Macht MMT den friedlichen Unterschied zur Weltwirtschaftskrise ab 1929?


Die sogenannte „Modern Monetary Theorie“ weist darauf hin, dass man mittels staatlicher Zahlungsmittelschöpfung jederzeit zusätzliche Staatsausgaben zinslos finanzieren könnte.

So könnten gesellschaftliche Ziele wie z. B. die Vollbeschäftigung durch den Ausgleich von Unternachfrage erreicht werden. Der aus dem privaten Einzelhaushalt  kommenden Vorstellung, dass immer weitere staatliche Aufschuldung irgendwann in eine Zahlungsfähigkeit führen müsste, fehlt also wohl jede Grundlage. Nun braucht es aber auch nicht viel ökonomisches Fachwissen um sich vorzustellen, dass eine über dem inländischen Angebot liegende „gedruckte“ Nachfrage zeitnah zu einer hohen Inflation führen würde.

Um diesen Simbabwe Fall soll es hier aber gar nicht gehen, sondern wir wollen MMT als Lösung für das „deutsche Problem“ diskutieren, welches in einer Weltwirtschaftskrise ein globales Problem wird. Deutschland hat seit längerer Zeit die Herausforderung, dass seine Bürger gern in Geld sparen, also mehr einnehmen als ausgeben wollen. Dafür braucht man aber eben Wirtschaftssektoren, welche mehr ausgeben als einnehmen. Klassisch hat man dazu die Vorstellung, dass diese Aufgabe die Unternehmen übernehmen. Dazu muss man aber wissen, dass eine Verschuldung des Unternehmenssektors nur dann möglich ist, wenn die unternehmerische Nettoinvestition als gesamtwirtschaftliche Gewinnquelle  deutlich über dieser Verschuldung liegt. Ansonsten machen die Unternehme per Saldo keine Gewinne, was die weitere Investition erst recht zum Erliegen bringt.Die unternehmerische Nettoinvestition ist aber in den führenden Industrieländern incl. Deutschland seit Jahren so gering, dass der Unternehmenssektor selbst zum Nettogeldsparer wurde, also auch für ihn Schuldner gefunden werden müssen. Die bisherige deutsche Lösung für das Problem erscheint einfach und genial, mittels Exportüberschüssen kann man das Problem gleich mit der Ware exportieren. Dazu ist es nur wichtig, dass man im Ausland nicht wieder so viel kauft, wie man an das Ausland verkauft, weshalb man auch von Importdefiziten sprechen kann. Diese Importdefizite ersetzen die deutschen Staatsdefizite, die man für einen Ausgleich der Geldsparneigung der deutschen Bevölkerung eigentlich bräuchte.  Die Sache lief zuletzt richtig gut, die Importdefizite waren sogar noch größer als de Nettogeldvermögenbildung der Privaten, weshalb der deutsche Staat sogar Überschüsse erzielte.

Nach Corona wird sich aber absehbar das Problem der Unternehmensgewinne verschärfen. Mit sehr großer Sicherheit ist zu erwarten, dass die Neuinvestitionen die gigantischen Abschreibungseinnahmen auf den Kapitalstock unterschreiten. Die unternehmerische Nettoinvestition als Gewinnpotential wird damit in den wichtigsten Industrieländern negativ. Die jeweilige nationale Wirtschaft kann nur wieder mit Gewinn wirtschaften und investieren, wenn der Rest der Welt ihr gegenüber stark Geldvermögen abbaut. Denn dieser Geldvermögensabbau des Rest der Welt ist der Geldvermögensaufbau der Unternehmen, welcher nun die negative Nettoinvestition als Verlustquelle ausgleicht. In der Folge kann es sich kein Land mehr erlauben, zusätzlich auch noch gegenüber dem Ausland Geldvermögen abzubauen. Dies ist also auch das Spielende für den deutschen Schuldenexport via Exportsaldo.   Das deutsche Problem wird nun also inländisch schlagend. Und es wird allerhöchste Zeit, dass wir unsere eigene Verarmung durch die Importdefizite stoppen. Um diese lose/lose Veranstaltung zu stoppen, müssen nun entweder die privaten Sparpläne in reale Investitionen gelenkt oder der eigene Staat als schmerzfreier Schuldner einspringen.

Nun ist es ständiges Thema dieses Blogs, wie man die zu große Neigung zur Geldvermögensbildung reduzieren könnte. Dies ist aber maximal unpopulär. Es erscheint regelrecht illegitim, denn es geht ja um das Sanktionieren der anerzogenen Tugend mehr einzunehmen als auszugeben. Deshalb geht es heute im Gedankenexperiment  ja auch um Alternative:

1. Wir erklären die Staatsverschuldung für „egal“, da wir nicht zahlungsunfähig in unserer eigenen Währung werden können und für MMT-Geld auch keine Zinsen zahlen müssen. Dazu müßten wir Regeln ändern, die man nur schwer ändern kann. Dies wollen wir aber erst mal ignorieren. Zur Ermöglichung von undenkbaren  Regeländerungen sind Krisen ja  da. Die MMT ler weisen ja auch darauf hin, dass sie einfach nur die Realität des endogenen Geldes beschreiben und es findet ja mittels der Anleihekäufe
der Notenbanken praktisch schon so statt.

2. Wir erhöhen zur Vermeidung von (Handels-) Krieg Löhne und Renten so viel stärker als unsere Handelspartner. Dies tun wir,  bis unser Importdefizit mindestens verschwunden ist.  Eigentlich wäre es sogar sinnvoll das Saldo eine Zeit lang umzudrehen. Wir erhalten reale Werte gegen Forderungen und stabilisieren so auch die teilweise stark angeschlagenen Handelspartner.

3. Da nun das Ausland die Nachfragelücke der Sparefrohs nicht mehr ausgleicht, macht dies nun der deutsche Staat mit MMT-Finanzierung. Wir bekommen die beste Infrastruktur der Welt. Besser als sein Sozialprodukt gegen Forderungen an Länder zu tauschen, von welchen man nie überschüssig zu kaufen plant, ist dies allemal.

4. Wir geben uns aber  Regel und Werkzeuge, dass wir mit der MMT-Finanzierung keine inflationäre Übernachfrage erzeugen. Ich habe z.B. schon 2012 eine Kreditsteuer vorgeschlagen, welche bei Übernachfrage die Staatsverschuldung tilgt. Gleichzeitig
könnte man so die Probleme von Gemeinschaftswährungen lösen, wieder eine national
angepasste Geldpolitik zu machen. Also wäre doch auch das Inflationsproblem gelöst?

Kurzfristig ja, aber wie sieht es langfristig aus? Wenn sich die Präferenzen der Privaten zur Geldvermögensbildung nicht ändern, stiege nun die deutsche Staatsverschuldung um ca. 200Mrd.€ = ca. 6% BIP im Jahr. Es wird also zusammen mit den Folgen der Corona-Krise gar nicht lang dauern, bis wir bei 100% BIP angekommen sind.  Aber bis wir bei den ca. 240% BIP Staatsverschuldung Japans angekommen sind, wäre es doch ein sehr weiter Weg und Japan hat ja bis heute immer wieder das Problem seine Zielinflation nicht zu erreichen.

Ich komme jetzt hier mal zum eigentlichen Punkt. Würden die Halter der Guthaben  aus 100% oder gar 200% BIP Staatsverschuldung in relativ kurzer Zeit einkaufen wollen würde dies sofort in eine hyperinflationäre Angebotsknappheit führen. Selbst wenn die Babyboomer ihre Geldvermögen aus Staatsschulden über 30 Jahre auflösen würden, wollen sie aber reale Leistung nachfragen, die von den Jüngern geleistet werden muss. Soll es keine Inflation geben, dann müssen ihre Nettoeinkommen entsprechend kleiner sein, damit die Zusatznachfrage aus den Guthaben inflationsfrei befriedigt werden kann.
Die Frage ist aber auch, werden die Geldvermögen der Babyboomer überhaupt aufgelöst oder eher an die nächste Sparergeneration vererbt? Und kommt es nicht kausal zu inflationären Lohnerhöhungen auch in Exportdefizit-Ländern, wenn denn die Regel so ist, dass der Staat eine eventuelle Nachfragelücke schließt? Und würde nicht genau dann eher die Sachwertflucht aus unverzinsten Guthaben aus Staatsdefiziten einsetzen? Aber ist dies überhaupt ein Problem? Inflation bei Sachwerten nennt man auch Wertsteigerung – so what? Diese Fragen sollten wir uns jetzt stellen, weil sie Teil einer Debatte um neue oder reformierte Institutionen sein werden. Neben den neuen ökologischen Herausforderungen gibt es die ungelösten Themen, wie wir global binnenwirtschaftliche und außenwirtschaftliche Stabilität der Nationen sichern.
Deutschland ist da ein schlimmes Beispiel, wie man binnenwirtschaftliches Gleichgewicht nur durch ein maximales außenwirtschaftliches Ungleichgewicht erreichen konnte. Ganz offensichtlich bräuchte es neue globale Konstrukte, welche lose/lose Konstellationen durchbrechen. Die MMT-Finanzierung von Staatsdefiziten kann dort nur ein Baustein sein. Denn dieser kann zwar ein binnenwirtschaftliches Gleichgewicht erzeugen, dieses wird ohne weitere Mechanismen nicht mit dem Inflationsziel und dem außenwirtschaftlichen Gleichgewicht zusammen fallen. Dazu sollten wohl die Steigerungen der Nettoeinkommen nach der goldenen Regel moderiert werden?

Ich hatte mir 2012 bei „Muttis Piraten-Trip“ dazu schon einmal Gedanken dazu gemacht, ohne das eine Diskussion dazu möglich war. Heute erschreckt mich, dass unsere Ökonomen noch nicht an jeder Ecke  über eine neue globale Institution diskutieren, welche die binnenwirtschaftliche und außenwirtschaftliche Stabilität der Nationen absichert. Denn genau das Fehlen dieser Institutionen war die Hauptursache für die Kriege des 20ten Jahrhunderts. Wenn wir nach der Weltwirtschaftskrise 2020 nicht den gleichen Weg gehen wollen, dürfen wir so langsam in die Pötte kommen?

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