Die Rationalitätenfalle als gesellschaftswissenschaftliches Paradigma?


Die Interessen des Einzelnen stehen mit den Interessen der Gesamtheit, insbesondere derer nach uns, regelmäßig im Widerspruch. Diese von Wolfgang Stützel Rationalitätenfalle getaufte Paradoxie ist das Grundproblem jeder Gesellschaft. Aber sie ist auch das oft unbewusste Problem derer, die sich in Wissenschaft, Politik oder als Wähler mit der Gestaltung von Gesellschaft befassen. Die Bewusstmachung der Rationalitätenfalle stellt deshalb auch alles in Frage, u.a. die Art wie wir Gesellschaftswissenschaft, Politik und Demokratie machen. Aber wie soll sich Gesellschaftswissenschaft dem Paradigma der  Rationalitätenfalle stellen, wenn sie es doch gerade wegen Rationalitätenfallen nicht macht?  Zumal sich Rationalitätenfallen beim Menschen regelmäßig auch durch Ausblendung (Schatten) gar nicht in das Bewusstsein bringen lassen. Es ist völlig menschlich, unterbewusst einfach keine Dinge zu sehen oder zu verstehen, die beim Sehen oder Verstehen grundlegende eigene Interessen negativ tangieren. Kombiniert man jetzt den menschlichen Schatten mit der menschlichen Rationalitätenfalle, kommt man zum Paradigma der Resignation?

10 Kommentare zu „Die Rationalitätenfalle als gesellschaftswissenschaftliches Paradigma?“

  1. Solange 95% der „Bürger“ (akademische Sozialwissenschaftler eingeschlossen) Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen Einzahlungen/Auszahlungen und Einnahmen/Ausgaben oder Besitz und Eigentum nicht verstehen, weil sie halt noch nie was davon gehört haben oder diese Unterscheidungen praktisch gebraucht haben (weil sie eben abhängig beschäftigt und damit qua allgemeiner Erklärung der Menschenrechte „fake bourgeois“ sind), solange ist die „super Aktion“, denen einen Schatten unterstellen zu wollen, in etwa so, wie wenn ein Meisterpianist seinem Anfängerschüler in der ersten Stunde unterstellen würde, er sei nicht mehr ganz dicht, weil er es nicht hinbekommt, auf dem Klavier „Hänschen klein“ beidhändig in Sexten runterzuklimpern.

    Statt hier andern einen Schatten zu unterstellen, könnte man einfach die Aufklärungsarbeit mal so beginnen, wie es Klavierschüler in der ersten Stunde eben brauchen: mit Basics. Erstmal die Schwarzweißmuster der Klaviatur erklären, bevor man mit Bach, Beethoven oder Theloneous Monk daherkommt …

    Wie es so schön heißt in einem Rechtslehrbuch:

    „Im Leben spricht man vielfach von Verfügungen über eine Sache; man spricht z.B. von der Übertragung eines Grundstücks, wenn man die Bestellung eines aus dem Eigentum abgeleiteten beschränkten dinglichen Rechts, eine Beschränkung des Eigentums also, meint. Auch das Gesetz bedient sich mitunter dieses Sprachgebrauchs. So spricht es in den §§ 883 Abs. 2, 1821 Abs. 1 Nr. 1 [BGB] von Verfügungen über ein Grundstück. Dieser unscharfe Sprachgebrauch darf indessen nicht irreführen. Mit der Verfügung über eine Sache ist die Verfügung über das Eigentum an dieser Sache gemeint. Da das Eigentum als das ‚Vollrecht’ an der Sache dem Eigentümer die Summe der Nutzungs- und Verwertungsbefugnisse, die ihren wirtschaftlichen Wert ausmachen, zuordnet, so wird das Eigentum mit der Sache selbst vielfach identifiziert. Eine Sache zu ,haben’ und sie rechtens für dauernd, d.h. als Eigentümer, zu haben, erscheint einer nicht differenzierenden Betrachtung als gleichbedeutend. Der Jurist muß indessen beides auseinanderhalten.” (Karl LARENZ : Allgemeiner Teil des deutschen Bürgerlichen Rechts. München: C.H. Beck 1989. S. 299)

    „I. Das Vermögen
    1. Das Vermögen ist eine Summe, eine Zusammenfassung von Rechten und Rechtsverhältnissen, und zwar im Hinblick auf eine bestimmte Person, der sie zustehen. Auch hier begegnet uns wieder die Gleichsetzung der Sache mit dem Eigentum an der Sache; so, wenn in einer Vermögensaufstellung nacheinander angeführt werden: Grundstücke, bewegliche Sachen, Forderungen und andere Vermögensrechte. Rechtlich gesehen sind Sachen, als Rechtsgegenstände erster Ordnung, nicht mit Rechten als Rechtsgegenstände zweiter Ordnung auf den gleichen Nenner zu bringen. Es müßte daher heißen: Eigentumsrechte an Grundstücken, Eigentumsrechte an beweglichen Sachen, Forderungen und sonstige Rechte. Mit Recht sagt v. Tuhr: „Keine unmittelbaren Bestandteile des Vermögens sind die Objekte der zum Vermögen gehörenden Rechte; das Vermögen besteht aus dem Eigentum an den Sachen, die dem Berechtigten gehören, nicht aus den Sachen selbst, aus den Forderungen, nicht aus den Leistungsgegenständen, die vermöge der Forderung verlangt werden können.“ (ebd., S. 306f.)

    „Die Betriebswirtschaftslehre hat zur Bezeichnung der vom betrieblichen Rechnungswesen erfaßten Zahlungs- und Leistungsvorgänge eine eigene Terminologie entwickelt. Sie benutzt vier Begriffspaare, die auch im täglichen Sprachgebrauch Anwendung finden, dort aber nicht die scharfe begriffliche Trennung erfahren wie in der Betriebswirtschaftslehre, sondern teilweise synonym verwendet werden. Es handelt sich um folgende Begriffspaare:
    (1) Einzahlungen – Auszahlungen
    (2) Einnahmen – Ausgaben
    (3) Ertrag – Aufwand
    (4) Leistung – Losten.“ (Günter Wöhe: Einführung in die Allgemeine Betriebswirtschaftslehre. München: Franz Vahlen 1993, S. 1006)

    Bevor jemand solche Basics nicht kapiert hat, braucht man mit Saldenmechanik gar nicht erst anzufangen – das wird dann so wenig wie wenn der Klavierschüler in der ersten Stunde Beethovensinfonien runterklimpern soll. Er gibt auf und kommt nie wieder. Weil in dem Fall nämlich evenetuell eher der Klavierlehrer einen „Schatten“ hatte …

    1. >>>solange ist die „super Aktion“, denen einen Schatten unterstellen zu wollen, in etwa so, wie wenn ein Meisterpianist seinem Anfängerschüler in der ersten Stunde unterstellen würde, er sei nicht mehr ganz dicht,

      Klar, DIE (incl. der Tausenden von Stützel direkt Belehrten) warten seit Jahrzehnten alle auf einen Schlagzeuglehrer aus dem Westen und einen gelernten Elektromonteur aus der Ost-Zone, die ganzen Dummis. Die haben keinen Schatten, der Ost-Elektriker mit vertieften Plus und Minus-Kenntnissen war nur nicht früher verfügbar. 🙂 Und der West-Schlagzeuglehrer brauchte ja auch noch einige Zeit zur Verfeinerung der trivial-arithmetischen Zusammenhänge.

      Jetzt wird es werden, nix Schatten, die Kombination aus Schlagzeug und Elektrik ist der Stromschlag 🙂 Die Welt ist irre und Stromschläge für Irre altbewährt.

      1. Ach was, die warten auf ganz andere Sachen, unter anderem, daß das Paradies wieder ausbricht und so (DIE story is echt ’n Dauerbrenner). Dafür bin ich aber nicht zuständig (und in der Lage schon mal gleich gar nicht). Die Welt ist, wie sie ist, und du und ich, wir machen halt, was wir machen. Na und? Such is life. Ich bin ned der große Welt-Aufklärer. Ich kläre in erster Linie mal meine eigene Sichtweise bissle auf (hoffentlich). Und dann wieder ab 😉

  2. Die Frage wäre hier: wie haben Menschen historisch solche Rationalitätenfallen bereits einmal (erst gedanklich, dann praktisch) überwunden, und was läßt sich daraus lernen? Stützel gibt Beispiele in Abschnitt „Marx’sche Paradoxa“ (englische Fabrikgesetze, d.h. prinzipiell: Arbeitsrecht, das die Vertragsfreiheit eben einschränken muß). Es lassen sich viele andere Lösungen finden, wie antizyklische Wirtschaftspolitik, die Formierung von Staaten, die Formierung von Bundesstaaten aus Staatenbünden, die Formierung internationaler Institutionen (nach WK II). Immer waren dies Antworten auf Krisen, die aber keine Dauerlösung geboten haben.

    Das ist für die meisten am schwierigsten zu akzeptieren: das Leben besteht aus Paradoxien und ihrer temporären Überwindung, was dann zu neuen Paradoxien führt, PatENDlösungen gibt es nicht. Dialektik pur. Wer das begriffen hat, braucht weder Utopist noch verzweifelter Pessimist zu sein, sondern kann sich nüchtern und gelassen den jeweils eben jetzt gerade anstehenden Aufgaben zuwenden.

    1. Was es hier braucht, ist

      “ … the realisation that complexity can be approached only through mastering paradoxes; articulating the unspoken and visualising the invisible; finding patterns in the amorphous and formalising the informal; finding similarities in differences and differences in similarities; comparing the incomparable and doing the undoable.“. (Alena Ledeneva, deren global informality project auf diesen lange gewachsenen Einsichten aufbaut).

      Zu denjenigen, die das verstanden haben und daher keine PatENDlösungen bieten, zählen beispielsweise Wolfgang Stützel, Karl Marx (der alte, nicht der junge Utopist), J.M. Keynes, Stephan Schulmeister, Katharina Pistor, Geoff Hodgson, Heraklit u.v.a.m.

      1. Oder auch LaoTse … das alte Zen-Koan, „Du kennst das Geräusch des Händeklatschens … wie klingt EINE klatschende Hand?“ kennste ja. Ein Novize hatte dem Mönch auf diese Frage volle Kanne eine Watschn verpaßt. Worauf der in schallendes Gelächter ausbrach und dem Novizen eine 1+ verpaßte. +1

        Vertieft sich die Krise, näheren sich Lösungen … der Schatten wird umso dunkler, je heller die Sonne scheint.

    2. „Wie haben Menschen historisch solche Rationalitätenfallen bereits einmal (erst gedanklich, dann praktisch) überwunden, und was läßt sich daraus lernen?“
      Wenn ich das richtig verstehe, ist ein verwandter (nahezu identischer?) Begriff für Rationalitätenfalle das „Allmendeproblem“. Neudeutsch wird Allmende jetzt ja sehr mit dem Begriff „Commons“ in Verbindung gebracht oder es wird der Prozess, das „Commoning“ angesprochen. Die Feinheiten der Begriffe bzw. Definitionen entziehen sich allerdings meiner Kenntnis, denn ich stecke da nicht so tief drin. Auf diesem Feld hat die erste und bislang einzige Trägerin des Alfred-Nobel-Gedächtnispreises für Wirtschaftswissenschaften, Elinor Ostrom, ihr Leben lang geforscht. Ich greife die Formulierung aus Wikipedia auf: Sie hat gezeigt, „wie gemeinschaftliches Eigentum von Nutzerorganisationen erfolgreich verwaltet werden kann“. Der Wikipedia-Artikel erscheint mir als erste Übersicht hilfreich. Die essenziellen Kernaussagen ihrer Forschung dürften dort wiedergegeben sein. Ich habe von Ostrom leider noch keinen Originaltext gelesen, aber das Buch von Silke Helfrich (Hrsg.): Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter (PDF; 387 kB). Oekom Verlag, München 2011. ISBN 978-3-86581-251-3. Silke ist so weit ich weiß im deutschen Sprachraum sehr engagiert und fundiert mit diesem Thema unterwegs.
      Laut Ostrom gibt es Faktoren und Konstellationen, die einen Erfolg bei der gemeinschaftlichen Nutzung von Eigentum begünstigen, aber leider existiert keine einfache allgemeingültige Regel dafür…
      Viele Grüße,
      Holger Kreft („Lernort Wuppertal“)

      Übrigens: Ich freue mich, dass ich über Facebook von diesem Blog und den tollen Beiträgen darauf Kenntnis bekommen habe!

  3. Herr Widerborstig: Die, zugegeben spärlichen, Erfahrungen, die ich mit Ökonomieprofessoren gemacht habe, sind einfach nur erschreckend. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die existenzielle Lage, in der diese Leute stecken (sprich: Sie haben Auftraggeber, sie arbeiten für private, halböffentliche oder öffentliche Institute, usw.) ihr Denken vernebelt, nicht aus Bosheit, wie es Marx noch unterstellte, auch nicht aus einem allgemeinen „Klassenmotiv“, sondern aus einem Instinkt heraus, nämlich: seinem Auftraggeber nicht zu verletzten. Das sind keine „bösen“ Menschen, auch keine „dummen“, sondern einfach: „abhängige“ Menschen, und jede Art von Abhängigkeit verquert das Denken. Ich hab` da so viele negative Erfahrungen auch in meinem Bekanntenkreis gemacht, dass ich nur den Schluß ziehen kann: Redlichkeit und „scharfes Denken“ setzt Unabhängigkeit voraus. Nur die „Freien“ können leisten, was anderen ein Leben lang versagt bleibt…..

  4. Heute – bzw. gestern – gab es den „March for science“ für faktenbasierte Entscheidungsfindung, gegen „Fake News“ und „alternative Fakten“. Leider ist das „Selbst-Denken“ in der veröffentlichten Meinung und in vielen anderen Teilen der Gesellschaft völlig aus der Mode gekommen. Sonst wäre es nicht möglich, dass völlig unhinterfragt – gerade in der politischen Ökonomie – aus überkommenen Begriffen (von denen niemand erklärt, was sie eigentlich genau bedeuten oder wie sie begründet werden) ganze Lehr- und Leergebäude errichtet werden.

    Diese Gebäude zeigen klaftergroße Risse, das Fundament besteht aus Treibsand, die Anwendungen der Regeln führen weltweit zu völlig indiskutalen sozialen Verhältnissen und dennoch gilt das freie Spiel der Marktkräfte als das einzig akzeptierte Regulativ – Egal ob einzelne Menschen, einzelne Unternehmen oder Städte, Gemeinden, Landkreise, Bundesländer oder Staaten sich als Wirtschaftssubbjekte betätigen.

    Wieso fällt es auch den Teilnehmer_innen des „March for science“ – zum Beispiel in Deutschland – nicht ein, die Positionen einer Frau Merkel oder eines Herrn Schäuble anhand wissenschaftlicher Kriterien einer kritischen Würdigung zu unterziehen?

    Karl Marx schrieb im Vorwort zur ersten Auflage seines Werkes „Das Kapital – zur Kritik der politischen Ökonomie“ diese bemerkenswerten Sätze: “ Ich unterstelle natürlich Leser, die etwas Neues lernen, also auch selbst denken wollen…….Auf dem Gebiete der politischen Ökonomie begegnet die freie wissenschaftliche Forschung nicht nur demselben Feinde wie auf allen anderen Gebieten. Die eigentümliche Natur des Stoffes, den sie behandelt, ruft wider sie die heftigsten, kleinlichsten und gehässigsten Leidenschaften der menschlichen Brust, die Furien des Privatinteresses, auf den Kampfplatz. Die englische Hochkirche z.B. verzeiht eher den Angriff auf 38 von ihren 39 Glaubensartikeln als auf 1/39 ihres Geldeinkommens. Heutzutage ist der Atheismus selbst eine culpa levis , verglichen mit der Kritik überlieferter Eigentumsverhältnisse. ….. … Jedes Urteil wissenschaftlicher Kritik ist mir willkommen. Gegenüber den Vorurteilen der sog. öffentlichen Meinung, der ich nie Konzessionen gemacht habe, gilt mir nach wie vor der Wahlspruch des großen Florentiners: Segui il tuo corso, e lascia dir le genti!

    Ich habe das Gefühl, dass sich in den letzten 150 Jahren in bezug auf Selbstreflexion und Selbstkritik – auch oder gerade unter Gesellschaftswissenschaftlern (Ausnahmen wie Peter Janich bestätigen die Regel) – nicht viel verändert hat. Und wenn die Abhängigkeit der Wissenschaft von der Einwerbung möglichst hoher Drittmittel weiter zunimmt, woher soll Unabhängigkeit und Selbstreflexion Kommen?

    Ich sehe schwarz. Vielleicht gibt es ja noch Hoffnung: „Thomas Bernhard hätte geschossen“ heißt ein Programm von Georg Schramm. Schramm hat nicht geschossen. Ich werde auch nicht schießen. Aber vielleicht auf dem Marktplatz in Marburg ein paar süße Küken oder Karnickelbabies verbrennen. Vielleicht hilft das ja.

    1. Lieber widerborstig, ich danke für das Marx-Zitat, das war mir ganz entgangen. Marx wusste also ganz genau, dass er mit dem Kommunismus „die Furien des Privatinteresses“ gegen die Arbeiterbewegung mobilisieren würde.

Und was denkst Du so?

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s