihm die Vorstellung, dass es sich hier um etwas ganz Natürliches handeln könnte, schnell abhanden kam. Immer war er bemüht den Kapitalismus als etwas „Künstliches“, etwas „Historisches“ und von Menschenhand Geschaffenes zu zeichnen, nie konnte er sich durchringen den Prozess evolutionär zu betrachten. Nimmt man aber genau diese Position ein, und hat nicht ein Ende des Ganzen vor Augen, dann gibt es keinen Grund anzunehmen, dass das System an irgendwelche endogenen Grenzen stößen könnte. Es arbeitet ganz natürlich, ganz selbstverständlich wie ein Bauernhof mit Leibeigenen. Es ist reines Wunschdenken (oder: überzogene Befürchtung) hier eine Grenze, z.B. in Form einer sinkenden Profitrate, zu sehen. Die wirkliche „Grenze“ des Systems ist immer nur der (die institutionellen Rahmenbedingungen auflösende) Bürgerkrieg, der aber viele Ursachen haben kann….

    1. Lieber Herr Felsberger,

      es geht doch in dem von Ihnen dankenswerter Weise angeregten Beitrag (unter Morgen-Dusche Rechenidee 🙂 ) eben nicht um Philosophie. Es geht mir ganz pragmatisch um die Frage, wie man dieses System Kapitalismus ohne Krieg betreibt, bzw. warum es eben ohne Guthabenbremse systemisch auf Krieg hinausläuft. Ihr Einwand des Realstagnation/Nominalwachstum bestätigt ja n.m.E. nur den Grund, warum es eben nicht schon nach 10 Jahren rummst. In der Grafik sieht man übrigens sehr schön den Schulden-Segen von Wiedervereinigung, Osterweiterung und Eurodumping.

      herzliche Grüße, Jörg Buschbeck

      1. Sehr geehrter Herr Buschbeck,

        Der Krieg ist wesentlich tiefer im Kapitalismus verankert als man gemeinhin annimmt. Es waren Kriegsherren ala Wallenstein, die diese Welt ins Leben gerufen haben. Durch sie trat der militärische Komplex dem Herrscher erstmals als Privatmacht gegenüber. Sie, und nicht das Bürgertum, waren die Ersten, die die ständische Ordnung aufbrachen. Von einem böhmischen Kleinadeligen zum Herzog von Mecklenburg, das war Karrieren, von denen konnten Bürger nicht einmal träumen.

        Auch heute noch sehen wir mit Staunen, dass der militärische Komplex ein außerstaatliches Dasein führt. Niemand stellt die Frage, warum Deutschland nicht in der Lage ist die Rüstungsproduktion einzustellen. Man tut so, als ob es möglich wäre, wie es sich in den Forderungen der Progressiven ja auch spiegelt, aber jeder weiß, dass es letztendlich unmöglich ist. Und warum? Weil der militärische Komplex der zentrale Träger des Kapitalismus ist, weil nur durch ihn die bestehende Ordnung, inklusive Handelswege, gesichert wird,

        Ihre Fragestellung, lieber Herr Buschbeck, wie ein kriegsloser Kapitalismus möglich sein könnte, geht daher weit, weit über das Feld der Geldpolitik hinaus. Und meine ad-hoc-Antwort wäre: Gar nicht. Auch der sogenannte „friedliche Kapitalismus“, wie wir ihn zur Stunde in Europa erleben, ist voll mit Waffen, die jede Sekunde explodieren können. Privateigentum ist Krieg, man erlebt es ja Tag für Tag mit seinen Nachbarn. Nicht, dass wir alle nicht den Willen hätten, uns zivilisert und friedlich zu verhalten, aber die Umstände lassen es oftmals nicht zu…..

        LG
        A.F.

    2. Sehr geehrter Herr Felsberger,
      Sehr geehrter Herr Buschbeck,

      Sie sprechen da tatsächlich eine heikle Frage an. Bitte um Nachsicht – bin ein Laie – meine Frage: Investitionen vs. Zinsen. Sind null Zinsen tatsächlich null Zinsen? Was ich damit sagen möchte; sind Realzinsen nicht zu berücksichtigen, wenn man z.B. heute ein völlig überteuertes Haus oder Objekt auf Pump kauft, sind eben diese null Zinsen tätschlich niedrig wenn das Objekt an Wert verlieren sollte?

      1. Sehr geehrter Herr Swiss,

        Für gewöhnlich kalkulieren die Menschen nominal, real denken sie erst dann, wenn das Preisgefüge aus den Fugen gerät (massive Inflation/Deflation). Man erkennt das daran, dass in ökonomischen Ausnahmesituationen auf einmal wieder in Sachwerten bezahlt wird….

        PS: Realer Preis = Nominaler Preis/Preisniveau. Und ja: Der nominale Nullzins von heute ist real betrachtet ein Negativzins.

        1. Sehr geehrer Herr Felsberger,

          ich verstehe die Guthabenkrise, die Herr Buschbeck, tapfer versucht zu erklären, dahingehend, dass die Lösung -fragt sich für wen- darin bestehen könnte die Löhne in Deutschland massiv zu steigern. Deutschland ist ja ein grosser Gläubiger und wenn die Politik nicht endlich begreift, dass wenn sich niemand verschuldet das deutsche Wirtschaftsmodell am Ende ist.

          P.S. Meine vorherige Frage war Nullzins ist real für den Käufer einer Immobilie zum Beispiel später Hochzins. Die Wechselwirkung Schulden vs. Deflation

  2. Real betrachtet, würde ich das Ganze wie folgt deuten: Der Druck geht von den Konsumplänen der gealterten und gesättigten Haushalte aus. Man braucht nicht drei Autos, nicht drei Handy`s, nicht fünf Anzüge, usw. Es greift das Erste Gossen`sche Gesetz: Der Nutzen jeder zusätzlichen Konsumeinheit nimmt im Fortgang der Entwicklung ab. Damit ensteht im Zeitablauf, von der jungen, hungrigen Ökonomie bis zur gealterten, gesättigten ein Druck auf das reale BSP, der auf die reale Netto-Investition zurückschlägt. Verschärft wird dies durch den technologischen Fortschritt: Umso schneller die Arbeitsproduktivität voranschreitet, desto stärker flacht sich das Wachstum der realen Netto-Investition ab. Keine Ökonomie dieser Welt, auch nicht der Kapitalismus, wird den Kapitalstock real ausdehnen, wenn die Konsumnachfrage real stagniert. All dies ist freilich über den Preismechanismus nominal vermittelt, aber wenn man den Preisen eine hohe Trefferqualität zubilligt, und das tue ich, dann folgt daraus unmittelbar auch ein Verlust der nominalen Dynamik.

    LG
    A.F.

  3. Sehr geehrter Herr Buschbeck,

    Es ist richtig, dass, wenn man eine konstante jährliche Brutto-Investition unterstellt, die jährliche Netto-Investition im Zeitablauf schrumpft. Das System benötigt daher eine nominal stets steigende Brutto-Investition, um die nominale Netto-Investition überhaupt auf dem gleichen Stand halten zu können. Oder das System erhöht die „Schlagzahl“ der Investitionszyklen, sodass im Jahr nicht einmal, sondern mehrmals 100 Geldeinheiten eingeschossen werden. Ich glaube mich zu erinnern, dass das Modell des Herrn Menendez genau auf diesen Sachverhalt abhebt.

    Wichtig ist, dass wir hier von nominalen Zahlen sprechen. Den Kapitalismus real zu betrachten, ist gänzlich irreführend. Er arbeitet nominal, nicht real. Nur dort, wo zwei nominale Zahlen ein Verhältnis bilden (Bsp.: Lohn-Gewinn-Verhältnis), kann man diese Größe auch real deuten. In Bezug auf die Netto-Investition heißt das: dass es erlaubt ist, sie in Relation zum BSP zu stellen, dass man sich aber bewußt sein muss, dass ein Absinken der realen Netto-Investion gemessen am BSP keinesfalls Stagnation bedeutet. Die nominalen Gewinne sprudeln trotzdem, das System schreitet voran. Deshalb ist die von Ihnen verwendete Graphik, die auf reale Größen abhebt, nicht wirklich aussagekräftig.

    PS: Das ist übrigens etwas, was man oft beobachtet. Der Kapitalismus hat einen ganz eigenen Begriff von „Stagnation“. Das System ist so dynamisch, schreitet, zahlenmäßig betrachtet, so rasch voran, dass schon ein kleiner Beschleunigungsverlust von den Menschen als „Stagnation“ wahrgenommen wird. Man müßte diesen Begriff überdenken….

    LG
    A.F.

    1. Was findet denn im Kapitalismus tatsächlich statt? Das Produkt wird auf drei Klassen (Arbeiter, Unternehmer, Finanziers) aufgeteilt, nicht aber, wie in primitiven Ökonomien, zu einem Zeitpunkt, sondern über eine gewisse Zeitsstrecke. Man sagt also nicht wie auf einem Bauernhof: „So, die Ernte ist da, und jetzt teilen wir sie auf.“ Sondern man sagt: „Da habt Ihr Eure Anteilsscheine, setzt sie über die nächsten 10 Jahre ein! Was an Produkt in diesen 10 Jahren rauskommt, wissen wir nicht.“ Wieso, in Gottes Namen, sollte in so einem Modus auch nur eine Klasse zu kurz kommen? Es ist ja ein Verhandlungsprozeß über die Anteilsscheine, die der realen Aufteilung vorangeht! Niemand wird hier benachteiligt, niemand muss mit Null rechnen, man streitet ja nur über Scheine! Das, was für Verwirrung sorgt, ist der Modus: dass die Scheine nicht sofort, sondern über eine Periode von 10 Jahren oder länger, eingelöst werden. Da kann`s schon passieren, dass jemand die Verteilung der Scheine mit der Verteilung des Produkts verwechselt, und ganz böse wird, wenn er auf einmal im Nachhinein glaubt zu kurz gekommen zu sein. Aber niemand kennt das Produkt, das während dieser Zeitstrecke auf alle zukommt, niemand kennt die Zukunft. Das Problem des Kapitalismus ist also: Seine Komplexität, die übergebührliche Streckung des Produktionsprozesses, die Arbeitsteilung, also der Reichtum! Was er uns schenkt: Reichtum, ist zugleich seine größte Schwäche. Man lebt, mit anderen Worten, in einer widersprüchlichen Welt, man hasst, was man lieben sollte: den Reichtum.

      1. Diese Aufteilung von Scheinen (Geld) war die Frage 1970 – das Geld-Sparen der Nichtunternehmer begrenzte unnötige Gewinne der Unternehmen. Das Geldsparen der Nichtunternehmer war DAMALS in jeder Hinsicht zu begrüßen. Aber da waren eben 17% BIP Nettoinvestition.

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