Karl Marx und das Kapital, warum hat der erste „Vorfinanzierungsökonom“ den Mehrwert als Ausbeutung kritisiert?

herzlichen Dank an @Widerborstig für seinen Kommentar und Zitate aus dem Kapital unten. Offensichtlich war der alte Karl vor 150 Jahren oft schon deutlich weiter, als die meisten „Tauschökonomen“ heute:

»So. Das “Tauschparadigma” haben wir seit Smith, Ricardo, Marx.«

So, so. Seit Marx. Wie kommt es dann zu G – W – G’ oder kürzer G -G’?

Ich fürchte, Marx auf das Tauschparadigma zu reduzieren, geht an der Sache vorbei. Nur weil Marx von der Doppelgesichtigkeit der Ware mitTauschwert und Gebrauchswert gesprochen hat, ist es – vorsichtig formuliert – arg verkürzt, Marx ein Tauschparadigma anzudichten.

Z.B.: „Nehmen wir einen einzelnen Kapitalisten, der sein Geschäft eröffnet, z.B. einen Pächter. Während des ersten Jahres schießt er ein Geldkapital, sage von 500000 Euro vor, in Zahlung von Produktionsmitteln (400000 Euro) und von Arbeitskraft (100000 Euro). Die Mehrwertrate sei 100 %, der von ihm angeeignete Mehrwert = 100000 Euro. Die obigen 500000 Euro schließen alles Geld ein, was er als Geldkapital vorschießt.

Aber der Mann muss auch leben, und er nimmt kein Geld ein vor Ende des Jahres. Sein Konsum betrage 100000 Euro. Diese muss er besitzen. Er schießt dies Geld nicht vor als Kapital. Er verausgabt es, zahlt es fort für ein Äquivalent in Lebensmitteln, die er verzehrt. Dieser Wert ist von ihm in Geld verausgabt, in die Zirkulation geworfen und in Warenwerten entzogen worden. Diese Warenwerte hat er verzehrt.

Am Ende des Jahres nun wirft er in die Zirkulation einen Warenwert von 600000 Euro und verkauft ihn. Damit fließt für ihn zurück: 1. sein vorgeschossenes Geldkapital von 500000 Euro; 2. der versilberte Mehrwert von 100000 Euro.
Er hat 500000 Euro als Kapital vorgeschossen, in die Zirkulation geworfen, und entzieht ihr 600000 Euro, 500000 Euro für Kapital und 100000 Euro für Mehrwert.

Die letzteren 100000 Euro sind versilbert mit dem Geld, das er selbst nicht als Kapitalist, sondern als Konsument in die Zirkulation geworfen, nicht vorgeschossen, sondern verausgabt hat. Sie kehren jetzt zu ihm zurück als Geldform des von ihm produzierten Mehrwerts. Und von nun an wiederholt sich diese Operation jährlich.“ K. Marx, Kapital 2.: 336.

so weit @Widerborstig

Nun kann man Karl Marx eventuell noch unterstellen, dass er die Zahlungsmittelschöpfung nicht verstanden hatte, wie dies Dr. Paul C. Martin hier tut. Dies finde ich aber eine wenig ergiebige Frage – ich suche eine Antwort auf etwas ganz Anderes. Ich hatte bisher auch geglaubt, dass Marx seine Kritik am Mehrwert aus dem Tauschparadigma herleitet. Nur wenn dies nicht so ist, wäre folgende Frage offen:

Seine Kritik am Mehrwert speist sich dann aus der Geringschätzung des Risikos im Zeitverlauf? Oder eben aus der Vorstellung, dass das vergesellschaftete Risiko zu sozialeren Ergebnissen führt? Oder ganz anders? Das man Mehrwert/Gewinne aus stark vermachteten Strukturen kritisieren und auch beSTEUERN müsste, ist übrigens jetzt hier nicht die Frage, Marx hat den Mehrwert ja generell als Ausbeutung bezeichnet?

67 Kommentare zu „Karl Marx und das Kapital, warum hat der erste „Vorfinanzierungsökonom“ den Mehrwert als Ausbeutung kritisiert?“

  1. >Dass Sie lieber Herr Felsberger, als gesamtwirtschaftlicher Durchblicker dafür noch Verständnis haben, macht mich einigermaßen ratlos.> Ich wollte auf das Problem hinweisen, dass die „Herzen der Menschen“ mit Technokratismus nicht mehr einzufangen sind, auch dann nicht, wenn die technokratischen Entscheidungen logisch begründbar und sogar richtig sind. Was sind die „Herzen der Menschen“? Es sind die ureigensten bürgerlichen Werte, von denen sie nicht lassen wollen! Die Empörung der „bürgerlichen Mitte“, die in Österreich nun endgültig in Radikalität umschlägt, hat ihren Grund darin, dass über Jahre und Jahrzehnte Entscheidungen getroffen wurden, die, obwohl sie logisch richtig waren, aus der Sicht des Bürgers falsch, ja sogar ein Verrat an seinen Werten, waren. Ich weiß, dass dies eine extrem schmerzhafte Erkenntnis ist, aber man kann nicht einfach daran vorbeigehen. Ergo: Man muß Lösungen suchen, die suboptimal sind, aber die „Herzen der Menschen“ wieder erreichen….

    1. Ich kann nicht erkennen, dass wesentliche Teile des unpopulären politischen handelns im deutschsprachigen Raum ansonsten gesamtwirtschaftlich konstruktiv gewesen wären. Ganz wesentlich handelt es sich um maximal schädliche Flickschusterei, um eben keine Guthabenbremse einzuführen. Siehe z.B. Agenda 2010 in Deutschland – suizidaler Exportkrieg als Scheinalternative zu Guthabenbremse.

      Mit einer Guthabenbremse wäre es wieder möglich, konstruktiv gestaltende Polituik zu machen. Wenn z.B. Wirtschaften nicht für die Ansammlung uneinbringlicher Forderung sondern wieder auf Bedürfnissbefriedigung ausgerichtet wird. Da fehlt es doch einfach nur an Aufklärung, dass der Geldsparer der asoziale Dieb von Wohlstand und Frieden ist. Einfach jedem ins zugehaltene Ohr schreien 🙂 😦

    2. Besonders unpopulär war ja auch die Euro-Rettungspolitik – was für eine Ober-Narretei? Jeder will seine Spar- und Versicherungsguthaben gerettet haben, dass diese mit den Schulden der Anderen identisch sind, kann man leider nicht aussprechen. Dass wir gleichzeitig Millionen Transistoren auf einen qmm packen können, im Weltall rumfliegen und bei ökonomischen Trivialitäten unter dem Wahrnehmungsniveau von Dementen agieren, ist schon eine Schau.

      1. >Dass wir gleichzeitig Millionen Transistoren auf einen qmm packen können, im Weltall rumfliegen und bei ökonomischen Trivialitäten unter dem Wahrnehmungsniveau von Dementen agieren, ist schon eine Schau.>

        Ortega y Gasset hat schon in den 30er-Jahren davor gewarnt, dass die wachsende Spezialisierung die bürgerlichen Eliten nicht nur aushöhlt, sondern mit der Zeit zu ungebildeten Massenbürgern macht. Passend dazu, hat mir vor kurzem eine Atomphysikerin, die in Seibersdorf arbeitet, gestanden, dass sie keinen Physikunterricht an einer höheren Schule mehr halten könnte. Ihre Spezialisierung sei einfach schon zu weit fortgeschritten, um die Grundlagen der Physik noch im Auge zu haben. Da braucht man sich dann auch nicht wundern, dass es keinen Ökonomen mehr gibt, der den ökonomischen Kreislauf denken kann, auch wenn er ein Spezialist in der Input-Ouput-Rechnung sein mag. Der kapitalistische Fortschritt produziert nicht nur „Spaziergänger“ im abenteuerlichen Ausmaß, sondern leider auch: Idioten.

  2. Die Agitatoren kriechen doch schon längst aus allen Löcher hervor: Spüren Sie denn das nicht? Wenn man in liberalen Zirkeln die Sinnhaftigkeit des Nullzinssatzes verteidigen will, droht einem die Brandmarkung. Wenn man in nationalen Kreisen Ersteres und auch die Sinnhaftigkeit einer Flüchtlingspolitik verteidigt, schlägt einem offen Hass entgegen. Wenn man in linken Zirkeln Banken verteidigt, wird man an den Pranger gestellt. Wie ist das möglich? Antwort: Weil das System in einer schweren Legitimationskrise steckt, die durch Maßnahmen hervorgerufen wurde, die nicht systemkompatibel sind……

      1. Ich bin überzeugt, dass das Problem nur über mehr direkte Demokratie lösbar ist. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Es steht außer Frage, dass die Lage des Spätsommers 2015 eine Lose-Lose-Situation war. Erstmals sind Kriegsflüchtlinge im Herzen Europas, und Budapest ist ein Herz Europas, in großer Zahl erschienen. Was hätte man machen können? Man hätte sofort zu einer Volksabstimmung in jeder Nation schreiten müssen. Was hat man stattdessen gemacht? Man hat über die Bürger d´rüberregiert. Welche zentralistische Entscheidung man auch immer getroffen hätte, sie hätte Empörung bei einem großen Teil der Bürger ausgelöst. Und so ist`s ja dann auch gekommen. Mit anderen Worten: Das Problem ist, lange bevor wir über technokratische Lösungen nachdenken, die „Herzen der Menschen“ wieder einzufangen, indem man ihnen mehr Mitsprache zusichert. Man muß dann freilich auch akzeprieren, dass Entscheidungen getroffen werden könnten, die logisch unhaltbar sind. Dies ist aber immer noch besser als die Legitimationskrise durch Technokratismus immer weiter anzuheizen….

        1. Was Ihre Vorschläge, Herr Buschbeck, betrifft, so sind sie allesamt logisch gut begründet und ehrenhaft, Mir liegt es fern diese Vorschläge logisch zu kritisieren, ich verweise nur auf das Problem der Akzeptanz, über das Sie vornehm hinwegschauen…… .

            1. Sie verstehen mich falsch: Mir geht`s nicht um Zynismus, sondern um das Aufbrechen der Krise. Ich möchte den Kapitalismus überleben sehen. Und langes, langes Nachdenken hat mich zu dem Schluß gebracht, dass dies nicht, wie immer behauptet, eine Frage der Aufklärung oder der Ideologiekritik sei, sondern eher des „Lebensmodus“. Wir müssen das institutionelle Gefüge reformieren, sprich: mehr Demokratie wagen, auch wenn wir ab und zu auf die Schnauze fallen sollten. Der Kapitalismus kann sich vieles erlauben, aber eines sicher nicht: eine Krise seiner Institutionen…..

              PS: Wenn ich ein Wahlprogramm zusammenstellen müßte, hätte es nur eine Forderung: Mehr direkte Demokratie. Die Inhalte finden sich dann von alleine. Und als Demokrat bin ich auch bereit diese zu schlucken…..

              PSS: Aufklärung ist ein zweischneidiges Schwert, denn konsequent zu Ende gedacht, führt sie, wie man seit Nietzsche weiß, schnurstracks in eine Herrenideologie.

              1. Wie soll aber eine Demokratie an den Punkten funktionieren, wenn einzelwirtschaftliche Interessen und gesamtwirtschaftliche Notwendigkeiten auseinanderfallen?

                Der Wähler ist doch noch nicht mal bereit die Guthabenkrise zu denken, geschweige diese zu lösen.

                1. Gute Frage. Ich gehe zunächst mal davon aus, dass direkte Demokratie die Bindung zu den Institutionen festigt. Die ewige Suchen nach dem Sündenbock läuft ins Leere. Die Menschen lernen zu verstehen, dass ihre eigenen Mehrheitsentscheidungen nicht die gewünschten Ergebnisse zeitigen. Sie lernen also die Grenzen der Demokratie auf eine sachliche Art zu denken. Von da aus erwarte ich mir dann weitere Impulse….

                  PS: Klar ist, wenn wir so weiter tun wie jetzt, wo Institutionen wählerfern entscheiden, mündet das Ganze in nimmerendenden Schuldzuweisungen. Und die Wählerüberlistung durch „gutes Regieren“, wie Sie, Herr Buschbeck, es im Grunde ja vorschlagen, ist eine paternalistische Vorstellung, auf die zu hoffen, ich nicht mehr wage….. ..

  3. Dieser Schluß von nominalen Lohnerhöhungen auf reale ist überhaupt zutiefst irritierend, und legt den Verdacht nahe, dass jene, die das propagieren, über die Funktionsweise des Systems nicht ausreichend nachgedacht haben. Kapitalismus heißt: dass der Verteilungsschlüssel zwischen den Klassen zu einem Zeitpunkt festgelegt wird, wo der raele Output noch gar nicht bekannt ist. Man kennt das Verhältnis, zu dem das reale Produkt verteilt wird (z.B. 50% Für die Arbeiter, 50% für die Unternehmer), man kennt aber nicht die Höhe des Produkts. Leicht möglich, dass sich dann am Schluß herausstellt, dass eine nominale Lohnerhöhung zu einer relaen Lohnsenkung führt, weil das reale Produkt deutlich niedriger ausfällt als im Vorjahr. Vegleichbar ist dies Ganze mit einem Bankraub, wo die Räuber den Verteilungsschlüssel festlegen,. aber die Höhe der Beute noch nicht kennen (Siehe das Beispiel von Dr.Menendez)………….

    1. PS: Man muß natürlich zwischen konstanten und flexiblen Output-Preisen unterscheiden. Letztere stellen den Schluß von nominale Lohnerhöhungen auf reale überhaupt in Frage, weil dann – anders als bei konstanten Output-Preisen – nicht einmal der Verteilungsschlüssel bekannt ist. Aber wozu das Komplexe beschreiben, wenn die Behauptung schon bei einfachen Bedingungen scheitert………….

      1. Alles ganz kompliziert? Die Löhne müssen um Produktivitätswachstum plus Zielinflation steigen. Die Risikoprämien sind durch maximalen Wettbewerb zu drücken, dazu braucht es beSTEUERung von Marktvermachtung. Dem Nachfrageverzichter steht erst ein Einkommensanteil zu, wenn es Angebotsknappheit gibt.

        fertsch

        1. Herr Buschbeck: Es steht außer Frage, dass es Lösungen gibt. Es steht auch außer Frage, dass es einen Gleichgewichtspfad gibt. Die Ökonomen haben das längst in unzähligen Modellen dargestellt. Was aber bis jetzt noch keiner geschafft hat: Lösungsansätze zu präsentieren, die mit dem System kompatibel wären…..

          PS: Man benötigt Leute vom Schlage eines Marx, die weit und breit nicht aufzufinden sind. Leute, die das System nicht nur durchdenken, sondern auch die (ideologischen) Grenzen dieses Systems mitdenken. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Jeder kann sich hinstellen und sagen: „Das Grundeinkommen ist eine Lösung.“ Aber nur der Systemdenker wird ihm antworten: Dass diese Lösung vom Kapitalismus nicht akzeptiert werden wird……

          1. Der Kapitalismus ist eine Arbeitsgesellschaft und eine Arbeitsgesellschaft pflegt ihre Mythen: Fleiß, Enthaltsamkeit, Gerechtigkeit in der Entlohnung. Es ist undenkbar, in dieser Gesellschaft ein arbeitsloses Grundeinkommen einzuführen und mit den Mythen zu brechen. Weder Kapitalisten noch Arbeiter werden das auf Dauer akzeptieren, weil es nicht ihrem Wertesystem entspricht. Man lernt das ja gerade in der Flüchtlingsfrage: Kapitalismus läßt Samaritertum nur in sehr beschränktem Umfang zu. Aber nicht nur das: Die Aufklärung selbst zerstört die Vorstellung von Samaritertum. Immer öfter wird ganz rational gefragt: „Was bekomme ich dafür? Was ist die Gegenleistung?“ Und das Grundeinkommen kennt keine Gegenleistung und damit ist es vom Tisch…….

          2. Wer ist denn der Herr Kapitalismus, der irgendwas nicht akzeptiert? Dies ist ja noch wesentlich kurioser als Wolfgangs personifizierter Neoliberalismus.

            ich nehme für diesen Blog freilich in Anspruch, dass hier kapitalismuskonforme Lösungsansätze vorgestellt und diskutiert werden. Dass die Klassenfeinde des Kapitalismus, die Geldsparer, dies nicht akzeptieren , ist eine ganz andere Sache. 🙂

            „Mein Grundeinkommen“ ist ja auch klein mit der Prämisse Käufermarkt für Arbeitsleistung zur Vermeidung systemischer Marktversagens und der Rückgabe von Lenkungssteuern gegen Marktversagen – ein hochgradig liberales Ansinnen.

            1. Im übrigen war auch die DDR eine Arbeitsgesellschaft, sogar mit Arbeitszwang – die ist kein Legaldefinition des Kapitalismus. Der klare Unterschied ist die Frage, ob man das Vorfinanzieren des Wirtschaften gegen Risikoprämie im markt macht, oder diese Vorfinanzierung unter Vermeidung von Risikoprämien durch staatliche Organisation des Wirtschaftens vermeidet.

              Hier ist mir im persönlich erlebten Systemvergleich die marxsche Definition der Risikoprämie als MEHRWERT ein sprachliches Schmankerl, eben weil sie in zumindest in halbswegs unvermachteten Märkten mehr wert ist, als sie kostet.

            2. Kurios? Die Geldakkumulierer folgen ja selbst den bürgerlichen Werten von Sparsamkeit, Enthaltsamkeit und Disziplin. Das deutet ja darauf hin: dass Kapitalismus eine Logik hat, die ihm selbst im Wege steht. Was mache ich nun? Die Geldakkumulierer durch staatliche Maßnahmen überlisten und sie zu Geldausgeber machen? Da werden diese Leute keine Freude haben, denn sie brechen ja mit ihren ureigensten Werten, mit ihrer Vorstellung vom Leben! Die Leute aufklären? Wie kann ich jemanden aufklären, der den Werten des System folgt? Über was will ich ihn denn aufklären? Dass das System einen schweren Vogel hat? Da werde ich keinen Applaus ernten, darauf kann man setzen. Damit ist wohl umschrieben, um was es hier geht: Ich muß eine Lösung finden, die mit den bürgerlichen Werten von Sparsamkeit, enthaltsamkeit und Disziplin konform geht. Und das ist nicht so banal wie Sie glauben, Herr Buschbeck…..

              1. Man kann zum Beispiel hergehen und sagen: Die Leute sollen Sachwert-Sparen. Schön. Dann stellt sich mal sofort die Frage wie ich das Risiko eliminiere. Denn der bürgerliche Geldsparer versteht unter Enthaltsamkeit einen risikolosen Vorgang. Sparsamkeit, diese große Tugend, darf aus seiner Sicht niemals zu einem Risiko werden, das würde er nie und nimmer akzeptieren. So. Wie wollen Sie risikoloses Sachwert-Sparen ermöglichen, wie soll das gehen? Soll der Staat, also die Gemeinschaft, das Risiko dem Sachwert-Sparer abnehmen? Ganz abgesehen davon, dass das nur in engen Grenzen möglich wäre, stelllt sich sofort die Frage: Warum sollen die anderen Sachwert-Sparer, sprich: die Unternehmer, das Risiko denn schlucken? Warum der Bürger nicht? Man sieht sofort wie haarig die Sache ist, wie sehr man Gefahr läuft mit dem System zu konfligieren…

                1. Dies ist doch alles unbestritten – die Risikoaversion des Bürgers ist doch aber ein sozialistisches (Risiko vergesellschaften) und kein kapitalistisches (Risiko privatisieren) Problem.

                  Die frage ist doch also, wann der Kapitalsozialismus so scheitert, dass er einem vorteilhaften geSTEUERtem Kapitalismus weichen wird.

                  Das System ist also Kapitalsozialismus und nicht etwa Kapitalimus – und dies ist nicht etwa etwas soziales. Weil der Sozialismus durch seine Unproduktivität eben nicht sozial ist.

                  1. Die Risikoaversion des Bürgers hat doch eine lange Tradition. Dies der Grund für die Entstehung von Aktiengesellschaften, für die Entstehung von Versicherungen, von Geschäftsbanken und vielem mehr. Wie kann man das als Sozialismus abtun? Das ist ein ureigenes kapitalistisches Moment. Und man wird die Frage beantworten müssen: Wie man diese Risikoaversion in den Griff bekommt, wenn man aus dem Geld-Spar-Bürger einen Sachwert-Spar-Bürger machen will……

                    1. Ich kenne nur EINEN Kapitalismus, ich kenne keinen zweiten. Man kann eine Diskussion darüber führen, warum dieses System Syptome der Dekadenz aufweist. Und dies ist ja auch von vielen Autoren geleistet worden. Neue Namen zu erfinden trägt dazu nichts bei….

                  2. Ich verkehre auch in liberalen Zirkeln, vor allem deshalb, weil man dort die bürgerlichen Werte von Sparsamkeit, Enthaltsamkeit, usw. wie in einem Reagenzglas studieren kann. Der Hauptvorwurf, den diese Gruppe dem Kapitalismus macht – auch unter dem merkwürdigen Verfahren ihm zweite und dritte Namen zu geben – lautet: Dass das Sparen durch Inflation etc. bestraft wird. So, hier haben Sie das Problem auf dem Punkt gebracht: Der Bürger verlangt vom Kapitalismus risikolos zu sparen. Und wenn Sie ihm das nicht garantieren können, dann wird er auf alle Maßnahmen, die sie vorschlagen, pfeiffen!

                    1. >>>Wie man diese Risikoaversion in den Griff bekommt, wenn man aus dem Geld-Spar-Bürger einen Sachwert-Spar-Bürger machen will……

                      Na in dem die Kosten des Geldsparens halt dem Verursacher in Rechnung gestellt werden.

                      Dass dies so unpopulär wie alternativlos ist, kann man doch aktuell bestaunen.

                    2. Schauen Sie, Herr Buschbeck: Wir schlitternl hier in Europa, in eine schwere Legitimationskrise. Und woher stammt diese Krise? Weil alles, was hier passiert, von Nullzinssatz bis zur Handhabung der Flüchtlingskrise, mit den bürgerlichen Grundwerten nicht mehr vereinbar ist. Was wir in dieser Lage sicher nicht benötigen, sind noch mehr Vorschläge, die mit den bürgerlichen Grundwerten nicht vereinbar sind. Das heißt nur: das Feuer weiter anzufachen…..

                      Und für solche Lösungen und nur solche Lösungen trete ich ein…..

                    3. Gerade der Nullzinssatz ist ja ein Paradebeispiel dafür, was rauskommt, wenn man nur technisch denkt und nicht soziologisch. Auch ich gehöre zu oft zu jenen, die den Nullzinssatz beklatschen. Gehe ich aber tiefer, muß ich ihn ablehnen. Eine bürgerliche Welt mit einem Zinssatz von Null ist auf Dauer VÖLLIG undenkbar. Sie wird an Hass zerschellen…..

                    4. >>>Gerade der Nullzinssatz ist ja ein Paradebeispiel dafür, was rauskommt, wenn man nur technisch denkt und nicht soziologisch. Auch ich gehöre zu oft zu jenen, die den Nullzinssatz beklatschen. Gehe ich aber tiefer, muß ich ihn ablehnen. Eine bürgerliche Welt mit einem Zinssatz von Null ist auf Dauer VÖLLIG undenkbar. Sie wird an Hass zerschellen…..

                      Was sollen dies für „bürgerliche Liberale“ sein, die folgende Trivialität nicht verstehen:

                      Wenn es ein Überangebot von Nachfrageverzicht zu kreditwürdiger Nachfrage auf Verschuldung gibt, kann es keine Nachfrageverzichtsprämie geben!

                      Auch die von Soros angeheizte Flüchtlingskrise reiht sich übrigens in die teuren Maßnahmen ein, welche zur Überwindung dieses Notstandes getroffen werden. Schaffung sonstiger sinnloser Nachfrage z.B,. nach Zertifizierung und Prüfung von jedem Sch—ß, Kriegsgerät usw.

                      Die Guthabenbremse ist bürgerlich und liberalen Grundwerten verpflichtet – aber dies sagt leider keiner von Rang und Namen.

                      Natürlich könnten wir notfalls den Staat auch wieder gegen Zinsen für die Sparer verschulden. Aber es sind doch die gleichen narren, die dies nicht wollen. Dass Sie lieber Herr Felsberger, als gesamtwirtschaftlicher Durchblicker dafür noch Verständnis haben, macht mich einigermaßen ratlos.

  4. Zur Arbeitswerttheorie: ich meine, hier hat sich Marx etwas unkritisch Ricardo angeschlossen.

    Plausibler als die Produktion von Tauschwert mittels Einsatz von Arbeitszeit scheint mir das ‚Kommandieren‘ von Arbeitseinsatz durch Tauschwert. Die Tauschwertgröße bestimmt m.A.n., welche Produkte Absatz finden (also hier noch ganz konform mit der klassischen Wiwi), was heißt: welche Produkttypen in summa Absatz finden, was heißt: welcher Zweig der Produktion prosperiert, was heißt: in welcher Sparte der gesellschaftlichen Produktion welche Masse an Arbeitskraft hineingesogen wird. (Damit das gesellschaftlich funktioniert, muß natürlich auch etwas organisiert werden, z. B. die Erzeugung von besitzlosen Proletariern, die ihre Arbeitskraft anzubieten gezwungen sind, oder, moderner, die Erzeugung von Bedürfnissen – Fernseher, Kühlschrank, Smartphone – und ‚Leistungs‘-Kult, damit die Arbeitswut der Angestellten nicht endet etc.). Der Arbeitswert ist also für mich der Wert, den die Gesellschaft jeweils bestimmten Arbeitsleistungen oder -fähigkeiten zumißt.

    Das Tauschwertsystem (Geld, natürlich) dient also m.E. dazu, das qualitativ differenzierte Spektrum der gesellschaftlichen Bedürfnisse auf eine quantitative Größe abzubilden: auf das „gesellschaftliche Arbeitsvermögen“. Das Ökonomische in der Ökonomie war für Marx ja eigentlich im letzten doch das „Haushalten“ – nämlich Haushalten mit dem begrenzten Budget des gesellschaftlichen Arbeitsvermögens. (Nur dazu stimmt für mich seine gelegentliche tiefsinnige Anmerkung, „im letzten“ regiere das menschliche Leben das „Gesetz der Ökonomie der Zeit“, nämlich der Zwang, mit der endlichen Lebens- und Leistungszeit von Individuen und ihrer Summe, dem endlichen Leistungs- und Arbeitsvermögen ganzer Wirtschaftsgemeinschaften hauszuhalten.)

  5. So weit ich hier etwas verstanden habe, war es etwas, das durchaus auch im M.-L.-ismus ständig rhetorisch präsent war, ohne daß darüber viel nachgedacht wurde. Ausbeutung scheint Marx zwar hin und wieder als den Umstand zu diagnostizieren, daß die Arbeitskräfte weniger Vergütung erhalten, als ihrem Beitrag zur Produktion entspricht, aber entscheidend war für ihn die Diagnose, daß „private Aneignung gesellschaftlich produzierten Reichtums“ vorlag. (Woraus sich u. a. die „Anarchie der kapitalistischen Produktion“ ergab, wie oben via Michael Heinrich erinnert wird.) Damit wird von dem nicht atomistisch, sondern systemisch denkenden Marx das Problem der Ausbeutung nicht in irgendwie perönlichem Betrug, sondern in struktureller Enteignung der Arbeiterschaft gesehen, d. h., es wird das gewissermaßen Vordemokratische im Abhängigkeitsverhältnis der Arbeitskräfte von den Kapitaleignern kritisiert. Ausbeutung als Lohnmangel ließe sich also dadurch ausgleichen, daß der nicht persönlich ausgezahlte Anteil am gesellschaftlichen Produkt auf systemischem Wege zurückfließt, als gesellschaftliche, z. B. staatliche Investition in Bildung, Hygiene, Gesundheitspflege – und Arbeitszeitverkürzung nach Produktivitätsanstieg. (Daß eben dies nicht geschah, war für Marx empirische Erfahrung. Die reformistische Sozialdemokratie nach ihm konnte Erfolg haben, weil sich gerade hier etwas zu ändern begann, in Dtld z. B. Reformen wie Bismarcks Sozialversicherungen, ‚kommunaler Sozialismus‘ der wilhelminischen Zeit, die Fürsorgepolitik vorausschauender Unternehmer, wie Krupp und Zeiss/Abbe, die Werkswohnungen bauen ließen und sich um die Gesundheit ihrer Arbeiter sorgten, etc.)

  6. Hallo Jörg,

    Ich glaube das gößte Missverständni8s liegt darin begründet, dass der „Arbeiterbewegungs-Marxismus“ wie er in der DDR gelehrt wurde, die Marxsche „Kritik der politischen Ökonomie“, so der Untertitel des „Kapital“, nie so richt durchdrungen hat.

    Die Kritik von Marx ist keine Kritik an der „Ungerechtigkeit“ der Verhältnisse im Kapitalismus (das kann man auch hineinlesen), sondern sie ist eine Kritik an der Unterwerfung des Menschen an die von ihm selbst hervorgebrachten Sachzwänge.

    Sehri Informativ ist dieser Artikel von Michael Heinrich in der taz, in dem es unter anderem heißt:

    »Er selbst fragte nach der Art und Weise des gesellschaftlichen Zusammenhangs in einer auf Warentausch beruhenden Gesellschaft. Einerseits sind nämlich die produzierenden Einheiten (Einzelproduzenten wie auch ganze Betriebe) aufgrund der gesellschaftlichen Arbeitsteilung sachlich aufeinander angewiesen, andererseits erfolgt die Produktion „privat“, das heißt unabhängig von den anderen. Erst im Nachhinein, auf dem Markt, zeigt sich, inwieweit diese private Produktion als Bestandteil der gesellschaftlichen Gesamtarbeit anerkannt wird, indem ihre Produkte nachgefragt werden.

    Wo klassische und neoklassische Ökonomen mit den Wirkungen von Angebot und Nachfrage argumentieren, hält Marx zunächst einmal fest, dass sich am Markt die Tauschenden nur über ihre Produkte aufeinander beziehen und sich die gesellschaftlichen Charaktere ihrer Arbeiten daher nur als gegenständliche Eigenschaften der ausgetauschten Waren zeigen. Mit diesen gesellschaftlichen Eigenschaften ausgestattet, entfalten die Waren ein Eigenleben, dem die Menschen ausgeliefert sind: Gebannt starren die Produzenten auf die Entwicklung der Güterpreise, entsetzt blicken die Aktionäre auf die Kursstürze, als handle es sich um Naturereignisse.

    Dieser Verselbstständigung des gesellschaftlichen Zusammenhangs, die Marx unter dem Stichwort „Fetischismus“ analysiert, folgt er die drei „Kapital“-Bände hindurch in ihre Verästelungen und deckt eine Reihe „mystifizierter“ und „verrückter“ Formen auf. In der herrschenden Ökonomie werden die von diesen verrückten Formen ausgehenden „Sachzwänge“ bewusstlos reproduziert („Der Markt verlangt …“, „Die Globalisierung erfordert …“)«

    Auf der Internetpräsenz der Theoriezeitschrift EXIT finden sich einige einführende Aufsätze in das Thema „Wertkritik“. Hier der Artikel zu „Wertkritik“ auf Wikipedia.

    1. Hallo Hajo,

      also hat sich meine Frage dadurch erledigt, dass Marx gar nicht den Mehrwert als Ausbeutung gegeißelt hat, sondern nur die SU / DDR dies erfunden hat?

      Und ansonsten hat er nur die Emotionalität menschlicher WERTeinschätzung durch die Fertigungszeit „rationalisieren“ wollen? Eine generelle Kritik der Irrationalität der Menschen?
      Oder doch eine Art Konsumkritik?

      Ich hadere hier ja auch regelmäßig mit dem Geldfetisch. 🙂
      Der würde ohne den Autofetisch und den Hausfetisch aber noch schlimmere Auswüchse zeigen? 🙂

      1. »sondern nur die SU / DDR dies erfunden hat?«

        Naja, es war die Sozialdemokratie, die diese arg verkürzte Marx-Auslegung „erfunden“ hat. Und im „Marxismus-Leninismus“ eine höhere Weihe als Dogmengebäude erhielt. Wenn Du Dir mal die kleine Schrift von Erich Fromm „Das Menschenbild bei Marx“ (für weniger als 5 Euro bei zvab.com zu erwerben) anschaust, wirst Du sehen, was den Altmeister da eigentlich umgetrieben hat. Eine „bessere“ VWL – so heißt „Politische Ökonomie“ heute – war bestimmt nicht sein Anliegen.

        Nach meinem Verständnis hat Marx recht präzise herausgearbeitet, was in einer auf der „Wert- und Warenform“ beruhenden Gesellschaft eigentlich passiert. Leider sind die meisten Interpreten von Marx über den ersten Band nicht hinausgekommen und haben deshalb nicht gemerkt, dass sich seine Aussagen auf das „Gesamtsystem“ beziehen und nur im Gesamtzusammenhang auch stimmig sind. Das kommt auch bei manchen „Wertkritikern“ nicht so richtig zur Geltung.

        Die große Leistung von Marx besteht m.E. darin, dass er erstens die Begriffe Ware, Wert, Geld usw. der klassischen politischen Ökonomie nicht einfach unhinterfragt übernommen hat, sondern sie aus der Materie heraus, theoretisch entwickelt hat. Und er hat herausgearbeitet, dass der Kapitalismus ein krisenhafter Prozess sein muss, der aus sich selbst heraus niemals auf einen irgendwie gestalteten Gleichgewichtszustand hinausläuft.
        Seine dritte Leistung besteht darin, dass er gezeigt hat, dass die „Gesetzmäßigkeiten der Ökonomie“ keine ahistorischen „natürlichen“ Gesetzmäßigkeiten sind, sondern in der Zeit entstanden sind, von Menschen gemacht sind und somit auch von Menschen geändert werden können.

        Und so schreibt Marx im dritten Band von „Das Kapital“ gegen Ende:

        Das Reich der Freiheit beginnt in der Tat erst da, wo das Arbeiten, das durch Not und äußere Zweckmäßigkeit bestimmt ist, aufhört; es liegt also der Natur der Sache nach jenseits der Sphäre der eigentlichen materiellen Produktion. Wie der Wilde mit der Natur ringen muss, um seine Bedürfnisse zu befriedigen, um sein Leben zu erhalten und zu reproduzieren, so muss es der Zivilisierte, und er muss es in allen Gesellschaftsformen und unter allen möglichen Produktionsweisen.

        Mit seiner Entwicklung erweitert sich dies Reich der Naturnotwendigkeit, weil die Bedürfnisse sich erweitern; aber zugleich erweitern sich die Produktivkräfte, die diese befriedigen. Die Freiheit in diesem Gebiet kann nur darin bestehen, dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen, statt von ihm als von einer blinden Macht beherrscht zu werden; ihn mit dem geringsten Kraftaufwand und unter den ihrer menschlichen Natur würdigsten und adäquatesten Bedingungen vollziehen. Aber es bleibt dies immer in Reich der Notwendigkeit. Jenseits desselben beginnt die menschliche Kraftentwicklung, die sich als Selbstzweck gilt, das wahre Reich der Freiheit, das aber nur auf jenem Reich der Notwendigkeit als seiner Basis aufblühen kann.
        Die Verkürzung des Arbeitstages ist die Grundbedingung.

        Aus: Karl Marx: Das Kapital. Kritik der politischen Ökonomie. Dritter Band. Berlin 1988. S. 828.

        1. Die Marx’sche Idee, „Warentauschbeziehungen“ (d.h. vertragliche Beziehungen „freier“ und „gleicher“ Rechtssubjekte zueinander) und ihre Paradoxa durch bewußt geplante, kooperative Beziehungen zu ersetzen, wie das ja innerhalb jedes kapitalistischen Einzelbetriebs auch organisiert ist, wurde ja mittlerweile 70 Jahre lang getestet. Es war auch keine Idee von Marx allein, sondern hatte Vorläufer von Platon bis Fichte (auf den Fichte’schen „geschloßnen Handelsstaat“ geht Robert Kurz in seinem „Kollaps der Modernisierung“ ja sehr schön ein).

          Daß sich auch dabei Paradoxa in den Beziehungen der Einzelnen zum Gesamtsystem ergeben, hat Jörg sicherlich in der DDR praktisch erfahren, und Janosz Kornai hat es in seinen „Economics of Shortage“ sehr schön analysiert (kurz zusammengefaßt hier: https://de.scribd.com/doc/115170487/Heinsohn-Steiger-1981-Geld-Produktivitat-und-Unsicherheit-in-Kapitalismus-und-Sozialismus).

          Auch die KRISIS-Gruppe der fundamentalen Wertkritiker mit Robert Kurz („Exit“-Vorläufer) hatten sich damit ja schon 1990 beschäftigt (http://www.krisis.org/1990/die-quadratur-des-kreises/).

          Leider ist die Auseinandersetzung mit der Geschichte des Realsozialismus über solche vereinzelten Versuche hinaus innerhalb der Linken nie wirklich angegangen worden. Und ohne diese Vergangenheitsbewältigung dürfte auch die Entwicklung einer neuen Strategie, die auf die gegenwärtige globale Situation antwortet, auch schwierig sein.

          Die ist nämlich davon gekennzeichnet, daß es im Gegensatz zum Marx‘ Europa des 19. Jahrhunderts in vielen Ländern mit einem „Proletariat“ weder Industrie noch funktionierende staatliche Strukturen gibt, während in Europa das Proletariat erfolgreich Geburtenstreik macht, um nur mal zwei der Kernunterschiede zu nennen.

          Die EXIT-Leute sehen nun den Kapitalismus insgesamt verschwinden, was längerfristig ja durchaus sein mag. In der Zwischenzeit aber müssen die unteren 90% der Industrieländer wie eh und jeh politisch für ihre Interessen kämpfen, und ein trotziges nein zum Arbeiterbewegungsmarxismus und eine vage Hoffnung auf etwas „ganz neues“, was Marx „wirklich gemeint“ haben könnte, hilft ihnen dabei nicht wirklich weiter.

          Vielmehr ist die Aufgabe nach wie vor, für die Rechte und den Anteil der unteren 90% am gesellschaftlichen Gesamtprodukt politisch zu kämpfen, und gesamtwirtschaftliches Denken à la Stützel und Keynes sind dazu wichtige analytische Mittel, um die herrschende neoklassische Ideologie (z.B. des Arbeitsmarktes) zu bekämpfen.

          1. „Die Marx’sche Idee, ‚Warentauschbeziehungen‘ (d.h. vertragliche Beziehungen ‚freier‘ und ‚gleicher‘ Rechtssubjekte zueinander) und ihre Paradoxa durch bewußt geplante, kooperative Beziehungen zu ersetzen …“ – ist keine Marxsche Idee, sondern das Mißverständnis des ML. Marx hatte zu tiefen Respekt vor der Eigendynamik sozialer Prozesse, als daß er versucht hätte, „Rezepte für die Comtistische Garküche“ anzubieten, wie er einmal schreibt. Er sagt auch, daß die Erkenntnis der „Bewegungsgesetze“ der Gesellschaft niemals dazu führen werde, daß man sie umgehen könne, sondern nur, ihnen mit Bewußtsein und möglichst human folgen. Er geht hier ganz konform mit dem Baconschen Wissenschaftsverständnis: Beherrschen der Vorgänge nur durch Gehorchen. Darum auch seine nüchterne Auffassung, daß man durch den Kapitalismus nun einmal hindurch müsse, er allein erzeuge Potentiale für zukünftig mögliche „kooperative Beziehungen“; niemand könne die einfach willkürlich einsetzen anstelle der historisch gewachsenen.

            Daher ist eben bei ihm auch nicht ausgeführt, wie denn nun die „rationelle Regelung des Stoffwechsels der Gesellschaft mit der Natur“ dann aussehen werde. Das war ja ein großer Kummer der sozialistischen Wirtschaftstheoretiker, sie konnten bei Marx keine Rezepte finden, wie denn nun sozialistische Arbeitsorganisation aussehen sollte! Was praktisch umgesetzt wurde, war eher eine bürokratische Naivität als die Erfüllung der Utopie rationeller, d. h., sachlich angemessener, möglichst verlustarmer, vorausschauender Organisation der Erzeugung von Lebensmitteln.

            Die Formel, es gelte, „dass der vergesellschaftete Mensch, die assoziierten Produzenten, diesen ihren Stoffwechsel mit der Natur rationell regeln, unter ihre gemeinschaftliche Kontrolle bringen“, ist eine sozialhistorische Tendenzaussage, keine parlamentarische Blaupause für die Gestaltung des Arbeitsrechts, womöglich noch mit Durchführungsbestimmungen. Jenes für dieses zu halten, ist etwa so treffend, wie aus der Darwinschen Evolutionstheorie abzuleiten, wie man Brot backen solle. Solche Kurzschlüsse sind natürlich beliebt, weil so ‚lebensnah‘, die Ernährungsratgeber sind voll davon (z. B. die sog. Paläodät), aber Marx war doch von anderem Kaliber. Er hat nie die Biederkeit besessen, die etwa die Vertreter der deutschen Aufklärung vom Schlage eines Christian Wolff kennzeichnete, der aus den Regeln der Vernunft noch die Einrichtung eines Aborts deduzieren wollte.

            1. Hallo Kalo,

              ja, ich stimme Dir zu.

              Eigentlich muß man sagen: Marx hat sich den Prozess der Entwicklung auch gesamtgesellschaftlich geplant kooperativer Strukturen nicht als willkürlichen Sprung zu gesellschaftlicher Gesamtplanung vorgestellt, sondern als Entwicklungsprozess des Kapitalismus selbst.

              Dabei gibt es eine immer weitergehende und globaler werdende arbeitsteilige Verflechtung im Rahmen des Marktes, wobei sich innerhalb einzelner Produktionszweige nach und nach immer größere Produktionseinheiten und schließlich Monopole bilden („Konzentrationsprozess des Kapitals“), innerhalb derer kooperiert wird:

              „Diese Expropriation vollzieht sich durch das Spiel der immanenten Gesetze der kapitalistischen Produktion selbst, durch die Zentralisation der Kapitale. Je ein Kapitalist schlägt viele tot. Hand in Hand mit dieser Zentralisation oder der Expropriation vieler Kapitalisten durch wenige entwickelt sich die kooperative Form des Arbeitsprozesses auf stets wachsender Stufenleiter, die bewußte technische Anwendung der Wissenschaft, die planmäßige Ausbeutung der Erde, die Verwandlung der Arbeitsmittel in nur gemeinsam verwendbare Arbeitsmittel, die Ökonomisierung aller Produktionsmittel durch ihren Gebrauch als Produktionsmittel kombinierter, gesellschaftlicher Arbeit, die Verschlingung aller Völker in das Netz des Weltmarkts und damit der internationale Charakter des kapitalistischen Regimes. Mit der beständig abnehmenden Zahl der Kapitalmagnaten, welche alle Vorteile dieses Umwandlungsprozesses usurpieren und monopolisieren, wächst die Masse des Elends, des Drucks, der Knechtschaft, der Entartung, der Ausbeutung, aber auch die Empörung der stets anschwellen- den und durch den Mechanismus des kapitalistischen Produktionsprozesses selbst geschulten, vereinten und organisierten Arbeiterklasse. Das Kapitalmonopol wird zur Fessel der Produktionsweise, die mit und unter ihm aufgeblüht ist. Die Zentralisation der Produktionsmittel und die Vergesellschaftung der Arbeit erreichen einen Punkt, wo sie unverträglich werden mit ihrer kapitalistischen Hülle. Sie wird gesprengt. Die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlägt. Die Expropriateurs werden expropriiert.“ [ http://www.mlwerke.de/me/me23/me23_741.htm#Kap_24_7 ]

              Lenin hat dann den Versuch gemacht, diesen Prozess abzukürzen, indem sofort auch gesamgesellschaftlich bewußt geplante Produktion eingeführt werden sollte. Aus dieser Sicht erzeugen kapitalistische Krisen Ressourcenvernichtung, die durch bewußt geplante gesamtgesellschaftliche Kooperation überwunden werden können, und daraus speiste sich die Hoffnung, auf diese Weise in RU den westlichen Kapitalismus „einholen und überholen“ zu können.

              Eine Hoffnung, die DAMALS – angesichts des 1. Weltkriegs, der großen Depression der 1930er Jahre und des 2. Weltkriegs ja auch so plausibel erschienen ist, daß man im Westen durchaus Angst hatte, der Sozialismus könne den Kapitalismus „Einholen und Überholen“ (selbst noch in den 50er Jahren versetzte der Sputnik-Schock dem Westen in große Sorge und stieß die Entwicklung des Mondlandeprogramms an).

              Ich würde allerdings sagen: heute wissen wir, daß eben auch bewußt geplante Kooperation ihre Teil-/Ganzes-Dialektik (oder Paradoxa) hat (wie Janosz Kornai in seinen „economics of shortage“ herausgearbeitet hat), und die dürften auch dieselben bleiben, ob die gesamtgesellschaftliche Kooperation nun staatlich „von oben“ oder a la Marx per Konzentration und Monopolbildung, also marktmäßig „von unten“, zustandekam, denke ich.

              Beste Grüße!

              1. Also, vor 150 Jahren (1867) sah für Marx die Welt so aus, daß Kapitalismus quasi automatisch zu Kommunismus führt („innere Tendenz der kapitalistischen Akkumulation“).

                50 Jahre später sagte Lenin, in RU müssen wir da bißchen nachhelfen (dann: „ursprüngliche sozialistische Akkumulation“, der Milionen von Kulaken zum Opfer fielen).

                Heute, weitere 100 Jahre, 2 Weltkriege, eine große Depression und eine zweite (in der sind wir gerade) später, läßt ein alterndes Proletariat in der 2. großen Weltwirtschaftskrise mal wieder alles brav über sich ergehen und driftet nach rechts, während die „Jugend der Welt“ (in den Ländern mit einem Durchschnittsalter und Geburtenraten, die dem der Europäer zu Marx’s Zeiten entsprechen) sich für einen „islamischen (Gottes-)Staat“ anstatt für Kommunismus engagiert und transnationale Unternehmen nationale Rechtsordnungen – die Grundlage von Kapitalismus – immer mehr unter ihre Kontrolle bringen.

                Da würde ich mal sagen: die Geschichte bleibt weiter spannend, und das letzte Wort ist noch nicht gesprochen: ich täte mal sagen, frei nach Sepp Herberger (?), „Der Ball ist rund, und das Spiel dauert 90 Minuten“.

          2. Fehlte die Pointe: was „70 Jahre lang gestestet“ wurde, war die Ersetzung von Angebot-Nachfrage-Regulierung durch bürokratische Planung der Güterproduktion – und die war nicht mit Marx zu begründen. Nur durchs Mißverstehen der sozialhistorischen Perspektive als Bauplan für alltäglich praktische Rechtsverhältnisse und volkswirtschaftliche Organisation.

    2. Hallo Widerborstig,

      „Die Kritik von Marx ist keine Kritik an der „Ungerechtigkeit“ der Verhältnisse im Kapitalismus (das kann man auch hineinlesen), sondern sie ist eine Kritik an der Unterwerfung des Menschen an die von ihm selbst hervorgebrachten Sachzwänge. “

      Genau so hat das auch Wolfgang Stützel gesehen. in seinen „Paradoxa der Geld- und Konkurrenzwirtschaft“ schreibt der LIBERALE Wolfgang Stützel (im Abschnitt „Marx’sche Paradoxa“, ab S. 375):

      „Die Marxsche Analyse des Konkurrenzparadoxons im Arbeitszeitfall liefert wirtschaftstheoretisch und wirtschaftspolitisch das Schulbeispiel eines Falles, in dem das konkurrierende Zusammenspiel der Wirtschaftenden „schlechte“ Situationen erzeugt, deren Verbesserung grundsätzlcih weder durch einfache moralische Besserung der Einzelnen, noch durch entsprechende Übernahme von Verantwortung durch Führer konkret überschaubarer menschlicher Gruppen geleisted werden kann.

      Solche fatalen Prozesse können nur durch Globalmaßnahmen über den Gesamtbereich jeweils unmittelbar miteinander konkurrierender WIrtschafter gesteuert werden.

      Die Arbeitszeitordnung (Arbeitsrecht –>Dialektik der Gleichheit, W.) ist die erste moderne Aktion, die grundsätzlich eben nur zentral „wohlfahrtsstaatlich“ vorgenommen werden konnte. Für die Diskussion über (zentralen) Wohlfahrtsstaat und „Subsidiaritätsprinzip“ liefert Marx das Paradigma einer Maßnahme, deren Vollzug eben NICHT den beliebten überschaubar konkreten Kleinbereichen der Sozialordnung überlassen bleiben kann.“ (Paradoxa …, S. 395)

      „Auch das Problem der größeren Beteiligung der Arbeiter am Volksvermögenszuwachs kann (genau wie das Problem der Verlängerung der Freizeit) nur durch „Globalaktion über den Gesamtbereich unmittelbar miteinander konkurrierender Unternehmer“ gelöst werden.“ (S. 395, FN 53)

      Stützel geht sogar noch weiter, indem er schreibt:

      „Sobald es nicht geschichtsphilosophisch überanstrengt wird, erweist sich das Marxsche Grundmodell des Geschichtsverlaufs der von allen betriebenen, aber von niemand bewußt gewollten Produktion und Forentwicklung von „Verhältnissen“, durch die dann auch alle weiteren Einzelaktionen wesentlich determiniert sind, slwohl im Arbeitszeitfall wie auch in analogen Fällen als schlagend richtige sozialwissenschaftliche Tatbestandsanalyse. Mag auch dasjenige, was später als „Verelendungstheorie“ bezeichnet und ins Zentrum marxistisch-kommunistischer Demagogie rückte, eine solche Überanstrengung bedeuten; die von Karl Marx primär analytisch beabsichtigte Entfremdungstheorie bleibt richtig.“ (Paradoxa …, 396)

      Nachdem er das auf 3 weiteren absolut lesenswerten Seiten näher ausführt, kommt er zu dem Schluß:

      „Diese Abhängigkeit aller von allen, die sich aus der Konkurrenz der Unternehmer nach Lenen zur ebenso brutalen und anonymen, von niemand (non die Menge selbst) gewollten und doch von allen (jeder echten Teilmenge) gewollten und betriebenen Konkurrenz der imperialistischen Staaten ausweitet, kann nach Marx nur dann ein Ende finden, wenn anstelle der abhängigen Teilmengen die Menge der Abhängigen selbst zur Aktion schreitet. Der einzelne Unternehmer und der einzelne Arbeiter sind gleichermaßen abhängig. Frei ist nur die Klasse selbst. Im Konzentrationsgesetz setzt sich durch nd führt zur Aktion des Zusammenschlusses der Konkurrierenden der Tatbestand, daß schon eine größere Teilmenge selbst weniger abhängig ist als jedes einzelne ihrer Elemente. Der Konzentration der Menge aller Kapitalisten auf die Menge selbst muß die Konzentration der einzelnen Abhängigen auf die Menge der Abhängigen selbst, die Steigerung des Klassenbewußtseins entsprechen, damit dann im letzten Akt der Expropriation der Expropriateure die Klasse der Abhängigen selbst die (im Grenzfall der Konzentration nur noch ein Mitglied, nur noch ein Element umfassende Klasse bzw. Menge) der Kapitalisten austilgen kann und sich so die konzentrierte größte echte Teilmenge zur Menge aller selbst erklärt. “ (Paradoxa, S. 398).

      Deswegen hatten sich die Arbeiter ja gegen Ende des 19. Jahrhunderts nach und nach organisiert, zu Gewerkschaften und Arbeiterparteien (was ihnen lange Zeit verboten gewesen war). Für Demokratie haben sie sich zu Recht begeistert, weil sie wußten, ihre Macht liegt nicht in ihrem Vermögen, sondern in ihrer großen Zahl (die unteren 95% eben, das ist heute nach wie vor so).

      Allerdings müssen sich die unteren 95% dafür organisieren und einen klaren Blick auf die Situation haben, und wissen, was sie wollen. Da die Gegenseite die Macht der großen Zahl nicht hat, dafür aber die Macht des Vermögens, muß deren Ziel sein, (1) die unteren 90% zu vereinzeln, damit sie sich nicht zu gemeinsamen Zielen organisieren; (2) ihnen den Kopf zu verdrehen, damit sie die Welt und ihre Interessen nicht mehr verstehen (per liberaler Propaganda, die man bei den entsprechenden Think Tanks mit irreführenden Namen wie „Initiative neue soziale Marktwirtschaft“ (=Sozialabbauwirtschaft) in Auftrag gibt.

      Seit Schröder dümpelt die SPD bekanntermaßen orientierungslos neoliberal vor sich hin, weil sie die Welt nicht mehr versteht und ihr die Theorie (Marx) 1989 abhanden gekommen ist – und kein Ersatz verfügbar ware.

      Stützels Marx’sche Paradoxa sollten denen da mal nachhaltigst um die Ohren geschlagen werden – und VON DA AUS dann auch die Kreislaufparadoxa („Keynes’sche Paradoxa“).

      Um die klassischen („Smith’schen“) Paradoxa, die die SPD wie alle jetzt fetischistisch anbetet, mal etwas in einen realistischen Kontext zu stellen.

      „Wir wollen nur zu denken geben ob nicht vielleicht diese von Marx aufgedeckte Spannung zwischen Freiheit aller (der Menge selbst) und Abhängigkeit aller (jeder echten Teilmenge) im Prozess der Machtkonkurrenz – denn es geht bei Marx um die geschichtliche Machtmechanik und nicht um die zu gern ins bloß Kaufmännische und sozialpolitisch zu steuernde Marktmechanik – , ob nicht doch dieses Gesetz der Machtkonkurrenz seine Gültigkeit bis zur Stunde bestätigt hat. Wiederholen sich nicht in weltweitem Rahmen unsere Konkurrenzparadoxa? “ (Paradoxa …, S. 398; er führt das dann für das Paradoxon der Rüstung aus, man könnte es auch für Waffenexporte, die Aufnahme von Flüchtlingen oder die Errichtung eines europäischen Bundesstaates – der wohl sinnvoll nur von D/FR/Benelux/DK/Skandinavien/Österreich/GB begonnen werden könnte) leicht umformulieren).

      Yo … diese Einsicht gab es bei den unteren 95% schon mal, und hat u.a. zur internationalen Organisation der Arbeiterbewegung geführt. Wieso gibt es denn eine sozialistische Internationale (auch wenn die heute die Welt nicht mehr versteht)?

      Was die 95% brauchen, ist eine NEUE POLITISCHE ÖKONOMIE, die die Marx’sche Kritik der Politischen Ökonomie ersetzen kann, ohne hinter sie zurückzufallen; die sich aber mit der Geschichte des Sozialismus und seinem Zusammenhang mit der Marx’schen Theorie und den FEHLERN und SACKGASSEN der Marx’schen Theorie auseinandergesetzt hat (und die Exit- und Krisis-Leute versuchen das auf ihre Weise, leider, ohne Kredit- und Geldsystem und deren Zusammenhang mit dem Rechtssystem wirklich zu verstehen, womit sie in den Fehlern von Marx letztlich hängenbleiben).

      Und Stützels Werk ist dafür ein UNVERZICHTBARER BAUSTEIN.

      Und auf dieser Basis müssen sie sich organisieren und politische Macht erkämpfen. Bernie Sanders macht es vor, Europa wiederholt die Verwirrung und Fehler der 30er Jahre.

      1. „Da die Gegenseite die Macht der großen Zahl nicht hat, dafür aber die Macht des Vermögens, muß deren Ziel sein, (1) die unteren 90% zu vereinzeln, damit sie sich nicht zu gemeinsamen Zielen organisieren; (2) ihnen den Kopf zu verdrehen, damit sie die Welt und ihre Interessen nicht mehr verstehen (per liberaler Propaganda, die man bei den entsprechenden Think Tanks mit irreführenden Namen wie „Initiative neue soziale Marktwirtschaft“ (=Sozialabbauwirtschaft) in Auftrag gibt.“

        Jawoll. Leider muss man das wohl so sehen. Daran ist nichts verschwörungstheoretisch. Da ist selbst Joseph Stiglitz unlängst in einem Zeit-Interview ziemlich deutlich geworden.

        Zu Stützel:Danke für die Zitate! Hier zeigt sich eine Konsistenz mit späteren Texten Stützels, bei dem es weniger um Paradoxen geht, sondern „einfach so“ um Effekte, die mit der Verelendungstheorie zu tun haben. Darauf geht Stützel 1981 in „Marktpreis und Menschenwürde“ ein.

        Stützel: „Das ist dann jene brutale Mechanik der Verelendungskonkurrenz, die so eindrucksvoll mit empirischen Belegen geschildert zu haben das Verdienst des Nationalökonomen Karl Marx gewesen ist und immer bleiben wird.“, wen er zuvor geschildert hat, was passiert, wenn die Rationalitätenfalle bewerkstelligt, wenn die Löhne unterhalb des Existenzminimums rutschen: Die Arbeitnehmer bieten an, mehr Stunden zu arbeiten.

        Und dann erinnert Stützel genauso wie in seinem früheren Werk an die daraus entstandenen Arbeitszeitgesetzen. Aber…

        „Mit der Ächtung des Kampfinstruments „Mehrangebot an Arbeitszeit“ waren aber doch die konkurrierenden Arbeiter lediglich darauf verwiesen, im Kampf darum, nicht leer ausgehen und arbeitslos werden zu müssen, eben die nächste noch zu Gebote stehende Waffe einzusetzen. Das war die direkte Unterbietung des jeweils anderen Arbeitskollegen im geforderten Geldlohnsatz. Damit gerieten die Arbeiter aber lediglich in die nächste Variante einer Rationalitätenfalle. Und mit ihnen auch die Unternehmen selbst.“

        Kurz darauf:

        „Zieht man diese Zusammenhänge — Stichwort „drohende
        Rationalitätenfallen“ — in Betracht, so kommt man zu folgender Bestimmung der Zentralfunktion von Gewerkschaften in einer Marktwirtschaft: Sie üben als ArbeitsangebotsPreiskartelle die menschlich eminent wichtige Funktion aus, den Arbeitnehmern die Möglichkeit abzuschneiden, sich gegenseitig durch Lohnunterbietung in die Rationalitätenfalle gnadenloser Verelendungskonkurrenz hineinzumanövrieren. Dabei muß festgehalten werden, daß — anders als kraft vieler unpräziser Darstellungen dieser zentralen Gewerkschaftsfunktion vielfach vermutet wird — der eigentliche Gegner und primäre Adressat des zentralen tarifvertraglichen lmperativs, nicht unter Tariflohn zu gehen, gar nicht die Unternehmer sind, sondern die jeweils übrigen Arbeitnehmer. Ihnen soll die Waffe der Lohnunterbietung nicht mehr zu Gebote stehen.“

        Ich merke an – und das habe ich unlängst erst bewusst zur Kennnis genommen -, dass Stützel in einem Kapitel zu soziale Fehlkonzeptionen auch schreibt, und damit klar seine liberale Haltung zum Ausdruck bringt:

        „Der Korrekturen bedarf die Lohnpolitik [Facharbeiter gegenüber Problemgruppen]. Dabei geht es keineswegs um die *durchschnittliche* Lohnhöhe. Betrachtungen zu diesem Punkt folgen im Abschnitt über Gewerkschaften [siehe oben]. Für den anstehenden Zusammenhang geht es ausschließlich um die Frage der Auffächerung der Lohnsätze, um deren Abstufung von Gruppe zu Gruppe, von Region zu Region“ (S.19)

        Also sehr konsequent: Partialsätze anders behandeln als Globalsätze (Durchschnittseinkommen).

        1. Hallo Rob,

          vielen Dank für Deine Ergänzungen.

          Wie Du sagst, das ist nicht „verschwörungstheoretisch“, sondern der stinknormale politische Prozess in einer Demokratie. Seit Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit zu den Grundrechten gehört, und das ist noch gar nicht so lange der Fall, bilden sich natürlich Interessengruppen und Interessenverbände, die ihre Interessen über die Beeinflussung der öffentlichen Meinung und Lobbyismus politisch durchzusetzen versuchen.

          Und „Arbeit-geber-Verbände“ und „Arbeit-nehmer-Verbände“ (schon die Begriffe, die uns zur zweiten Natur gemacht wurden, verschleiern die dahinterstehende Machtbeziehung und Entstehung und Geschichte der Lohnarbeit) sind natürlich diejenigen, die die wichtigsten großen gesellschaftlichen Interessengruppen liefern. Also braucht es Gewerkschaften unbedingt. Was dem Stützel (als Liberalem!) völlig selbstverständlich war.

          Und politische Parteien ebenfalls – und daß die Arbeiterparteien seit 1989 völlig die Orientierung und den Durchblick verloren hatten (falls sie den je hatten), und auch die Interessen ihrer Klientel gar nicht mehr vertreten, weswegen die zu den Nichtwählern oder nach rechts abwandern, ist auf ein völliges analytisches Versagen der Linksparteien zurückzuführen (worin die SPD ja Tradition hat).

          Das sind keine Verschwörungstheorien, sondern staatstragende Selbstverständlichkeiten, die nicht auf irgenwelchen marxistischen Sites, sondern auf der website der Bundeszentrale und in jedem Schulbuch für 8-Klässler nachgelesen werden können.

          Und was sind Interessenverbände anders als verschworene Gemeinschaften, die gemeinsam ihre Interessen durchzusetzen versuchen? Jeder Fußballclub der Kreisliga ist hoffentlich ein verschworenes Team, oder?

          Danke auch für die Zitate aus „Marktpreis und Menschenwürde“. Ich hatte den entsprechenden Abschnitt daraus deswegen vor längerer Zeit auch schon mal ins Netz gestellt:

          https://de.scribd.com/doc/116957395/Wolfgang-Stutzel-zur-Funktion-von-Gewerkschaften

          Ebenso den Abschnitt „Marx’sche Paradoxa“ aus Stützels „Paradoxa der Geld- und Konkurrenzwirtschaft“, aus dem ich die Stellen im Vorbeitrag zitiert hatte:

          https://de.scribd.com/doc/179572845/Wolfgang-Stutzel-Marx-sche-Paradoxa

          Stützel läßt sich eben nicht nur auf „Schulden = Guthaben“, Kreislaufparadoxa und eine angebliche „Guthabenkrise“ reduzieren, im Gegenteil.

          Stützel war in der Lage, Paradoxa GENERELL zu erfassen, und zwar UNABHÄNGIG von den üblichen Interessenpositionen: er war nämlich in der Lage, SOWOHL klassische Paradoxa (Adam Smith: private Laster führen zu öffentlicher Wohlfahrt), marx’sche Paradoxa (individuelles Streben nach Konkurrenzvorteil führt zu Schädigung aller, Individuum eingeschlossen) und keynes’sche Paradoxa (Kreislaufparadoxa: es können niemals alle positive (oder negative) Forderungs-Verbindlichkeits-Salden erreichen) zu verstehen und daraus politische Konsequenzen zu ziehen.

          Bei all dem hat Stützel sich in den 80ern für eine Wende der Wirtschaftspolitik engagiert, weil er gesehen hatte, daß die Gewerkschaften bis Ende der 60er nicht zuletzt durch die Vollbeschäftigung sehr mächtig geworden waren und – wie fast alle Menschen, die an der Macht sind, irgendwann – ihre Macht eben auch mißbraucht hatten (genauso wie heute die Vermögenden wieder ihre Macht mißbrauchen).

          In der damaligen Situation war das womöglich auch richtig. Aber ich bin mir sicher, daß Stützel in der HEUTIGEN Situation mindestens ebenso die Gewerkschaften stärken und sich für den Stop des Sozialabbaus und des Auseinanderdriftens der sozialen Schere engagieren würde, wie auch für eine Wirtschaftspolitik, die die Finanzwirtschaft reguliert, Nachfrage für die Realwirtschaft schafft, und auf Kooperation auf internationaler Ebene für eine vernünftige Organisation des internationalen Währungssystems hinwirkt.

          Was uns heute fehlt, sind Köpfe vom Schlage eine Stützel, der in der Lage war, WIDERSPRÜCHE (Paradoxa) zu erfassen und zu denken, und aus diesen Einsichten pragmatische politische Strategien für die konkrete gegenwärtige Situation abzuleiten.

          Stützel zu promoten, ist wichtig, aber die Konzentration nur auf Kreislaufparadoxa kann nur ein Anfang sein. Sparer-Bashing, das Stützel ferngelegen hätte, hilft nun überhaupt nicht weiter, solange nicht geschaut wird, WARUM es denn attraktiver ist, zu sparen; und WARUM z.B. VW längst eine Bank mehr ähnelt als einem Produktionbetrieb, wie ein Blick in die Bilanz zeigt:

          http://www.volkswagenag.com/content/vwcorp/info_center/de/publications/2015/03/Jahresabschluss_Volkswagen_AG.bin.html/binarystorageitem/file/Jahresabschluss+Volkswagen+AG+%28HGB%29_deutsch.pdf

          Auf der Aktivseite (MIttelverwendung) finden wir da:

          Sachanlagen: 7329 Mio
          Finanzanlagen: 79584 Mio

          Der Anteil der Sachanlagen (reale Produktionsmittel) liegt unter einem Zehntel!

          So sieht also die Bilanz der VW-Bank aus, die nebenher auch (noch) paar Autos produziert.

          Die Netto-Forderungsposition von VW und den Anteil von Real- und Finanzvermögen am Eigenkapital kann sich jeder selber anhand der Bilanz ausrechnen.

          Warum lohnt es sich offensichtlich nicht mehr, in reale Produktionsmittel zu investieren? Und warum sind stattdessen Finanzanlagen so viel attraktiver?

          DAS wären vielleicht auch mal Fragen, die ein Stützel heute vielleicht stellen würde, schätze ich.

        2. Hallo Rob,

          daran, daß Stützel auch 1981 zu seinen 1952 formulierten Einsichten in die Marx’schen Paradoxa steht, gleichzeitig aber damals dann eine liberale Politik befürwortet hat, weil die Gewerkschaften Ende der 60er Jahre qua Vollbeschäftigung wirklich sehr mächtig waren und schon die Rede vom „Gewerkschaftsstaat“ gang und gäbe war, zeigt sich die Größe und Unabhängigkeit seines Geistes.

          Es sind genau solche unabhängig und konsequent – und gerade NICHT ideologisch – denkenden Leute, die uns heute fehlen.

          Ich hatte deswegen deswegen den Auszug aus „Marktpreis und Menschenwürde“ (1981), in der Stützel über die Funktion der Gewerkschaften schreibt, und den entsprechenden Abschnitt aus den „Paradoxa der Geld- und Konkurrenzwirtschaft“ (1952 verfaßt), online zur Verfügung gestellt.

          https://de.scribd.com/doc/116957395/Wolfgang-Stutzel-zur-Funktion-von-Gewerkschaften

          https://de.scribd.com/doc/179572845/Wolfgang-Stutzel-Marx-sche-Paradoxa

          Die Marx-Interpretation des Liberalen Wolfgang Stützel ist weitaus treffender als die der meisten Marxisten, und die Schlüsse, die er daraus zieht, ebenfalls.

          Stützel war in der Lage, „dialektisch“ zu denken und konnte deshalb auch Smith’sche (klassische), Marx’sche und Keynes’sche (Kreislauf-)Paradoxa in sein Denken integrieren und auf dieser Basis die konkrete jeweils historisch gegenwärtige Situation zu beurteilen und politische Strategien für diese spezifische Situation zu entwickeln: eine sinnvolle und gerade NICHT ideologische Herangehensweise.

          Deswegen vermute ich, würde sich Stützel heute auch an die Gewerkschaften wenden und an ihre Verantwortung fürs gesellschaftliche Ganze appellieren, der sie nicht gerecht werden, wenn sie weiter die angebliche Alternativlosigkeit liberaler Politik akzeptieren, anstatt sich zu organisieren, international zu solidarisieren und für eine Politik im Interesse der unteren 90% zu kämpfen, wie es in den USA ein Bernie Sanders vormachen muß.

          Es sind unabhängige Köpfe wie Stützel, die uns heute so sehr fehlen.

  7. Sehr geehrter Herr Buschbeck,

    Das Faszinierende an der Marx`schen Wertheorie ist: dass sie eine Geld- und eine Arbeitszeit-Theorie gleichermaßen ist. Man braucht nur das „Schema der einfachen Reproduktion“ betrachten und sieht sofort, dass dieses Kreislaufmodell sowohl mit Geld- als auch mit Arbeitszeitgrößen funktioniert:

    Abteilung I: 2000 = 0 + 1000 + 1000
    Abteilung II: 3000 = 2000 + 500 + 500

    Ich wende mich der Geld-Betrachtung zu, zumal die Arbeitszeit-Betrachtung bekannt ist. Der Einfachheit halber setze ich die Ausgaben für Produktionsmittel in der Abteilung (I) auf Null.

    Die Produktionsmittel-Abteilung (I) schießt 1000 Geldeinheiten für Lohn und 1000 Geldeinheiten für den (auszuschüttenden) Gewinn vor. Die Konsumgüter-Abteilung (II) kauft auf Kredit der Abteilung (I) Produktionsmittel zu 2000 GE ab. Damit ist die Abteilung (I) im Gleichgewicht (Ausgaben: 2000 GE = Einnahmen: 2000 GE) bei einem Gewinn von 1000 GE.

    Der Konsumgüter-Abteilung (II), die ihrerseits Lohn (500 GE) und Gewinn (500 GE) vorschießt, fließen im Gleichgewicht somit 1500 GE Löhne und 1500 GE Gewinne zu. Dies reicht exakt um die Ausgaben für Produktionsmittel, Löhne und Gewinne zu decken (3000 GE Ausgaben = 3000 GE Einnahmen). Das System ist im Gleichgewicht, alle Waren beider Abteilungen werden abgesetzt und der Kredit getilgt.

    LG
    A.F.

    1. Wie kommt dieses paradoxe Ergebnis zustande? Meine Interpretation:

      a) Marx hat sich sehr stark auf die Bilanzkenntnisse Engels gestützt und war damit der buchhalterischen Praxis sehr nahe. Leider hat Engels, wie zur damaligen Zeit üblich, das Fremdkapital vernachlässigt. Er hat also mit der Annahme FK = Null gearbeitet. Was heisst: dass man eine Abschreibungsperiode von einem Jahr unterstellt und alle Ausgaben für Produktionsmittel am Ende der Periode zurückfließen. Damit ist das FK der Unternehmen zum Bilanzstichtag Null.

      b) Marx, hat nun folgenden Trick angewandt. Er hat zunächst die Engels`schen Geldgrößen aggregiert. Das führt zur Gleichung: Einnahmen der Unternehmen = Ausgaben für Produktionsmittel (=Abschreibung bei einer Abschreibungsperiode von 1) + Ausgaben für Löhne + Ausgaben für Gewinne. Dann hat er postuliert: Geldgrößen = Arbeitszeitgrößen, und nicht wie er selbst immer behauptet hat: Arbeitszeitgrößen = Geldgrößen.

      Kurzum: Er hat aus einer Geldtheorie eine Arbeitszeittheorie gemacht, hat aber gegenüber der ganzen Welt das Gegenteil behauptet. Er hat so getan als ergeben sich aus den Arbeiszeitgrößen die Geldgrößen, was natürlich Schnaps ist. Aber er wollte es so, weil die Arbeit für ihn das Um und Auf des materiellen Denkens war. Er hat also, mit einem Wort, die ganze Welt hinter`s Licht geführt. Sein Denkansatz war nicht: Arbeitszeitgrößen = Geldgrößen, sondern umgekehrt: Geldgrößen = Arbeitszeitgrößen.

      PS: Für die Marx`sche Theorie ergibt sich daraus eine wesentliche Konsequenz. Sie ist eine Gleichgewichtstheorie, d.h. die Verschuldung (FK) ist am Ende der Periode immer Null. Geld wird geschaffen und am Ende der Periode vernichtet. Für diesen Gleichgewichtsfall hat Marx dann das Gesetz der tendenziell fallenden Profitrate ermittelt, womit eo ipso ausgeschlossen ist, dass er dies Gesetz mit wachsenden Abschreibungen begründet hat. Vielmehr ergibt sich aus der Verschiebung der Ausgaben zugunsten der Produktinsmittel und zuungsten der Löhne (steigende „organische Zusammensetzung“) ein Abfall der Profitrate exakt dann, wenn das Gewinn-Lohnsummen-Verhältnis („Mehrwertrate“) konstant bleibt. Nur wie die Praxis lehrt: ist ein konstantes Gewinn-Lohnsummenverhältnis sehr unwahrscheinlich…..

      LG
      A.F

  8. Von meinem Standpunkt gesehen ist es klar: Marx sollte ja den Kapitalismus nicht wirklich kritisieren, sondern die Arbeiter und Studenten mit der Wertformanalyse beschäftigen. Also hat er sich dafür einen Ansatz gewählt, bei dem jedem Menschen mit Verstand sofort klar war, dass die Kritik (des Mehrwerts an sich) unsinnig ist.

    „Mehrwert/Gewinne aus stark vermachteten Strukturen“ zu kritisieren und nach Gegenmaßnahmen zu sinnen, wäre ja richtig und politisch klug gewesen und hätte auch die Unterstützung verständiger Kreise der Gesellschaft gefunden. Die Akkumulation von Kapital aus dem „Mehrwert“ an sich zum Gegenstand der Kritik der Arbeiterbewegung zu machen, war das Dümmste, was einem zur Kritik am Kapitalismus einfallen konnte, darum hat Marx genau dieses Thema gewählt.

    1. Hallo Wolfgang,

      auch wenn sich hier evtl. auch neue Indizien für Deine „Verschwörungstheorie“ 🙂 auftun, hoffe ich hier auch noch auf andere Erklärungsmuster.

      Der Erkenntnis-Nutzen der Arbeitswerttheorie erschließt sich mir aber auch nicht. Wenn man den Mehrwert kritisieren will, kann man dies auch als Teil des Marktpreises tun. Eventuell musste es ja auch alles so langatmig sein, um für triviale Dinge ausreichend Wissenschaftlichkeit dazustellen. Dies hat man doch heute auch noch so.

      Ich kenne ja auch nur aus meiner Schulzeit den DDR-Marxismus. Ob dies wirklich alles auf Ihn zurückgeht bin ich mir gar nicht sicher. Offensichtlich hat er aber Marktversagen und Krisen des Kapitalismus ganz gut beschrieben.

      lG, Jörg

    2. Lieber Wolfgang Waldner,

      ich finde sehr schade, daß ein so kompetenter Kopf wie Sie zu solchen Verschwörungstheorien neigen muß.

      Ich denke eher, statt Marx eine so unwahrscheinliche Intention zu unterstellen, die zu fast allem, was er geschrieben hat, querliegt, wäre es angebracht, Marx nicht zu überschätzen (auch nicht als „Verschwörer“): Marx konnte dem Denken seiner Zeit – der klassischen Politischen Ökonomie und ihrer Werttheorie – nicht entkommen, und mit diesem in Kombination mit dem materialistischen Basis-Überbau-Theorem geriet er einfach in ein Theorieschema, das ihm den Zugang zum Kern des Kapitalismus: Vertragsrecht, Kredit und abzügliche iner Risikoprämie (Diskont) übertragbare Nominalforderungen – systematisch verbaut hat.

      Deshalb konnte er sein Hauptwerk, das „Kapital“, auch nie wie geplant fertigstellen, er bekam Staat und Recht – eigentlich die Basis des ganzen, von ihm aber erst ganz am Schluß des „Kapital“ als „Überbau“ und „Anhängsel“ der Produktionssphäre eingeplant – in seiner Theorie nie mehr schlüssig unter.

      Wie auch bei der Neoklassik ist der KERN der ökonomischen Theorie: die Werttheorie – auch bei Marx und der Klassik völlig realitätsfremd, d.h. hat mit den praktischen Bewertungsakten realer Kaufleute nicht das geringste zu tun, was übrigens Johnathan Nitzan und Shimshon Bichler hervorragend dokumentiert und gezeigt haben:

      http://bnarchives.yorku.ca/259/

      Da dürften wir uns einig sein. Daß Sie Marx irgendwelche finsteren und Intentionen unterstellen wollen, die mit einem Großteil seiner Texte m.E. auch nicht in Einklang zu bringen sind, wundert mich dagegen eher.

      Wenn Sie sagen, man merkt bei Marx gleich am ersten Kapitel des „Kapital“, daß das mit diesem Ausgangspunkt nichts werden kann, weil Sie bereits vom Rechts- und Kreditsystem her denken, dann kann ich das dagegen sofort nachvollziehen.

      Im Vergleich zu Keynes und Stützel halte ich bei Marx aber für wichtig, daß er über den systematischen Kulturvergleich immer betont hat, daß „Kapitalismus“ eine historisch spezifische Form sozialer Beziehungen darstellt: nämlich eine, in der sich formal (vor dem Recht, nie konkret-real) „freie und gleiche“ Eigentümer begegnen, um Verträge zu schließen: der Kern der abendländischen Zivilisation und Basis ihres Rechtssystems, inclusive bürgerlich-demokratischer Verfassungen, und die wichtigste Form der Teilung des staatlichen Gewaltmonopols (Denzentralisierung von Entscheidungsmacht).

      1. Lieber Wolfgang Theil,

        das Buch über Marx habe ich ja nach umfangreicher Recherche geschrieben und kenne bis heute keinen Grund, mein Urteil in Zweifel zu ziehen. Vermutlich ist die Hoffnung auf einen Arbeiterbewegungsmarxismus bei Dir wie vielen anderen noch sehr lebendig, das könnte ich ja verstehen. Marxisten machen an Universitäten noch heute tolle Karrieren, werden sogar in den Medien gefeiert und diskutiert.

        Das ist eine schöne Form der Systemkritik, bei der jemand das System bekämpfen und gleichzeitig von ihm akzeptiert und bestens versorgt sein kann. Das Symposium an der Uni als Dozent oder gar Professor statt Gosse und Kerker.

        Nur gibt es halt den Arbeiterbewegungsmarxismus nur als gesteuerte Opposition. Der Robert Kurz mit seiner Kritik an der verkürzten Kapitalismuskritik durfte keinen Gedanken an die geldpolitische Verursachung der Krisen verlieren; dass er zu dumm gewesen wäre, den monetären Zusammenhang zu verstehen, denke ich nicht, der ist ja ganz einfach und es kostet höchstens ein Stündchen:

        http://www.wolfgang-waldner.com/

        Aber damit wird jeder gesellschaftlich exkludiert und darf nicht mehr an einer Uni die Wertform analysieren, um die Unvermeidbarkeit der Krisen des Kapitalismus zu beweisen.

        Den doppelt freien Arbeiter bei Marx empfand ich immer als Hohn. Auch die neoliberale Reformpolitik hat den größten Wert darauf gelegt, dass ihre Opfer noch in den Jobcentern ihre Unterschrift unter die Liste der Schikanen leisten müssen, als hätten sie dem freiwillig zugestimmt.

        Es begegnen sich auch vor dem Recht nie freie und gleiche Eigentümer, sondern die Erpressten müssen sich diesen Schabernak antun lassen, wie sie auch zu beteuern haben, dass ihnen die Arbeit größten Spaß mache und ihrem Leben erst einen Sinn gebe, wenn sie den Job nicht auf der Stelle verlieren wollen.

        Karl Marx hat sicher immer höhnisch gelacht, wenn er es mal wieder vom doppelt freien Arbeiter hatte.

        1. Lieber Wolfgang Waldner,

          daß Wertformanalyse Zeitverschwendung ist und man stattdessen lieber mal einen Blick ins Schuldrecht und die VSM werfen sollte, sehe ich genauso.

          Ich hatte nur auf Stützels „Marx’sche Paradoxa“ hingewiesen, die jeden Marxisten blaß aussehen lassen. Was mich halt wundert, ist, daß diejenigen, die Stützel so hochhalten, damit weder etwas anfangen können/wollen noch es überhaupt zur Kenntnis nehmen. Stützel redet von der notwendigen Funktion der Gewerkschaften und analysiert die Konkurrenzparadoxa, denen auch diese natürlich ausgesetzt sind.

          Stattdessen wird hier Friedmans Grundeinkommen in Stützelgewand neu aufgekocht und den deutschen Gewerkschaften „kognitive Hortinanzen“ angedichtet, wo doch mit Stützel eigentlich klar sein könnte: die deutschen Gewerkschaften verschaffen sich und ihrer Klientel per Lohnzurückhaltung Vorteile gegenüber ihren europäischen Kollegen, indem sie beggar thy neighbor-export von Arbeitslosigkeit ermöglichen; stattdessen müßten sie gemeinsam vorgehen und offensiv eine expansive Strategie (New Deal) und Rückkehr zur Vollbeschäftigungspolitik (mag. 4-eck) betreiben.

          Umgekehrt, wenn sich Lohnabhängige oder ihre nationalen Verbände gegeneinander ausspielen lassen, lassen sie sich bereitwillig das Fell über die Ohren ziehen.

          Stützel analysiert doch genau dieses Paradoxa glasklar (Paradoxa …, S. 375-398) und würdigt Marx dafür, diese treffend beschrieben zu haben. Was haben denn heutige Stützelianer dazu zu sagen?

          Stützel sieht glasklar:

          „Freilich schützt dieses Angebotskartell (der Gewerkschaften mit ausgehandeltem Flächentarif, WT) der Arbeitnehmer automatisch auch die Unternehmer davor, ihrerseits in den Teufelskreis einer auch für sie unangenehmen Rationalitätenfalle zu geraten. Das gewerkschaftliche Angebotspreiskartell befreit die Unternehmer von dem Marktzwang, ihrerseits in ihrem Konkurrenzkamp gegeneinander zur Waffe eines unmenschlich harten Drucks auf die Stundenlohnsätze greifen zu müssen. Hätten ja auch nur einige Unternehmer Zugang zu dieser Waffe, so müßten die anderen, um zu überlegen, zur selben Waffe greifen. Genau das aber bleibt ihnen dank des gewerkschaftlichen Arbeitsangebots-Preiskartells erspart.“ (Marktpreis+Menschenwürde, 80)

          Er sieht auch, daß

          „… der eigentliche Gegner und primäre Adressat des zentralen tarifvertraglichen Imperativs, nicht unter Tariflohn zu gehen, gar nicht die Unternehmer sind, sondern die jeweils übrigen Arbeitnehmer. Ihnen soll die Waffe der Lohnunterbietung nicht mehr zu Gebote stehen.“

          Insofern müßten die Internationalen Gewerkschaftsorganisationen die deutschen Gewerkschaften mal gehörig dafür rüffeln, das deutsche beggar thy neighbor zu ermöglichen.

          Stützel weiter:

          „Unter diesen Aspekten gesehen, ist das, was hier als zentrale Funktion von Gewerkschaften erscheint, z.T. gar nicht dem Bereich des Antagonistischen, des Kampfes zweier Klassen gegeneinander zuzuordnen, sondern dem Bereich jener Gebilde, die nach Art von Friednesordnungen oder Abrüstungsverhandlungen oder irgendwelchen Spezialvereinbarungen zu Beschränkung des zulässigen Waffengebrachts, letztlich beiden betroffenen Parteien im Prinzip zum Vorteil gereichen.“ (ebd.)

          Das schreibt der Liberale Stützel 1981 – und im selben Buch folgt dann seine sehr realistische Kritik des damaligen VERHALTENS der Gewerkschaften, das er von der oben auszugsweise skizzierten Analyse klar trennt.

          Hinzu kommt noch, daß die Lockerung der Flächentarife („Flexibilisierung und Deregulierung der Arbeitsmärkte“) Unternehmer nicht nur dazu zwingt, eben auch darum zu konkurrieren, wer die niedrigsten Löhne zahlt, wie Stützel glasklar sieht. Sondern den Unternehmern damit auch den Stachel zur Rationalisierung wegnimmt und damit den Innovationsprozess bremst. Wer nämlich seinen Gewinn nicht durch Lohnsenkung maximieren kann, weil alle dieselben Löhne zahlen müssen, der kann die Summe der auszuzahlenden Lohngelder nur dadurch verringern, daß er Arbeitskräfte einspart – durch arbeitssparende Organisation der Produktion qua Innovation.

          Wo sind all diese Einsichten bei den Neostützelianern? Die faseln sich „kognitiven Hortinanzen“ der Gewerkschaften zusammen und schreien nach Grundeinkommen, schrankenlose Lohnkonkurrenz dagegen ist ihnen egal und gar kein Thema.

          Stützel würde sich im Grab herumdrehen.

          Ich kann nur immer wieder ungläubig staunen über die heutigen „Stützelianer“ und die Sackgassen, in denen sie sich vergraben, und lerne deswegen weiterhin lieber direkt von Stützel selbst.

          1. >>>„Freilich schützt dieses Angebotskartell (der Gewerkschaften mit ausgehandeltem Flächentarif, WT) der Arbeitnehmer automatisch auch die Unternehmer davor, ihrerseits in den Teufelskreis einer auch für sie unangenehmen Rationalitätenfalle zu geraten. Das gewerkschaftliche Angebotspreiskartell befreit die Unternehmer von dem Marktzwang, ihrerseits in ihrem Konkurrenzkamp gegeneinander zur Waffe eines unmenschlich harten Drucks auf die Stundenlohnsätze greifen zu müssen. Hätten ja auch nur einige Unternehmer Zugang zu dieser Waffe, so müßten die anderen, um zu überlegen, zur selben Waffe greifen. Genau das aber bleibt ihnen dank des gewerkschaftlichen Arbeitsangebots-Preiskartells erspart.“ (Marktpreis+Menschenwürde, 80)

            >>>Ich kann nur immer wieder ungläubig staunen über die heutigen „Stützelianer“ und die Sackgassen, in denen sie sich vergraben, und lerne deswegen weiterhin lieber direkt von Stützel selbst.

            Du rabulierst – diese Zusammenhänge sind doch hier völlig unbestritten, trivial und logisch. Wir sind doch aber nur wegen der Exportüberschüsse für die Horter selbst bei Tarifbindung davon abgegangen, die Löhne nach der goldenen Regel zu erhöhen. Insofern ist doch der der Verkürzer – der Ursache und Wirkung durcheinander wirft. Ich bin an der Ursache – der fehlenden Guthabenbremse (übrigens für Unternehmer wie Nichtunternehmer gleichermaßen) – dran. Du postulierst zu Nebenkriegsschauplätzen, die vom eigentlichen Thema ablenken und in fehlenden Handlungsoptionen enden.

          2. Lieber Wolfgang Theil,

            Jörg hat für mich bereits richtig auf Deine Kritik an den Stützelianern geantwortet. Ich möchte noch ergänzen, dass Du hier zu Unrecht den Gewerkschaften unterstellst, sie würden das Dumping der Löhne, Renten und Sozialleistungen in Deutschland gar noch im Interesse der deutschen Hungerlöhner, Erwerbslosen und Armutsrentner betreiben.

            Die Gewerkschaften handeln da im Auftrag des globalen Neoliberalismus und zum Schaden der deutschen Arbeiter, die auf „Arbeit, Arbeit, Arbeit“ ohne angemessenen Lohn gerne verzichten können.

            Wir vergraben uns nicht in Sackgassen, sondern lassen uns nicht darauf ein, mit großem Aufwand absolut triviale „Einsichten“ zum Nutzen von Flächentarifverträgen zu debattieren. Auch die Kritik von Flassbeck an den Lohnabschlüssen ist zwar richtig, bringt aber sonst keine großen Erkenntnisse zu wichtigen Zusammenhängen der Makroökonomie.

            Hatte dem Heiner Flassbeck einen Artikel zur monetären Produktionsfunktion nach Keynes angeboten, der leider abgelehnt wurde. Er will vermutlich auch in seinem neuen Makroskop nicht allzu grundsätzlich werden.
            http://www.wolfgang-waldner.com/

            Keine Einwände dagegen, dass verschiedene Leute sich eigene Schwerpunkte suchen, aber den Karl Marx wieder groß ins Spiel zu bringen, weil der da mal von Stützel thematisiert wurde, halte ich doch eher für schädlich. Dass Arbeiter sich nicht bei ihren Löhnen gegeneinander ausspielen lassen sollen, ist doch wirklich keine große Erkenntnis, für die man heute noch Stützel oder gar Marx als geniale Denker und Entdecker der Paradoxa der Tarifpolitik feiern müsste.

            1. Das Anliegen Marxen`s war doch nicht „Lösungen“ für den Kapitalismus zu entwickeln. Sein Anliegen war einen gesellschaftlichen Evolutionsprozeß nachzuzeichnen, der von niederen zu höheren Stufen aufsteigt. Nicht umsonst war Darwin sein großes Vorbild.

              PS. Niemals wäre es Marx in den Sinn gekommen, von nominalen Lohnerhöhungen auf reale Lohnerhöhungen zu schliessen. Im Gegenteil: Er hielt dies für unmöglich. Manchmal graust einem nur mehr, was die Nachwelt aus Marx gemacht hat: Eine Christenseele.-)

              1. Wie kann jemand im Auftrag des „globalen Neoliberalismus“ handeln? Was soll diese Aussage? Die Menschen haben ein gewisses Set an Spielregeln entwickelt (Privateigentum, persönliche Freiheit, etc.), an die sich jeder Einzelne hält. Und dies führt zu einem unkalkulierbarem Gesamtergebnis. Einen Auftrag, welcher Art auch immer, gibt`s hier nicht…..

                1. Es gibt den globalen Neoliberalismus als reale Organisation, womit man sich erst befasst haben muss, um alles weitere verstehen zu können. Politiker handeln im Auftrag und Interesse dieses globalen Neoliberalismus. Ja, das ist so.

                  1. Erstens, ist der Begriff „Neoliberlalismus“ ein äußerst fragwürdiger, weil er nur von den Gegnern, also propagandistisch, verwendet wird. Der letzte Liberale, der den Begriff selbst in den Mund nahm, war L.v.Mises in den 30er-Jahren. Zweitens kenne ich keine politischen Organisationen, auch keien Regierungen, die sich diesem ohnehin nicht vorhandenem Ziel verschrieben hätten. Was wir stattdessen und tatsächlich erleben, ist die post-sozialistische Ära des Kapitalismus, wo infolge weltweiter Konkurrenz Arbeitszeitverkürzung als Promlösungsmodus verschwunden ist. Damit gerät das Arbeitszeitsystem des Kapitalismus in Schieflage: Die Zahl der „Spaziergänger“ (=Reservearme, die gar keine Reserve mehr ist) explodiert…..

              2. Da haben Sie schon Recht, Herr Felsberger, dass Marx keine Lösungen aufzeigen wollte, was seine Aufgabe als echter Revolutionär gewesen wäre. Statt dessen wollte er die herrschenden Verhältnisse als notwendigen Schritt in der Entwicklung der Menschheit verklären. Die Revolution würde dann auch irgendwann kommen, aber eben erst, wenn es dafür so weit wäre. So hat der Marxismus den Kapitalismus „wissenschaftlich“ verteidigt, was die Leser aber leider nicht sehen wollen.

                1. Richtig, Herr Keynesianer: Marx war ein großer Bewunderer des Kapitalismus. Legendär sein Satz: „Dass die Bourgeoisie die Menschen aus dem Idiotismus des Landlebens entrissen hat.“ Es ist daher völlig absurd und überflüssig Marx als „Reformer“ zu bemühen. Jeder, der das tut, belügt sich nur selbst….

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