Staatsschulden sind heute ein Zeichen von reiner Tugend


Die globalen Staatsschulden bilden eine sogenannte Identität mit den monetären Überschüssen der Privaten. Man könnte Staatsverschuldung deshalb auch als Privatüberschüsse bezeichnen. Sie entstehen also nur, wenn sich die Privaten tugendhaft verhalten und in Summe mehr einnehmen als ausgeben.

Nun wird ihnen dies auch ein „richtiger“ Ökonom bestätigen. Er wird aber dann auch darauf hinweisen, dass bei dieser Identität Ursache und Wirkung prinzipiell unbestimmt sind. Es könnte ja auch sein, dass der Staat den Privaten alles vor der Nase weg gekauft. Die Regale sind leer, Autos müssen viele Jahre vor Lieferung bestellt werden. Der Autor dieser Zeilen kennt solche Situationen gut aus der ehemaligen DDR.
Nun ist dies im Kapitalismus wohl nicht die Regel. Aber da könnte es doch zumindest so sein, dass die Staaten mit zügellosen Ausgaben die Zinsen so weit hoch getrieben haben, dass der Investitionsverzicht der Privaten nur eine Folge davon ist. Dann wären ja die Staatsschulden kein Zeichen reiner Tugend, da sie ja von außen durch echten Mangel oder hohe Zinsen angeregt. Ach ja, Zinsen, was war das gleich? Ja genau, Sie erinnern sich, die Prämie die es früher für das Geldsparen gab.

Zinsen gibt es ja schon länger nicht mehr. Dies bedeutet aber auch, dass die privaten Überschüsse = staatlichen Defizite heute ein Zeichen reiner Tugend sind.

Und nun kommen wir zum Problem, Exportsalden verschieben die Privatüberschüsse = Staatsschulden in die Bilanzen anderer Länder. So erscheint uns die USA besonders tugendhaft, weil sie u.a. unsere Staatsschulden in ihrer Bilanz ausweisen. Wie wir aus Funk und  Fernsehen wissen, ist der Präsident der USA  aber bekanntlich minderschlau,  weshalb er auch den Ausweis deutscher Tugend nicht zu schätzen weiß.

Sollten wir also nicht besser selbst zu unserer Tugend stehen? Wir müssen dazu nur Löhne und Renten stärker erhöhen, dann verschwindet unser Importdefizit. Die Nachfragelücke  aus der deutschen Tugend schließt der deutsche Staat mit Aufbau der
modernsten Infrastruktur der Welt, auf die wir dann auch wieder stolz sein können.

Aber muss man die Staatsschulden nicht irgendwann zurückzahlen? Ja und mit inländischen Staatsschulden geht dies völlig problemlos. Es ist nur völlig unbestimmt, ob dies in 10 oder 100 Jahren so weit ist. Denn dazu müssen die Privaten auch ihre Überschüsse abbauen wollen. Dann nimmt man einfach eine Kreditsteuer, damit dieses Ansinnen dann nicht zu Inflation führt.

Was denken Sie zur Tugend der Staatsschulden = Privatüberschüsse? War Ihnen diese Sache neu oder schon immer bewusst?

3 Kommentare zu „Staatsschulden sind heute ein Zeichen von reiner Tugend“

  1. Nicht nur zu diesem Post und nicht nur zu diesem Thema, sondern zu allen wirtschaftswissenschaftlichen Fragestellungen höchst relevant:
    >> Ungleiche Erzählungen: Warum es wichtig ist, wie in den Wirtschaftswissenschaften über Ungleichheit gesprochen wird. << (ein Text von Henri Schneider, Henrika Meyer und Julia Schmid vom Netzwerk Plurale Ökonomik)
    https://agora42.de/erzaehlte-ungleichheit-henri-schneider-henrika-meyer-julia-schmid/?fbclid=IwAR2SX55n-KTLKoBtUi387yJBX9ZQTyQMetKhd2LZnaZ-0vibtdpjF32Vb00
    (Das lässt sich auch auf die Frage ausweiten, wie wir Menschen mit unserer Mitwelt umgehen.)

  2. Hallo Jörg,
    kannst du bitte noch einmal möglichst kurz und einfach erklären, warum sich Staat und Privathaushalte in diesem Modell tatsächlich komlementär verhalten? (So dass das zu der mathematischen Gleichsetzung „Staatsschulden = Privatüberschüsse“ berechtigt?) Ist dabei die Wirtschaft in den Privathaushalten enthalten? Oder warum taucht die in deinem zugrundegelegten Modell nicht gesondert auf?
    Holger

    1. Hallo Holger,

      danke für die Nachfragen. Der Privatsektor ist in dieser Betrachtung tatsächlich nicht nach Haushalten und Betrieben untergliedert. Die Logik hinter Staatsdefizite = Privatüberschüsse ist

      Einnahmeüberschüsse des Einen Sektors (z.B. alle Private) = Ausgabeüberschüsse des Rest der Welt (z.B. alle Staaten)

      Was daran so ungewöhnlich scheint ist, dass wir Verschuldung mit Kredit verwechseln, bzw. Kreditaufnahme als Bedingung für Verschuldung sehen. Daraus resultiert dann wieder die Vorstellung, dass Verschuldung wie ein Kredit „aufgenommen“ werden muss und durch „Nichtaufnehmen“ zu vermeiden ist. Verschuldung ist aber schlicht mehr ausgeben als einnehmen. Und dies tun Wirtschafter durch feste Kontrakte völlig unabhängig von geplanter Kreditaufnahme. Für die Staaten ist es eben im Ergebnis einfach so, dass die Steuereinnahmen unabhängig der Planung hinter den Ausgaben zurückbleiben, wenn denn der Privatsektor Einnahmeüberschüsse bilden möchte. Wenn eben wenn, dies nicht vom Ausland durch Ausgabeüberschüsse (für uns Importdefizite = Exportüberschüsse) ausgeglichen wird.

      Jörg
      PS Buch gerade eingetroffen – kurzer Blick rein -holistisches Mem ist höchste Stufe, sofort gut gefunden. 🙂

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